Hamm-Brücher: Die letzte Korrektur durchs Bundesverfassungsgericht geschah Anfang der siebziger Jahre. Dann erst begann eine zweite Epoche, in der Frauen anfingen, um Positionen zu kämpfen, um Regierungsverantwortung, Führungsposten in Partei und Fraktion. Ich gehörte zu jenen Frauen, die es nicht genauso machen wollten wie die Männer. Ich wollte versuchen, Verantwortung anders zu gestalten, sodass eben die Fehlentwicklungen männlicher Machtausübung, die ja wieder vorherrschend waren, korrigiert werden konnten.

Politisch war das natürlich beinahe selbstmörderisch. Wir hatten keine Tradition, keine weiblichen Netzwerke, keine Vorstellungen, wie Macht ausgeübt werden muss. Es war ein langwieriger Prozess. Dann gab es die ersten Bürgermeisterinnen. Ich war Anfang der siebziger Jahre die erste Fraktionsvorsitzende in Deutschland im Bayerischen Landtag. Wir waren unsicher, uns fehlte das Selbstbewusstsein.

Gab es Frauensolidarität in der Politik?

Hamm-Brücher: Ich bin von Anfang an von Frauen gewählt worden, und Frauen haben mir vertraut, dass ich mich nicht total anpasse und nur darauf achte: Gefällt's den Männern? Im Allgemeinen aber taten sich die Frauen lange Zeit schwer mit Politikerinnen. Auf Versammlungen wurde ich ständig gefragt: Und wer kümmert sich um Ihre Kinder? Es waren immer die Frauen, die infrage stellten, dass man Karriere und Familie doch irgendwie zu ihrem Recht kommen lassen kann. Ist natürlich auch eine ziemliche Strapaze gewesen. Anderseits: Noch heute bekomme ich Briefe und treffe Frauen, die sagen: Sie haben mir Mut gemacht. Das ist eines der schönsten Ergebnisse meines langen politischen Lebens.

Steinbacher: Die erste Frauenbewegung hat ihre politische Mobilisierungsfähigkeit schon in den zwanziger Jahren verloren. Die bürgerliche Frauenbewegung zog sich auf das mütterliche Konzept als Ergänzung der männlichen Kultur zurück, die sozialistische zerstritt sich in Flügelkämpfen, die SPD-Frauen engagierten sich nur noch in der Wohlfahrtspolitik, und die kommunistischen Frauen wollten das weibliche Fabrik-Proletariat aktivieren. Die Frauenbewegung in der Weimarer Zeit war also gespalten und politisch unfähig, sodass man 1945 auf nichts zurückgreifen konnte.

Hamm-Brücher: In der Tat. Und was den heutigen Frauen gar nicht mehr bewusst ist: Das Frauen-Stimmrecht war 1918 quasi von oben verordnet worden. In den bürgerlichen Lagern, selbst da, wo Spuren von politischem Bewusstsein in den Frauenverbänden vorhanden waren, galt das Wahlrecht nicht als Hauptthema. Das Tragisch-Komische war: Die Männer wollten es nicht, weil sie befürchteten, die Frauen wählten links - aber sie wählten konservativ! Auch nach 1945.

Steinbacher: Die zweite Frauenbewegung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre hat ja von der ersten so gut wie keine Notiz genommen.