China Flüchtiges Gespenst
40 Jahre nach dem Auftakt der blutigen „Kulturrevolution“ in China und 30 Jahre nach Mao Tse-tungs Tod: Gibt es ihn noch, den Maoismus?
Es gab schon einfachere Zeiten, Maoist zu sein, nicht zuletzt im Westen. Wem es in den Tagen des Studenten- und Vietnamkriegsprotests um 1968 nicht passte, dass die Sowjetunion dem Reformkommunismus des „Prager Frühlings“ ein gewaltsames Ende bereitete, musste deshalb dem Marxismus-Leninismus noch lange nicht abschwören: Es gab ja noch den „Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung“. Dessen „kleines rotes Buch“ – auch „Mao-Bibel“ genannt und mit einer Weltauflage von über einer Milliarde nur der Bibel unterlegen – trug man in der Parkertasche herum und hielt es bei Demonstrationen hoch.
In China wurde zur gleichen Zeit von Rotgardisten ins Arbeitslager verschleppt oder mindestens zusammengeschlagen, wer ohne das Buch angetroffen wurde. Während im Westen insbesondere Maos Weisheiten in Sachen „anti-imperialistischen Befreiungskampf der Völker“ hoch im Kurs standen, führte die von Mao entfesselte „Kulturrevolution“ (1966-1976) China an den Rand des Bürgerkriegs, mit allen erdenklichen Scheußlichkeiten und einer bis heute umstrittenen Zahlen von Todesopfern, die wohl in die Millionen gehen – was im übrigen US-Präsident Richard Nixon 1972 nicht am Überraschungsbesuch bei Mao hinderte. Die Ergebnisse diesen realpolitischen Coup im Kalten Krieg beurteilt die britische Historikerin Margaret MacMillan übrigens jüngst als ziemlich bescheiden.
Angefangen mit der „De-Maofizierung“ in China selbst sinkt seit Maos Tod vor 30 Jahren der Stern des „Großen Vorsitzenden“ stetig. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking wird zwar bis heute vor einem großen Mao-Portrait paradiert und flaniert, und die chinesischen Behörden zensieren derzeit jedes kritische Wort zu Mao, das auf der entsprechenden Webseite des chinesischen Ablegers der Internet-Enzyklopädie Wikipedia erscheint. Doch dabei geht es weniger um Ehrenrettung als um Entpolitisierung. Nach der offenbar genau ausgerechneten Sprachregelung von Maos Nachfolgern hatte der Große Vorsitzende „zu 30 Prozent“ Unrecht – und Schluss. Weitere Diskussionen stören nur den kapitalistischen Boom.
Auch jenseits Chinas führt der Maoismus heute überwiegend ein Schattenleben. Mit der vergangenes Jahr erschienen Bestseller-Biografie von Jung Chang und Jon Halliday, die Mao vornehmlich als machthungrigen Terrorherrscher portraitierten, der 70 Millionen Opfer auf dem Gewissen habe, hat das Ansehen einen neuen Tiefststand erreicht. Ob die grellgelben Flugblätter viel ausrichten werden, die versprengte Anhänger derzeit in London verteilen und die zur „Verteidigung der Erinnerung“ des „großen Revolutionsführers“ gegen den „gemeinen Angriff“ der „Millionärin Chang“ aufrufen, ist zweifelhaft.
Ganz aus ist es dennoch nicht: Die maoistisch angehauchte Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), die 2.000 Mitglieder zählt und bei den jüngsten Bundestagswahlen 0,2 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, machte zuletzt Schlagzeilen, weil sie mit 2,5 Millionen Euro die höchste private Einzelparteispende in der Geschichte der Bundesrepublik erhielt. In den Niederlanden verdreifachte die 1972 mal als lupenrein maoistisch gestartete „Sozialistische Partei“ bei den Parlamentswahlen im November die Anzahl ihrer Sitze auf 26 und ist nun drittstärkste Kraft im Land.
In Nepal haben die dortigen Maoisten nach jahrlangem, bewaffneten Kampf das Königtum so gut wie gestürzt, sind jüngst in die Regierung eingetreten und machen sich nun an die wohl friedliche Machtübernahme. In Indien, das von der Grenze zu Nepal bis in die Südspitze des Landes ein „maoistisches Band“ durchzieht, sind verschiedene Guerillagruppen aktiv. Die indische Regierung bezeichnete diese noch Anfang des Jahres als „größte nationale Gefahr“.
- Datum 07.12.2006 - 03:55 Uhr
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