Boers-o-Meter Die Erde ist keine Scheibe
Investoren handeln nicht immer so, wie die klassische Finanzmarkttheorie es sich vorstellt. Deshalb kann der Jahreswechsel an den Börsen so manche Überraschung bergen.
Investoren sind rational, lehrt uns zumindest die klassische Kapitalmarkttheorie: Sie entscheiden aufgrund der Abwägung von Risiko und Ertrag. Sie handeln nur, falls es neue Informationen gibt, reagieren dann aber sofort und objektiv nachvollziehbar auf jede relevante Neuigkeit. In der Regel lassen sie sich von Unternehmensnachrichten, Meldungen über die konjunkturelle Entwicklung oder die politische Klein- und Großwetterlage zum Kaufen und Verkaufen bewegen.
Demnach sind die Märkte effizient, und Investitionsentscheidungen lassen sich immer rational begründen. In dieser Hinsicht ähnelt die klassische Finanzmarkttheorie zumindest zum Teil jenem ökonomischen Ansatz, der beschreibt, wie unter gegebenen Voraussetzungen effiziente Ergebnisse zu erzielen sind.
Übertragen auf die Naturwissenschaften ist das vielleicht mit einer Physik vergleichbar, die einige Phänomene immer noch unter der Annahme beschreibt, die Erde sei eine Scheibe. Denn so schön die klassische Finanzmarkttheorie auch die an den Märkten beobachtbaren Effekte herleiten und begründen kann: Die dort in der Realität handelnden Personen sind nun einmal nicht in dem Ausmaß effizient, wie die Lehrbücher es gerne hätten. Sie werden getrieben von Gier und Furcht, haben nun einmal nicht immer alle Informationen zur Verfügung und sind zu guter Letzt auch noch gefangen in den Zwängen der Steuergesetzgebung und den Bilanzvorschriften.
Die Besonderheit der Steuergesetze besteht ja bekanntlich darin, dass sie annehmen, ein Investor werde am 1. Januar geboren und stürbe am 31. Dezember, nur um dann gleich wiedergeboren zu werden. Vor diesem Hintergrund sind langfristige Überlegungen für die Anleger nur von untergeordneter Bedeutung, und Investoren handeln nicht alleine aufgrund von Gewinnaussichten oder Inflationserwartungen, sondern beispielsweise auch, um möglichst viele Steuern zu sparen.
Auch die Bilanzvorschriften führen dazu, dass die Anleger von anderen Gründen zum Kauf oder Verkauf von Papieren bewegt werden, als es uns die klassische Theorie weismachen will. Zum Beispiel kann ein institutioneller Investor bestrebt sein, Abschreibungen in einem Bereich durch die Realisierung von Buchgewinnen in einem anderen Sektor auszugleichen. Kurz vor dem Jahresende hebt er möglicherweise noch stille Reserven, um die Bilanzen auf schön zu trimmen.
Gerade in der Fondsverwaltung lässt sich solch ein Verhalten oft beobachten. Da haben Fondsmanager eine bestimmte Entwicklung verschlafen, und nun steht der Jahresabschluss vor der Tür. Also erwerben sie kurz vor noch Toresschluss die Überflieger der jüngst vergangenen Wochen und werfen gleichzeitig die enttäuschenden Titel aus ihrem Portfolio. So betreiben sie professionelles Window dressing zur Besänftigung der Anleger und der eigenen Psyche. Haben sie die Starperformer der jüngsten Zeit schon im Bestand, stocken sie diese Titel auf. Anderenfalls kaufen sie die Papiere schnell noch zu und umgehen dadurch auch kritische Nachfragen.
- Datum 11.12.2006 - 08:41 Uhr
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