Transkript "Alte Republik Deutschland"Seite 7/7

Herr Heinrich

Heinrich ist mein Name. Mich würde interessieren, ich bin jetzt 65, woraus werde ich meine Lebensqualität in 20 Jahren ziehen. Das war ja früher relativ klar. Wir haben eine gewisse Ausbildungsphase und dann kommt der Hauptteil des Lebens, das ist die Berufsphase, und dann kommt noch der Abgesang, ein möglichst schöner Altersstand. Die Zeiten ändern sich ja. Wir haben im akademischen Bereich eine sehr lange Ausbildungsphase. Wir haben dann eine vergleichsweise kürzere Berufsphase, wo wir bei zwei Jahren Verlängerung schon einen ganz großen nationalen Aufstand erleben, und haben dann eine zunehmend lange Altersphase. Wie werden wir uns definieren? Woher werden wir unsere Lebensqualität beziehen? Das heißt auch, worauf müssen sich Kommunen einstellen, damit die Möglichkeiten später dann auch bestehen? Frau Tatje, vielleicht haben Sie in dem Zusammenhang Überlegungen angestellt?

Susanne Tatje

Was ich persönlich wichtig finde, das heißt nicht immer, dass das auch kompatibel ist mit dem, was aktuell vor Ort passiert, ist, dass es eine Infrastruktur gibt, die unterschiedliche Formen von Leben im Alter ermöglicht. Also, ich bin z. B. da dran ganz konkret, mir in Bielefeld auch die Quartiere in Hinblick auf Zusammenleben Alt und Jung genauer zu betrachten oder die Möglichkeiten zu schaffen, möglichst lange in der heimischen Wohnung leben zu bleiben und auch eine Infrastruktur vor Ort zu haben.

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In manchen Quartieren ist es ja einfach so, also, ich kann das für Berlin nicht beurteilen, ich kenne halt Bielefeld, dass Sparkasse, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten sich verabschieden aus Stadtteilen, aber die ärmere Bevölkerung, Migranten und ältere ärmere Leute, dort wohnen bleiben. Da gilt es einfach, Konzepte zu entwickeln, nicht nur für eine Gesamtstadt, sondern für die Stadtteile noch mal unterschiedlich.

Dann gibt es etwas in Bielefeld, das hat aber gar nichts mit mir zu tun. Das gab es schon vorher. Das gilt es jetzt noch anders zu konzeptionieren oder vielleicht auch auszubauen, weil der Anteil der älteren Menschen de facto größer wird, Zusammenlebenwohnformen von Alt und Jung zu entwickeln oder auch Pflegebetreuungsmöglichkeiten, die völlig anders sind als in diesen großen Heimen. Da gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Das finde ich persönlich sehr wichtig und das ist auch etwas, was ich als Schwerpunkt definiere.

Martin Patzelt

Einen Satz möchte ich noch hinterher schieben Herr Heinrich. Ich wäre, wenn Sie in Frankfurt Oder lebten, ganz scharf drauf, dass Sie solange, wie Sie können, alle Ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten für das Gemeinwohl in der Stadt einbringen und nicht nur privatisieren. Das würde Ihre Lebensqualität auch wesentlich erhöhen.

Herr (Geulbeck?)

(Geulbeck?) ist mein Name. Das war eben eine Frage zum Ende des Lebens und jetzt eine Frage zum Anfang des Lebens: Herr Patzelt, Sie hatten gesagt, dass Sie die strukturellen und atmosphärischen Gegebenheiten in Frankfurt versuchen zu verbessern. Das waren alles sehr allgemeine Ausführungen. Was tun Sie denn ganz konkret z.B. im Bereich der frühkindlichen Bildung, im Bereich der Kindertagesstätten, die ja auch gerade sehr, sehr aktuell diskutiert werden, um junge Eltern, um junge Menschen einfach auch an die Stadt zu binden und ihnen die Möglichkeit zu geben, neben tausend neuen Jobs, die Sie angeblich schaffen wollen, auch dort ihre Kinder großzuziehen? Danke.

Martin Patzelt

Zunächst müssen die Räumlichkeiten, die Bauten, das Umfeld attraktiv sein. Die dürfen nicht abschreckend wirken. Zum Zweiten muss jeder, der sein Kind in einer Bildungseinrichtung hat oder in einer Kindertagesstätte unterbringen will, erst mal einen Platz bekommen. Das garantiere ich. Das sage ich auch den neuen Investoren in Frankfurt Oder, ihr könnt allen Arbeitskräften, die von auswärts anfangen, sagen, ihr bekommt ganz schnell einen Platz.

Zweitens muss es Wahlmöglichkeiten geben bei diesen Plätzen, ein differenziertes Angebot, weil die Menschen eben sehr verschieden sind in ihrer Wertvorstellung, in ihren Ansprüchen. Und es muss für die Eltern möglich sein, dass sie in einem - da hängt noch viel, das hört sich immer an, als wäre das alles schon so in Frankfurt Oder; beileibe nicht - guten kommunikativen Verhältnis mit den Erziehern und den Lehrern sind, dass sie mitgestalten können. Das sind, glaube ich, für junge Menschen heute Anreize, dass sie ihre Kinder in Frankfurt Oder auch großziehen wollen.

Moderation

Gehen Sie auch raus, Sie haben ja davon schon mal gesprochen, gehen Sie auf Messen? Wo gehen Sie hin, um diesen Wettbewerb oder Kannibalismus, wie auch immer oder diesen Kampf um junge Leute, um Lebensqualität, um Zukunft, um diesen Kampf zu kämpfen? Wo findet man Sie überall mit dem Schwert?

