Comics: Kunst oder Kinderkram?
Comics sind allgegenwärtig – leider auch die dazugehörigen Klischees. Vor allem in Deutschland wird das Genre häufig unterschätzt.
Comics gelten als Kinderkram, Schmuddellektüre oder minderwertige Kunst. Triviale Unterhaltung, bestenfalls als Einstiegslektüre für Kinder geeignet. Ob Superman, Flash Gordon, Tarzan, Dick Tracy oder Prinz Eisenherz – die Hefte werden überwiegend von Jugendlichen gekauft. Aber eben nicht ausschließlich. Schon die ersten Comic-Strips erschienen in Zeitungen, die von Erwachsenen gelesen wurden. Erst in den späten 30er Jahren kamen sie als reine Comic-Hefte auf den Markt. Das Klischee vom Kinderbuch hat sich dennoch gehalten.
Ein weiteres Klischee: Comics schaden Kindern. Zu viele Bilder und ein beschränkter Wortschatz, das führe zwangsläufig zu Sprachverarmung. Weitaus schlimmer aber seien die Gewaltdarstellungen, die in vielen Heften gang und gäbe sind. Tatsächlich entfachten solche Bilder schon früh den Unmut der bürgerlichen Welt. Bereits in den 50er Jahren versuchte man, Zusammenhänge zwischen Jugendkriminalität und Comic-Konsum wissenschaftlich nachzuweisen. „The Psychopathology of Comic Books“ lautete der Name eines Seminars, in dem man sich bemühte, auf die Gefahren des Genres hinzuweisen. Die Horrorserie Geschichten aus der Gruft wurde als jugendgefährdend eingestuft. Ein Zusammenhang zwischen Comic-Lektüre und gewaltbereiten Jugendlichen konnte allerdings nie bewiesen werden. Dennoch hat sich auch dieses Klischee bewahrt.
Comics sind auch aus einem anderen Grund suspekt: Nicht als Kinderbuch, sondern als Lektüre für Erwachsene. Schlüpfriges Material wurde bereits in den 20er Jahren unter dem Ladentisch angeboten. "Tijuana Bibles" nannte man damals pornographische Comics, in denen sich bekannte Figuren wie Blondie, Popeye oder Flash Gordon sexuell austoben durften. Ihren Namen verdanken die Hefte dem Umstand, dass man sie dort fand, wo man für gewöhnlich die Heilige Schrift vermutet: in der Nachttischschublade von Motelzimmern, die sich an der mexikanischen Grenze befanden. Freilich waren diese Exemplare nicht für den Verkauf bestimmt. Die Liaison zwischen Pornographie und Comic ist seitdem aber marktfähig geworden. Kurz nach dem Weltkrieg erschien das Magazin Bizarre , das die Leser mit Themen wie Fetischismus und Sadomasochismus bekannt machte. Der Herausgeber des Magazins, John Willie, begründete die Bondage Art – bekanntestes Beispiel ist seine Figur Sweet Gwendoline.
Eine weitere Ikone des Porno-Comics erschien in den 60er Jahren: Barbarella, eine großbusige Science-Fiction-Heldin, die an sexueller Freizügigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. So genannte Underground-Comics provozierten das Establishment. Als Inbegriff der Gegen-Kultur verweigerten sie sich jeder kommerziellen Vereinnahmung. Deutlich kommt der Geist dieser Bewegung in der Forderung von Robert Crumb zum Ausdruck: „Help build a better America. Get stoned!“ Stoned war denn auch eine seiner bekanntesten Figuren: Fritz the Cat, ein arbeitsscheuer, sex- und drogensüchtiger Kater. Über die spätere Verfilmung soll sich Crumb jedoch so geärgert haben, dass er die Figur noch im selben Jahr sterben ließ: In der letzten Folge wird der Kater von einem frustrierten Starlet mit einem Eispickel erschlagen.




