Hausbesuch Das MelodiefossilSeite 3/3

Die Bayreuther Lichtspiele, in denen er als studentischer Stummfilmpianist 1921 seine Karriere begonnen hatte, trugen mittlerweile den Namen Arsenal. Anfang der Siebziger trafen sich hier die Freunde der deutschen Kinemathek und begeisterten sich für die alten Werke von Lang, Murnau und Eisenstein, die Anfang der dreißiger Jahre vom Tonfilm verdrängt worden waren. „Da ging mein Mann als verhältnismäßig junger Rentner hin und sagte ‚Sie bringen doch hier Stummfilme. Wollen Sie die ohne Musik bringen? Dann ist der Stummfilm tot.’“, erzählt Doris Sommerfeld, ihr Mann nickt.

Willy Sommerfeld begleitet "Panzerkreuzer Potemkin"

Willy Sommerfeld begleitet "Panzerkreuzer Potemkin"

Und so begann die zweite Karriere des Willy Sommerfeld, als Fossil aus einer längst vergangenen Ära. Zweimal im Monat spielte er nun wieder in dem alten Kino. „Mich hat er immer vorgeschickt: ‚Guck doch mal auf das Plakat und sag mir, ob es ein ernster oder heiterer Film ist.’ Der würde sich nie einen Film zweimal nacheinander ansehen“, sagt sie und lacht. In ganz Deutschland wurde er zu Filmvorführungen eingeladen. Willy Sommerfeld nutzte seine Musik, um nachfolgenden Generationen die Bildsprache seiner Jugend näher zu bringen, ein Gefühl für die vergangene Zeit zu vermitteln. Für seine Bemühungen um die Stummfilmkultur erhielt er etliche Ehrenauszeichnungen und Preise.

Anzeige

„Wenn zum Schluss in Metropolis die Arbeitermassen auf ihren Chef losgehen und man denkt, jetzt gibt es einen Zusammenstoß zwischen Kapital und Proletariat, hat er die Internationale gespielt“, berichtet Doris Sommerfeld von den Freiluftaufführungen der achtziger Jahre. Und sie singt: „ Völker hört die Signale! So kann man ein Publikum seinen Vorstellungen entsprechend stimulieren, sodass es das Ganze ernst nimmt und die Gedanken des Autors versteht. Beim Stummfilm gibt es eben nur Schwarz und Weiß, Licht und Schatten, und den Rest macht die Musik.“

In den letzten Jahren hat sich Willy Sommerfeld aus dem Kino zurückgezogen, das Auftreten ist ihm zu anstrengend geworden. Lieber vertont er zu Hause Gedichte von Ringelnatz oder schreibt mit seiner Frau Kinderlieder. Der 102-Jährige ist bei recht guter Gesundheit und beschäftigt sich noch nicht mit dem Tod: „Das sind alles so komische Fragen. Ich bin noch im Diesseits. Das Leben ist irgendwann vorüber und dann...“

Willy und Doris Sommerfeld

Willy und Doris Sommerfeld

Bis dahin improvisiert er noch ein wenig, nimmt es, wie es kommt. „Ich hatte immer die Einstellung, ich werde geführt von da oben, vom Schicksal. Ich habe die Dinge ganz spontan gemacht, und nachher hat sich rausgestellt, dass es richtig war.“

Der Film „The Sounds of Silents – Der Stummfilmpianist“ von Ilona Ziok läuft am 5. Dezember 2006 um 23.45 Uhr im NDR, am 10. Dezember 2006 um 18.00 Uhr im FilmForum NRW im Kölner Museum Ludwig und am 11. Januar 2007 um 23.45 Uhr im SWR.

Weitere Informationen über Willy Sommerfeld gibt es hier

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service