Martin Patzelt

Man muss ja nicht überall hingehen, sondern man muss mal aufmerksam schauen, wo sind die Schaltstellen und gibt es Sensibilitäten, die auf diese Schalter reagieren. Wir haben das, ich sage immer, verdiente Glück, dass wir nun ein großes Solarunternehmen, ein weltweit agierendes, in den letzten Wochen in Frankfurt Oder vorstellen konnten. Das ist Frucht von jahrelanger Arbeit. Ich kann mich jetzt nicht damit trösten oder sagen, nun haben wir es geschafft, weil vergleichbare Städte haben das nicht so geschafft. Wenn die Investoren kommen, heißt das noch lange nicht, wir haben es ja deutlich gehört vorhin, dass das die Garantie für Zukunftssicherheit ist. Nun müssen wir mit der Arbeit, die in Frankfurt Oder möglich ist, auch die Lebensqualität in dem Sinne verbessern, dass dort junge Leute sagen können, hier können wir auch Kinder aufziehen und hier macht es Spaß, Kinder aufzuziehen. Da kommt ja noch viel mehr dazu, der ganze öffentliche Raum, die Atmosphäre. Wie verhalten sich alte Menschen gegenüber Kindern? Klagen sie nur? Sind Kinder eine Last oder sind sie eine Freude? Wenn z.B. in vielen Kindertagesstätten jetzt ältere Menschen ständig Gast sind und mit den Kindern spielen, kommunizieren können, dann bauen wir so langsam eine Atmosphäre auf, in der Kinderhaben, als ein Stück Lebensqualität empfunden wird. Das ist doch die Frage!

Ich komme selbst aus einer großen Familie, 13 Geschwister. Ich habe meine Kindheit auch heute noch, als eine sehr schöne Kindheit in Erinnerung, weil wir immer viele waren. Meine Mutter hat immer geklagt: Warum bringt ihr denn noch andere Kinder mit hierher, wir sind doch genug? Ja, dann sagen mir die anderen - auch heute erwachsene Menschen -, wenn wir uns über die Vergangenheit unterhalten, ja bei euch war es immer interessant, so eine Atmosphäre, in der man merkt, hier pulsiert Leben.

Wir müssen Eltern nur helfen, dass sie diese Situation mit Kindern nicht überfordert. Da hat die Stadt die Aufgabe, genau zu schauen, zu hören, wo müssen wir Hilfen anbieten, nicht nur mit Kindergeld, sondern manchmal ganz pragmatische Hilfen, wo wir wieder alte Menschen brauchen, wo wir Frührentner brauchen, die nicht nur mit Bussen in Europa rumturnen, sondern auch mal ein paar Wochen in Frankfurt Oder verleben. Na ja, das ist ein weites Feld.

Herr (Passelmann?)

Unter welchen Voraussetzungen kann denn eine stärkere Migration von Ausländern zur Lösung der Probleme beitragen?

Reiner Klingholz

Das Kernproblem, das wir haben, die Migrationspolitik in Deutschland hat Jahrzehnte lang immer besonders bildungsferne Schichten nach Deutschland geholt. Das kann man knallhart an Zahlen sehen. Wenn Sie sich die PISA-Daten angucken und da die Eltern, dann kann man sagen, dass Migranteneltern in Deutschland Pi mal Daumen fünf Jahre weniger Bildung haben als deutsche Eltern, während bspw. in Kanada, Migranteneltern genauso viel Bildung haben wie die kanadischen Eltern.

Das Problem bei Migration ist einfach, wenn sich mal Migrationspfade entwickelt haben, dann kommen ähnliche Ströme. Die Hochqualifizierten zu bekommen, die wir jetzt haben wollen, ist wahrscheinlich wahnsinnig schwer. Dann kommt hinzu, dass wir in Deutschland natürlich immer eine sehr starke Migration aus Osteuropa hatten, wo aber im Augenblick genau das gleiche Problem vorhanden ist, so dass, selbst wenn man eine ganz offene Migrationspolitik machen würde, man im Grunde genommen das, was man bräuchte, kurzfristig nicht bekäme, so dass man zunächst einmal die Probleme in der vorhersehbaren Zukunft, die man diskutiert, das kann man nun drehen und wenden, wie man will, mit eigener Kraft zu schaffen hat.

Da will ich doch noch mal etwas zu dem Lebensalter sagen, ich habe das ja eben schon mal mit dem Lebensverlauf gesagt: Ich glaube, wir müssen uns einfach von der Vorstellung verabschieden, dass der Fernfahrer und der Professor zur gleichen Zeit in den Ruhestand gehen, sondern werden einfach akzeptieren müssen, dass der 85-jährige Professor, wenn er noch geistig einigermaßen beieinander ist, Steuern zahlt, damit der 50-jährige Fernfahrer auch ein angemessenes Leben führen kann. Das ist sozusagen völlig anders als das, was wir heute haben. Wir werden also einfach die Ressourcen der älteren Generation in einer anderen Weise nutzen müssen als wir das bis jetzt gemacht haben. Das war heute Abend nicht das Thema, aber ich denke, da liegt eine der ganz großen Riesenchancen unserer Gesellschaft.

Moderation

Meine Damen und Herren, das war es. Das 24. ZEIT-Forum der Wissenschaft zum Thema "Alte Republik Deutschland". Andreas Sentker von DER ZEIT und ich, Ulli Blumenthal vom Deutschlandfunk, möchten uns bei Ihnen für die Aufmerksamkeit bedanken, für das Interesse an dieser Veranstaltung und würden uns freuen, Sie beim nächsten ZEIT-Forum, der 25. Veranstaltung, dann im Jahr 2007 wiederzusehen. Vielen Dank, dass Sie heute Abend hier waren.

 
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