Musik 2006 Axel, Otomo, Ornette

Warum Axel Dörner sein Handy ausschaltet. Wen Otomo Yoshihide nach Tokio holt. Was Ornette Coleman in Ludwigshafen treibt. – Der Jazz dieses Jahres: elektronisch, weltläufig, bezaubernd

Der Jazztrompeter Axel Dörner

Der Jazztrompeter Axel Dörner

Axel Dörner kann zufrieden zurückblicken, 2006 war sein Jahr: Im August wurde der Trompeter mit dem mit 10.000 Euro dotierten SWR-Jazzpreis ausgezeichnet. Die Jury lobte vor allem seine Vielseitigkeit und Versiertheit – kaum ein anderer deutscher Musiker sei in der Jazztradition ebenso zu Hause wie im Free Jazz oder in der neuen Elektronik.

Dörner lebt in Berlin, die Stadt ist wegen der billigen Mieten und ihres Kulturlebens einer der weltweit attraktivsten Orte für die improvisierende Szene. Hier entsteht Musik, in der manchmal nur sehr wenig geschieht , die sehr leise ist, nur aus Geräuschen besteht, oder sehr laut und ganz dicht. Hier trifft Axel Dörner viele Kollegen. Sein Handy ist meistens ausgeschaltet, ständig verfügbar zu sein, findet er belanglos und anstrengend. Doch wenn er seinen Monatsplan durchgeht, lobt der vielbeschäftigte Musiker die Vorteile der Kommunikationsmedien. Sie hätten zu einem wesentlich lebhafteren Austausch geführt, sagt Dörner, der zwischen Chicago, Tokio und Berlin pendelt. Als er zum ersten Mal in Chicago war, wurde noch alles per Telefon geregelt, jetzt trifft man sich via E-Mail, das koste so gut wie nichts, und die Flüge seien auch billiger geworden.

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In Tokio arbeitet er mit dem japanischen Gitarristen und DJ-Künstler Otomo Yoshihide. Der bringt Musiker ganz unterschiedlicher Szenen zusammen. Beim Berliner MärzMusik-Festival trat Dörner in diesem Jahr zusammen mit Otomo Yoshihides New Jazz Orchestra , kurz: ONJO, auf.
Nach langer Vorarbeit erschien auch die ONJO-Platte Out To Lunch , eine Hommage an den afroamerikanischen Musiker Eric Dolphy und sein bekanntestes Werk. Um sie einzuspielen, hatte Otomo Dörner nach Japan einfliegen lassen.

Axel Dörner spielt in Kollektiven, die eine sonst jazztypische, hierarchische Struktur nicht kennen. Alle Musiker sind gleichrangig, es gibt keinen Bandleader, alle schreiben an den Stücken mit und jeder organisiert mal ein Konzert. Dafür gibt es dann fünf Prozent mehr Honorar. So läuft es auch bei seinem zur Zeit erfolgreichsten Projekt „Monk´s Casino“ zusammen mit Die Enttäuschung und Alexander von Schlippenbach.

Auf Axel Dörner, das Zentralquartett , Bugge Wesseltoft , Nils Petter Molvaer , E.S.T. , Soweto Kinch , Jürg Wickihalder oder Nils Wogram mag man in Julian Benedikts Dokumentarfilm vergeblich warten: Play Your Own Thing blickt nur auf einen kleinen Ausschnitt europäischer Jazzgeschichte. Der Regisseur hatte sich schon vor der Premiere beim Berliner JazzFest aus der Verantwortung gezogen. Subjektive Befindlichkeiten und Kenntnislagen seien Schuld an einem unvollständigen Bild. Dem Film mangelt es an Radikalität und gesellschaftlicher Reflektion – in Benedikts Geschichte des Jazz in Europa schien lediglich der alte Osten einmal ein Problem gehabt zu haben. Zwar berichtet der Pianist Joachim Kühn , wie er vor 40 Jahren die DDR in Richtung Wien verließ, doch bleibt die deutsche Free-Jazz-Szene in Play Your Own Thing nahezu bild- und tonlos. Benedikt ist es gelungen, fast alles, was einmal aufmüpfig oder kompromisslos klang, in Schnipseln und rasanten Schnittfolgen zu verstecken, sodass man von dieser Geschichte in seiner Geschichte des europäischen Jazz kaum etwas mitbekommt.

Einmal ist ganz kurz der Erfinder der Berliner Jazztage, Joachim Ernst Berendt, im Bild, verschwommen, fast unsichtbar. Berendt hatte 1966 bei den Jazztagen dem Pianisten und Komponisten Alexander von Schlippenbach das Gründungskonzert seines Globe Unity Orchesters ermöglicht. Beim JazzFest fand in diesem Jahr der große Jubiläumsauftritt zum Vierzigsten statt. 

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