Chile Ein letzter schäbiger Trick

Chiles Ex-Diktator Pinochet starb, bevor er für seine Grausamkeiten verurteilt werden konnte. Ein Nachruf

Lateinamerika hat unzählige Putschisten hervorgebracht, der chilenische General Augusto Pinochet ist wohl der bekannteste unter ihnen. Er ist quasi zum idealtypischen Diktator lateinamerikanische Prägung geworden. Am 11. September 1973 putschte er sich an die Macht, und er gab sie erst 1990 wieder her. Selbst danach blieb er noch lange Jahre die bestimmende Kraft in Chile, eine unantastbare und bedrohliche Figur zugleich. Das erklärt seine »Berühmtheit« aber nur zum Teil.

Als Augusto Pinochet den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende aus dem Amt putschte, hatte dies Signalwirkung weit über Chile hinaus. Kein Land, das der westlichen Hemisphäre zugerechnet wurde, durfte ausscheren. Das war die Botschaft des Putsches, der von der CIA auch deshalb nach Kräften unterstützt und gefördert worden war. Allein schon der Verdacht, Chile könnte unter Allende die Seiten wechseln, reichte für eine grausame Reaktion aus. Mehr als 3000 Menschen starben, viele verschwanden spurlos. Folter war an der Tagesordnung. Der Kalte Krieg war aus chilenischer Sicht gar nicht so kalt – er war blutig und gnadenlos. Pinochet war vor allem das: ein General des Kalten Krieges mit mächtigen Verbündeten in Washington.

Anzeige

Seine Anhänger betrachten ihn als Retter der Nation. Sie glauben, dass Chile ohne Pinochet zu einem zweiten Kuba geworden wäre. Das freilich ist ein bequemer Mythos, der die Verantwortung des Generals vernebeln soll. Der Sozialist Allende war bestimmt nicht ohne Fehler, selbst die chilenische Linke hat das längst eingesehen, aber ein Castro war er nicht. Und selbst wenn: Rechtfertigte das den Putsch gegen einen gewählten Präsidenten, Diktatur, Folter und massenhaften Mord?

Augusto Pinochet musste nie für seine Taten gerade stehen. Einmal nur kam ihm die Justiz sehr nahe. 1998 wurde er auf internationalen Haftbefehl des spanischen Richters Baltasar Garzon in London verhaftet. Lange 503 Tage bliebt er dort unter Hausarrest. Danach durfte er zur Empörung seiner Opfer zwar nach Chile zurück, und doch war ein Bann gebrochen. Pinochet war nicht mehr unantastbar, der Diktator! Auch das war eine Botschaft von weltweiter Wirkung.

Was danach kam, war ein trauriges Schauspiel. Pinochet entzog sich in seiner Heimat mit allen möglichen Winkelzügen einem Urteil vor Gericht. Für seine Opfer war dies eine fortgesetzte Demütigung. Selbst sein Tod erscheint vielen wie ein letzter schäbiger Trick. Pinochet sollte nämlich in diesen Tagen vor Gericht erscheinen. Eines bleibt noch zu sagen: An dem Tag, an dem der General des Kalten Krieges starb, regierten in den meisten Staaten Lateinamerikas linke Präsidenten. Das ist vielleicht die berühmte Ironie der Geschichte.

Zum Thema
Schlächter ohne Strafe - Der chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet ist am internationalen Tag der Menschenrechte gestorben. Damit hat er sich endgültig der Justiz entzogen »

Dieser verdorbene Greis! Bis zuletzt veretidigte der chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet seinen blutigen Terror. Ein persönlicher Nachruf von Wolf Biermann »

 
Leser-Kommentare
  1. aber seine Helfershelfer im Westen sind noch zu haben. Nur zugreifen, wir das Gute hatten viel damit zu tun.

  2. 2.

    Während Biermann Pinochets Ableben hauptsächlich nutzt, um sich selbst zu feiern, liefert Ulrich Laduner hier Informationen zum Hintergrund des damaligen Geschehens.

  3. Ich hatte, wie ich gerade gesehen habe, in meinem ersten Kommentar tatsächlich von 'freiwilliger Machtübergabe' gesprochen. Dieser Ausdruck ist so sicherlich falsch und daher entschuldige ich mich für diesen Fehler.

