Hausbesuch

Das Melodiefossil

Willy Sommerfeld, der letzte große Stummfilmpianist, kommt mit 102 Jahren ins Fernsehen. Unsere Autorin Rabea Weihser hat ihn und seine Frau in Berlin getroffen

„Willichen, jetzt stell dich richtig hin und geh!“, sagt Doris Sommerfeld energisch. Willichen ist ihr Mann und 102 Jahre alt. Leicht gebeugt schlurft er zum Klavier, setzt sich, legt seine faltigen Hände auf die Tasten. „Kannst du dich noch an Metropolis erinnern, Papa?“ fragt seine Frau. „Ja, Metropolis , da hatte ich immer ein Hauptmotiv“, murmelt Willy Sommerfeld. Er pfeift ein paar Töne ohne Zusammenhang, singt „Damm, Bamm, Bamm!“ und donnert die ersten Takte des cis-moll-Preludiums von Sergej Rachmaninow in den Flügel.

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Willy Sommerfeld ist der letzte große Stummfilmpianist. Mit seiner Frau Doris wohnt er in der Uhlandstraße in Berlin-Charlottenburg. In den Zwanzigern begleitete er Leinwandklassiker wie Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein, Fritz Langs Metropolis oder Berlin: Sinfonie der Großstadt von Walter Ruttmann. Er erlebte zwei Weltkriege, die Teilung Deutschlands, die Wiedervereinigung, die Jahrtausendwende. Bis heute spielt er jeden Tag Klavier, ganz ohne Noten, denn die größten Musiken des 19. und 20. Jahrhunderts kennt er auswendig.

In diesem Jahr war Willy Sommerfeld besonders gefragt: Im Sommer kam eine Dokumentation über sein Leben in die Kinos, The Sounds of Silents – Der Stummfilmpianist , und er erhielt das Bundesverdienstkreuz am Bande. Der Trubel um seine Person schert ihn wenig. In Interviews unterstützt ihn seine Frau, nachdem sein Gehör in den vergangenen Monaten stark nachgelassen hat. Doris Sommerfeld ist 75 und hält ihn seit einem halben Jahrhundert auf Trab. Sie kennt ihn genau und erzählt vergnügt: „Die ganzen Abenteuer seines Lebens weiß ich, was soll er sich denn noch alles merken!“ Sein Kopf ist voller Melodien.

Das Plakat zum Kinofilm

Das Plakat zum Kinofilm

Eigentlich sollte Willy Sommerfeld Musiklehrer werden. Mit 16 machte er in seiner Geburtsstadt Danzig das Examen zum Geigenlehrer. „Aber das hat mir nie gelegen", sagt Sommerfeld. Er wollte als Kapellmeister ein Orchester leiten und Musik komponieren. Das Talent dazu hatte er. Seine Geigenlehrerin konnte ihm binnen dreier Stunden die Grundlagen des Klavierspiels beibringen. Nach dem Examen zog er nach Berlin, um am Sternschen Konservatorium zu studieren.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren hart für Künstler in der Großstadt. Da kamen die ersten Stummfilmkinos auf. In den Bayreuther Lichtspielen am Wittenbergplatz verdiente er sich ein Zubrot. „Ich spielte Violine zum Film, und mein Professor vom Konservatorium saß am Klavier. Der war ein Schüler von Arthur Rubinstein und brachte mich abends immer nach Hause. Sicherheitshalber, wegen der Damen,“ erzählt Willy Sommerfeld und grinst. Als Siebzehnjähriger studierte er vormittags, danach ging er ins Kino, suchte die passenden Noten für den abendlichen Auftritt heraus und übte heimlich Klavierspielen. Bald schon ersetzte er den Professor und begleitete die Filme allein. Mit drei Unterrichtsstunden hatte er es zum Stummfilmpianisten gebracht. Manch technische Schwäche konnte er geschickt kaschieren, die Improvisation wurde seine Stärke.

Es gab zwar seit 1910 die so genannten Kinotheken, in denen Musikstücke nach ihrem Grundcharakter sortiert waren. Die Stummfilmbegleiter mussten also nur in die Schublade „gruselig“ oder „lieblich“ greifen, um mit den hinterlegten Werken die verschiedenen Filmszenen zu untermalen. Doch Willy Sommerfeld wollte seine knappe Freizeit nicht in Archiven verbringen. Im Kapellmeisterstudium hatte er viele Partituren verinnerlicht, das half ihm nun: Während die schwarz-weißen Bilder über die Leinwand flimmerten, fügte er aus dem Stegreif Opernmelodien, das klassische Konzertrepertoire und die neuesten Schlager zu einer Klangtapete zusammen. Oft hatte er den Film noch nie vorher gesehen und spielte, wie es ihm gerade in die Finger schoss.

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    • Von Rabea Weihser
    • Datum 2.1.2008 - 02:48 Uhr
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    • Quelle ZEIT online, 2006
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