Wenn Britney Spears aus dem Auto steigt - ohne Höschen, dann bedarf dieses Foto den Beistand eines schwarzen Balkens. Comic-Illustrationen bestehen mehr oder weniger aus feinen schwarzen Linien oder eben aus kräftigeren schwarzen Konturen. Diese aber verbergen nichts, im Gegenteil, sie legen frei. Und zwar sowohl verbal als auch visuell. Diese Art der Kommentierung ist zum Beispiel den Themen der Gala adäquater als immer die gleichen Keep-Smiling-Fotos mit einer mehr oder weniger gelungenen Headline abzudrucken. Über einen Comic lache ich, weil er albern, lustig oder frech ist. Die Metamorphose von realer Peinlichkeit zum figürlichen Comic ist als Kommentar geradezu ideal, weil nur schwer erkennbar ist, warum ich lache. Weil ich die Bildchen lustig finde? Oder weil der Offenbarungseid der Sternchen & Stars durch die Comic-Art bis zur Erkenntlichkeit bloßgelegt wird?
Mittels eines Comics kann ich mir die Klage wegen einer angeblichen Verbalinjurie ersparen. Und ganz aktuell: den Einbruch bei Rita Bowlen (komme augenblicklich nicht auf das Pseudonym) könnte man, wenn man dieses Handwerk beherrscht, wunderbar karikieren. Und dann vervielfältigen. Das wären dann tatsächlich Raubkopien...
Am allerhäufigsten begegnen mir Klischees über Comics in Artikel über Comics.
siehe Blogeintrag:
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Hallo Herr Zyber.
Bitte entschuldigen Sie meinen Ärger.
Aber: nach meinem Verständnis setzen sich Klischees gerade durch ihre wiederholte Nennung in den Köpfen der Leser fest.
Und Ulli Lust muss ich recht geben(Kommentar 3): am häufigsten werden solche Klischees von der Presse reproduziert.
Goethe kann ich nicht gerade leiden, das hat für mich das Fass zum Überlaufen gebracht. Recht besehen ist der Artikel gar nicht so übel, aber gerade aus der Perspektive einer jüngeren Leserschaft seltsam antiquiert: für diese stellt sich u.a. auch durch die Allgegenwart von Mangas die Frage nach dem künstlerischen Gehalt von Comics nicht.
es ist mir durchaus klar, dass sich Comic-Experten einen anderen Beitrag gewünscht hätten. Die Zielgruppe war aber das breite Publikum, eben jene Leser, die sich in ihrer Einschätzung von der öffentlichen Wahrnehmung leiten lassen. Und um die ist es gerade in Deutschland nicht sonderlich gut bestellt. In meinem Artikel habe ich lediglich Klischees benannt. Der einzige Schluss, den ich ziehe, beschränkt sich auf den Hinweis, dass Comics mehr zu bieten haben als triviale Unterhaltung oder Pornographie. Das ist vielleicht nicht wahnsinnig originell, deshalb aber noch lange nicht falsch. Im Übrigen hatte ich nicht die Absicht, eine Rezeptionsgeschichte oder eine Anthologie des Comics zu verfassen. Ebenso wenig wollte ich das Genre durch Vergleiche mit etablierten Künstlern „aufwerten“. Hier ging es lediglich um den Nachweis, dass die Grenze zwischen Kunst und Comic gelegentlich überschritten wird – das mag für Sie eine Plattitüde sein, für den durchschnittlichen Leser jedoch nicht, zumal ich an dieser Stelle auch auf gegenwärtige Comic-Zeichner eingehe.
ich habe schon wieder einen artikel über die '9e art' gelesen, in dem die worte moebius, bilal, caza, yslaire und und und nicht vorkommen
es war die zeit nicht wert, der autor ist inkompetent.
immerhin, er kannte art spiegelman.
Der Artikel ist Remake einer für Sachverständige seit Jahrzehnten überholten Bestandsaufnahme; immer wieder konnte man das Gleiche lesen, die gleichen Namen, die gleichen Fehlschlüsse, manchmal auch mit einer dieser hahnebüchenen Aufwertungsstrategien am Ende: 'Picasso wollte immer Comiczeichner werden'; 'Goethe fands auch cool'. Oje. In der Peripherie der Zeit-Online Redaktion ist man dagegen schon ein paar Jahrzehnte Rezeptionsgeschichte weiter: http://zuender.zeit.de/20...
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