    • unidad
    • 12.12.2006 um 16:50 Uhr

    Soll das heissen, wenn´s nur der Wirtschaft dient, dürften wir auch Sie verschwinden lassen? Danach würden wir dann selbstverständlich charmanter Weise auf die Macht verzichten...Natürlich, (hat ja die Autobahnen gebaut)
    er war ein ordentlicher Antisozialist und braver Katolik und
    durch Honecker gerechtfertigt. Dumm bloss, dass es einen demokratisch gewählten Präsidenten in Chile gab.
    Je kälter die Krieger, desto heisser die Luft der Argumentation. Das Märchen vom einsichtigen Diktator - wie Ihr Tiefgang - ist hier eindeutig auf Grund gelaufen.

  4. Es ist sicherlich begrüßenswert, das die mangelhafte juristische Aufarbeitung des Putsches und der Menschenrechtsverletzungen öffentlich kritisiert wird. Etwas heuchlerisch erscheint einem daran nur, das Europa und Deutschland mit den eigenen Diktatoren in der Regel exakt genauso verfahren ist (z.B. bei Honecker). Was Pinochet aber wirklich unter den dutzenden damals wie heute auf der Welt regierenden Diktatoren hervorhebt und seinen Bekanntheitsgrad verursacht, ist sicherlich nicht der vom Autor konstruierte Sachverhalt eines Einpeitschers für den Westen und gegen alle Sozialisten. Eher der Umstand, das unter seiner Herrschaft die Wirtschaft Chiles und in der Folge in großen Teilen Südamerikas florierte wie sonst nirgendwo in einem Entwicklungsland vorher unterscheidet ihn von allen anderen Diktatoren. Hinzu kommt noch der Umstand, das er schließlich freiwillig die Macht zugunsten einer demokratisch gewählten Regierung abgab. Sicherlich dürfte dieser paradox anmutende Gegensatz zwischen Putsch und massiven Menschenrechtsverletzungen einerseits und Wirtschaftswunder und Machtverzicht andrerseits in jeder weltanschaulichen Sichtweise schwierig nachzuvollziehen sein. Das der Autor dies nicht versucht, ja nicht einmal diesen Gegensatz erwähnt und statt dessen eine reichlich weit hergehohlte Theorie präsentiert zeugt nicht gerade von besonderem gedanklichen Tiefgang.

    • unidad
    • 12.12.2006 um 19:31 Uhr

    Pardon für die vielen Halbsätze: Genau genommen habe ich Ihren Kommentar nicht verstanden. Meiner Meinung nach handelt es sich nur um den Versuch den Autor in Misskredit zu bringen und abzulenken, um andere Themen ins Spiel zu bringen, die ihnen angenehmer sind.
    Schön, dass Sie meine Fragen nach dem Hintersinn der 'zwei Seiten der Medaille' eindeutig beantworten.
    Was mir weiterhin schleierhaft bleibt ist, was Genosse Honecker mit Pinochet zu tun hat, bzw. warum der Autor in seinem Artikel zum Thema Chile und Pinochet auch über deutsche Geschichtsaufarbeitung und seine juristischen Aspekte schreiben sollte.
    Der Mythos der freiwilligen Machtaufgabe Pinochets lässt sich aber nicht aufrechterhalten:
    Nach der Ermordung des ehemaligen chilenischen Botschafters Letelier in den USA, kam es zu politischem Druck des neuen Präsidenten Jimmy Carter und einer Verurteilung Chiles durch die UN. Pinochet veranstaltet daraufhin eine Volksabstimmung ,die kaum als demokratisch zu bezeichnen ist - durch Ausschluss von Oppositionellen bei der Meinungsbildung, Einschüchterung und der Sabotage einer geheimen Wahl. Unter ähnlichen Bedingungen entsteht 1980 die Verfassung, die Pinochet bis 1989 ins Präsidentenamt hievt und seine Immunität auf Lebenszeit garantiert.
    Entsprechend der Verfassung von 1980 wurde im Oktober 1988 eine Volksabstimmung darüber durchgeführt, ob Pinochet der einzige Kandidat bei den Präsidentenwahlen von 1989 sein dürfe. Dabei überwogen die „Nein“-Stimmen, woraufhin es ein Jahr später zu freien Wahlen kam. Pinochet wurde am 11. März 1990 von Patricio Aylwin als Präsident abgelöst. Doch gemäß der von ihm auf sich maßgeschneiderten Verfassung blieb er Senator auf Lebenszeit und bis 1998 Oberbefehlshaber der Streitkräfte.
    2005 wurde bekannt, dass der britische Luftfahrt- und Rüstungskonzern British Aerospace (BAe) insgesamt 1,1 Millionen Pfund (rund 1,5 Millionen Euro) im Zeitraum zwischen Dezember 2004 und Oktober 2005 an Pinochet gezahlt haben soll. Im Gegenzug habe Pinochet Waffengeschäfte vermittelt. Das Geld wurde mit vierzehn Überweisungen an Pinochet zugeordnete Firmen – Takser Investment, Cornwall Overseas Corporation und Eastview Finance – gezahlt. Nachdem bekannt wurde, dass Pinochet Millionen US-Dollar verdeckt im Ausland angelegt hatte, sank sein Ansehen auch in konservativen Kreisen. Prozesse wegen Steuerhinterziehung und Untersuchungen zum Korruptionsverdacht wurden jedoch nach seinem Tod eingestellt.

