Hamm-Brücher: Verachtet hat sie sie.

Steinbacher: Ja, wahrscheinlich weil die neue Frauenbewegung etwas radikal anderes wollte als die erste. Es ging um eine radikale Verweigerung der tradierten Frauenrolle und der Geschlechterhierarchien.

Hamm-Brücher: Ja, jetzt war das Thema: Frauen und Macht. Die Frauen wollten an die Schaltstellen.

Galt Macht davor für Frauen als etwas Anrüchiges?

Hamm-Brücher: Zuerst war man einfach glücklich, dass man ein bisschen mitmischen konnte. Ich persönlich bin bis heute mit dem Begriff der Macht nicht im Reinen, weil für mich Macht immer in Verbindung steht mit der Ohnmacht anderer, Macht immer Hierarchien bilden muss, nicht wahr? Es müsste klarer werden, dass es darum geht, Verantwortlichkeit und Gestaltungswillen einzusetzen, um die Funktionsfähigkeit von Ministerien, Schulen, Kirchen und so weiter zu stärken. Die meisten so genannten Verantwortungspolitiker verstehen ja unter "Verantwortung" zuallererst "Macht", reale persönliche Macht und Macht für ihr Amt. Macht ist der große Fetisch der Männer. Wird sie auch unser Fetisch? Wenn Frauen sich zusammenfinden, um mehr Macht zu erringen, dann muss ich erst mal nachfragen: Was wollen sie damit? Was ist das Ziel unserer Emanzipation: Anpassen? Widerstehen? Oder verändern? Das sind die Alternativen. Ein wirklich neues Selbstbewusstsein und den politisch-parlamentarischen Aufbruch jedenfalls verdanken wir eindeutig den Grünen. Wenn sie nicht Anfang der achtziger Jahre ins Parlament eingezogen wären mit absoluter Parität der Geschlechter, mit einer Freimütigkeit, Probleme auszusprechen, die nie zuvor im Parlament so zur Sprache gekommen waren - wo wären wir heute?

Aber gerade die Liberalen haben die Quote, die grüne Frauen ermächtigt hat, strikt abgelehnt.

Hamm-Brücher: Ja, auch ich war zögerlich. Nachträglich sage ich, die Quote war sehr wichtig. Die vielen guten Frauen, die sich ohne sie nicht hätten durchsetzen können, die wir aber brauchen - das war richtig. Aber wir sollten die Hilfe der Quote auf Dauer nicht brauchen müssen.