Eine Voraussetzung für Emanzipation ist Bildung - eines Ihrer Lebensthemen, nicht wahr?

Hamm-Brücher: Ja, die totale Chancenungleichheit für Mädchen und Frauen musste unbedingt überwunden werden. Weiterführende Schulen für Mädchen waren ja die Ausnahme. In Bayern war es ganz extrem, das höhere Mädchenschulwesen war fest in katholischer Hand. Man war schon stolz, wenn die Mädchen einen mittleren Bildungsabschluss hatten, das reichte dann fürs Heiraten und Kinderkriegen. Bisschen Klavierspielen, bisschen Fremdsprache, ansonsten nur nicht zu viel Emanzipation. Das ändern zu wollen galt als Sünde. Ich wurde des Öfteren von der Kanzel abgekündigt. Doch die Öffnung weiterführender Schulen für Mädchen halte ich mir als einen meiner wirklichen Erfolge zugute.

1966, als Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium, hatte ich Einblick in alle Beförderungen und Berufungen. Mir fiel auf, dass unter den Bewerbern ganz selten eine Frau war. Fast nie! Ich fragte die Referenten: Warum? Sie sagten: Die bewerben sich eben nicht. Dann muss man sie ermutigen, antwortete ich. Die erste gymnasiale Schuldirektorin, die erste Schulrätin waren dann eine kleine Sensation.

Trotzdem haben Frauen immer noch enorme Probleme mit dem Bildungssystem - wenn sie Mütter sind. Keine Ganztagsschulen, keine ausreichende Betreuung?

Hamm-Brücher: Das ist eines der negativen Phänomene in unserer Demokratieentwicklung - unsere Verspätungen und Versäumnisse. Schon in den siebziger Jahren habe ich im Bildungsbericht der Bundesregierung geschrieben: Wenn wir Frauen die Chance für Bildung und Karriere öffnen, dann fehlen alle Voraussetzungen dafür: Ganztagsschulen, Vorschulerziehung usw. Aber Frauen erzählen mir immer noch: Ich werde zu Hause gebraucht, weil die Schule nicht ausreicht. Mütter als Hilfslehrer der Nation - das gibt's doch nirgends! Ich werde ganz bitter bei diesem Thema. Und wütend.

Steinbacher: Ein wesentlicher Grund für die deutschen Verspätungen liegt wohl in den fünfziger Jahren und in der Idealisierung der Familie und der Mutterrolle; das ist weniger ein Erbe des "Dritten Reiches" gewesen als eine neue Konstruktion der fünfziger Jahre, die seh viel mit gesellschaftlicher Restauration zu tun hatte, mit den Versuchen gesellschaftlicher Integration der NS-Belasteten. Eine große Rolle spielt auch der Antikommunismus, um sich von der Entwicklung in der DDR abzusetzen. Denn sie pflegte statt Familienorientierung viel stärker die Berufsorientierung der Frauen.

Hamm-Brücher: Die fünfziger Jahre waren die reaktionärste Phase der Nach-Hitler-Geschichte. Alles kam zusammen: Familie, Mutterrolle, Männervorherrschaft. Und man hatte keine Vorstellung davon, was für ein Schatz mit dem Grundgesetz zu heben war. Das kam erst mit der neuen Frauenbewegung. Im Übrigen ist die deutsche Verspätung, von der wir sprachen, nicht nur im Bereich der Frauenemanzipation eklatant. In der Bildungspolitik insgesamt ist sie beinahe schicksalhaft katastrophal. Riesenverspätungen haben wir auch mit Blick auf den Umgang mit Fremden in unserem Land. Sie galten ja lange als "Gastarbeiter"; man nahm an, die gehen wieder weg, mitsamt ihren Kindern. Diese demokratische Nichtbewältigung der großen gesellschaftlichen Aufgaben hat unsere Demokratie geschwächt, ihr Ansehen oft infrage gestellt, leider! Und die Tatsache, dass Demokratie nie vollkommen und immer eine mühsame Aufgabe ist, die nie zu Ende geht, will den Bürgern immer noch nicht so recht in den Kopf.

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