  5. Ich fürchte Sie haben meinen Kommentar nicht vollständig gelesen, zumindest haben Sie ihn nicht verstanden. Ich habe eben nicht wie von Ihnen suggeriert die Menschenrechtsverletzungen mit dem Wirtschaftswachstum gerechtfertigt, sondern lediglich auf die unvollständige Darstellung der Umstände in dem Artikel hingewiesen. Die Unterstellung einer Rechtfertigung des Putsches durch die Exsistenz Honeckers (so interpretiere ich jedenfalls die Ansammlung an Halbsätzen in Ihrem Kommentar) hat es in meinem Kommentar erst recht nicht gegeben. Der Bezug auf Honecker bezog sich eindeutig auf die juristische Aufarbeitung der Verbrechen in Deutschland und Chile. Insofern bleibt mir die Motivation hinter Ihrem Kommentar schleierhaft.

  6. Ich danke Ihnen für die ausführliche Stellungnahme. In den zahlreichen ausgeführten Ereignissen, die nach der Machtübergabe stattgefunden haben, waren mir tatsächlich eine Reihe noch nicht bekannt.
    Das die Argumentation des Autors des Artikels schwach und seine These über die Bekanntheit Pinochets konstruiert wirkt, der Meinung bin ich nach wie vor. Das mögen Sie als 'den Autor in Misskredit bringen' verstehen, Kritik am Autor war es sicherlich.
    Der Zusammenhang mit Honecker ist folgender: Ich finde es einfach amüsant und eben teilweise auch 'heuchlerisch', wenn ausgerechnet aus Europa so laute Kritik an der mangelhaften juristischen Aufarbeitung der Verbrechen unter Pinochet geäußert wird. Honecker ist in Deutschland, obwohl er von Russland hierher ausgelifert wurde, mit derselben Begründung in Ruhe gelassen worden wie das in Chile mit Pinochet passiert ist - 'gesundheitliche Gründe'. Es gibt eine Menge weiterer DDR-Größen mit Blut an den Händen, die nie belangt wurden und ein sorgenfreies Leben in Detschland fristen. Auch in anderen europäischen Ländern (z.B. Franco in Spanien) hat es eine Bestrafung der Täter kaum oder garnicht gegeben. Hierauf und nur hierauf bezog sich der Vergleich und die Kritik.
    Das die Machtübergabe völlig freiwillig erfolgt ist, wollte ich im übrigen auch nicht behaupten. Ich wollte darauf hinweisen, das sich im Anschluss an diese Diktatur eine recht stabile Demokratie etabliert hat, was (man schaue nur nach Afrika) meistens eher selten der Fall ist.
    Ich hoffe damit die ausstehenden Fragen beantwortet zu haben. Ich denke wir sind uns völlig einig, das:

    - Pinochet ein Putschist und Verbrecher war
    -das eine juristische Aufarbeitung wünschenswert gewesen wäre

    darüber hinaus wollte ich nur zum Ausdruck bringen, das

    - die Analyse des Autors schlicht falsch ist
    - der Autor wesentliche Aspekte der Pinochet-Ära und der Zeit danach ausser Acht gelassen hat
    - der moralische Zeigefinger aus Deutschland und Europa angesichts des eigenen Umgangs mit Diktatoren schlicht unangebracht ist

    In diesem Sinne

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service