Transkript "Alte Republik Deutschland"
ZEIT-Forum der Wissenschaft - 27.11.2006
Philipp-Christian Wachs
Meine sehr verehrten Damen und Herren, im Namen der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius möchte ich Sie alle heute Abend ganz herzlich begrüßen.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich mit dem Thema Demografie zu befassen. Eine davon ist das Blättern in der auflagestärksten deutschen Zeitschrift, der ADAC Motorwelt mit 20 Millionen Lesern, und das Studium der darin enthaltenen Werbung und der Reisetipps. Zunächst zur Werbung: Greift man zu einer Ausgabe des Jahres 1984, sieht man im Werbeteil das Lebensgefühl einer männlichen Leserschaft von damals durchschnittlich 35 Jahren bestens dokumentiert. Anzeigen für Extremsportarten, Abschlüsse auf dem zweiten Bildungsweg und die Miete von Luxussportwagen dominieren dort.
Das gleiche Heft im Herbst 2006 sieht vollkommen anders aus. In der Werbung sieht man seitenlang Anzeigen von Herstellern für Treppenlifte, eine Anzeige für Ginkgotabletten gegen Gedächtnisschwund und Sicherheitshilfen im Badezimmer. Überzeugen Sie sich selbst. Das Durchschnittsalter der Leser ist in nur 20 Jahren auf 53 Jahre angewachsen.
Den Reisetipps kann man im Sommer 2006 eine Reise durch Sachsen-Anhalt entnehmen. Sachsen-Anhalt ist ein schönes Land. Es gehört zu den ältesten und reichsten Kulturlandschaften Deutschlands. Kein Bundesland hat mehr Stätten des Weltkulturerbes. Hier steht die Wiege des Protestantismus in Eilsleben und Wittenberg. Und in Dessau findet sich mit dem Bauhaus ein Schrein der modernen Architektur. Zu den größten Köpfen des Landes gehört der Forscher Otto von Guericke, ein begnadeter Experimentalphysiker, der im 17. Jahrhundert das Wesen des Vakuums erforschte. Heute bräuchte sich Otto von Guericke mit dem Phänomen der leeren Räume nicht als Physiker zu befassen. Er müsste nur aus dem Fenster schauen, denn Sachsen-Anhalt ist wie kaum eine andere Region in Deutschland von der demografischen Schwindsucht befallen.
Es ist für das ganze Land ein Brennglas der demografischen Entwicklung mit all ihren Folgen. Seit 1945 hat das Land keinen Bevölkerungszuwachs mehr erlebt. Schon zu DDR-Zeiten verließen nach 1970 im jährlichen Durchschnitt knapp 9.000 Menschen das Land. Nach 1990 wurden es durchschnittlich 17.000.
Seit der Wende ist die Einwohnerzahl Sachsen-Anhalts von 2,9 auf 2,5 Millionen gesunken. Die Zahl der potenziellen Mütter zwischen 18 und 40 hat sich seitdem um ein Viertel verringert, die Zahl der im Land geborenen Kinder seit 1990 fast halbiert.
Im Ohrekreis, nordwestlich von Magdeburg, waren fast 80% der nach 1990 Fortgezogenen zwischen 18 und 24 Jahre alt. Die vier Landkreise mit der deutschlandweit ungünstigsten Bevölkerungsprognose liegen allesamt in Sachsen-Anhalt.
All dies hat dramatische Auswirkungen auf die Infrastruktur und eine fatale Kettenreaktion zur Folge. Schon heute finden sich dort allerorten Dörfer ohne Bahnhof, Bäckerei und Busstation, im Gewerbegebiet, wenn überhaupt, wenige Unternehmen und viel Platz, keine oder wenige Schulen und Kindergärten, wenn überhaupt. Zwischen 1992 und 2005 mussten im Land knapp 700 Schulen geschlossen werden und die Zahl der 16- bis 19-Jährigen, also, der potenziellen Lehrlinge und Studienanfänger, wird sich in den nächsten paar Jahren halbieren. Jugend kommt, wenn überhaupt, zu Weihnachten zu Besuch, in Autos mit Nummernschildern aus Aschaffenburg, Hamburg, München oder anderen Plätzen des Westens.
In Sachsen-Anhalt stehen trotz flächendeckender Abrisse 230.000 Wohnungen leer, ein Sechstel des Gesamtbestandes, Tendenz zunehmend. In Teilen ist das Land also schon bald ein Raum ohne Volk. Und bei gleichbleibenden Verlusten wäre es in hundert Jahren entvölkert.
Doch Sachsen-Anhalt und die neuen Länder nehmen dabei nur Entwicklungen vorweg, die ganz Deutschland in den kommenden Jahrzehnten von Grund auf verändern werden. Diese Veränderungen betreffen alle Bereiche unseres Lebens, die Familie, Schulen und Hochschulen, Regional- und Stadtplanung, Industrie, Handel und Immobilienwirtschaft, die öffentlichen und privaten Investitionen, den Umgang mit ausländischen Bürgern, letztlich also all das, was wir unter dem Begriff der deutschen Nation verstehen, und das, was uns bisher im Innersten zusammenhält.
Wie nun praktische Politik im Zeichen der Demografie aussieht, darüber diskutieren heute Abend Andreas Sentker aus der ZEIT und Ulrich Blumenthal vom Deutschlandfunk mit ausgewiesenen Experten. Sie alle könnten bei Otto von Guericke Trost finden. Der fand heraus, dass ein Vakuum die Umgebung stets dazu reizt, es durch Druck zu füllen.
Für den ZEIT-Verlag und die ZEIT-Stiftung danke ich hier den Podiumsteilnehmern und Ihnen allen, meine Damen und Herren, für Ihr Kommen und wünsche einen angenehmen und erkenntnisreichen Abend. Herr Sentker, Herr Blumenthal, Sie haben das Wort.
Moderation
Meine Damen und Herren, auf dem Gendarmenmarkt hier vor den Toren der Berlin-Brandenburgischen Akademie ist ein Weihnachtsmarkt aufgebaut. Kein Wunder, wir schreiben den 27. November. Wenn aber mitten im Sommer die Medien mit Weihnachtsliedern titeln ihr Kinderlein kommet, scheint die demografische Katastrophe im allgemeinen Bewusstsein angekommen.
Der Frankfurter Feuilletonist Frank Schirrmacher beschwört das Methusalem-Komplott, eine gefährliche Verschwörung. Das Aussterben scheint unabwendbar. Doch dann das, "Keine Angst vor Methusalem" hat der britische Ökonom Nicholas Strange sein gerade erschienenes Buch genannt. "Schluss mit dem Methusalemspuk" titelt der Spiegel in einer gerade erschienenen Sonderausgabe. "Aussterben abgesagt" schreibt DIE ZEIT. Die grüne Bundestagsfraktion überschreibt ein Thesenpapier aus dem Oktober 2006 mit "Demografischer Wandel als Chance". Also, aussterben oder Chance nutzen, was steht uns denn jetzt bevor?
Über die Zukunft der Republik Deutschland diskutieren heute Susanne Tatje, Projektbeauftragte Demografische Entwicklungsplanung der Stadt Bielefeld, Martin Patzelt, Oberbürgermeister von Frankfurt an der Oder, Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und Prof. Hans Bertram, Familienforscher, vom Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Herr Patzelt, wenn man die Zahlen liest und die Berichte hört, dann verlassen junge gutausgebildete Menschen, sehr stark auch junge gutausgebildete Frauen, die Kinder kriegen können, den Osten, auch Frankfurt an der Oder. Zurück bleiben Männer, die nicht so gut qualifiziert sind, die häufig arbeitslos sind. Wie leicht ist es für einen Oberbürgermeister in diesen Zeiten und unter solchen Zeichen eine Politik zu machen, die Zukunft versprechen soll für eine Stadt wie Frankfurt an der Oder?
Martin Patzelt
Leicht oder schwer, das ist immer wieder die Frage der individuellen Rezeption und der Kräfte, die man hat. Ich denke, eine Grundvoraussetzung ist, dass man die Situation erst mal zur Kenntnis nimmt, dass man sie nicht retuschiert, verdrängt, sie beschönigt, sich mit Utopien versucht über den Tag zu retten, sondern dass man eine realistische Bestandsaufnahme zur Kenntnis nimmt und die Bevölkerung der Stadt einlädt, an dieser Bestandsaufnahme teilzuhaben.
So wie man in der Sozialarbeit immer sagt, sehen wo derjenige steht und sich dann mit ihm in Bewegung setzen - sage ich mal als alter Sozialarbeiter - und dann tatsächlich aus dieser Situation heraus Perspektiven entwickelt, und zwar nicht allein, sondern gemeinsam mit der Bevölkerung, das halte ich für einen Ansatzpunkt, der mir selbst Kräfte gibt und der auch Kräfte freimachen kann bei anderen.
Moderation
Wer sind die, die Ihnen zur Seite stehen? Ein Oberbürgermeister, der Zukunft planen will, der auch Menschen in seiner Stadt, in seiner Region halten will, mit welchem Team kann man das schaffen?
Martin Patzelt
Also, ich denke, natürlich schaut man zuerst auf die nahestehenden Kollegen im politischen Raum, im Verwaltungsraum, auf die Protagonisten in der Stadt, die ihre Zukunft investiv oder auch aufgrund ihres Lebensalters dort geplant haben. Aber, ich denke, die Einladung ergeht an alle, die in der Stadt leben und sich mit der Stadt beschäftigen, die ihre Zukunft in Frankfurt Oder verbringen wollen.
Und da muss man geeignete Strukturen finden und Kommunikationsebenen, dass man mit denen ins Gespräch kommt. Und daraus entwickelt sich dann auch eine Kraft, die sich diesem scheinbaren, aber tatsächlichen, Verhängnis stellt und aus dem Verhängnis - ich bin etwas vorsichtig beim Sagen - eine Chance macht. Eine Chance insofern, als man sagt, auch unter dieser Situation können wir Menschen eine Lebensqualität entwickeln. Davon bin ich fest überzeugt. Aber die Voraussetzungen dafür sind, dass man tatsächlich, so wie Sie es mit Ihrer Frage eigentlich andeuten, in ein Teamwork tritt, also, in ein gemeinschaftliches Handeln in der Stadt eintritt.
Moderation
Es geht ja nicht um Leuchttürme, die Sie schaffen wollen oder schaffen können. Welches sind Zeichen, die Sie den Bürgern Ihrer Stadt vermitteln können, wo Sie sagen, diese Stadt hat Zukunft, diese Stadt hat Potenzial, es lohnt sich in dieser Stadt zu bleiben und diesen kommunikativen Prozess, den Sie angesprochen haben, mitzumachen, sich daran zu beteiligen?
- Datum 09.01.2008 - 11:36 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 1.12.2006
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