Amok-Drohung Panikmache?

Haben die Behörden in Baden-Württemberg überreagiert, als sie nach einer anonymen Amok-Drohung öffentlich alle Schulen und Eltern warnten? Nein, die breite Diskussion ist eine Chance, kommentiert

Das Stuttgarter Kultusministerium steht in der Kritik, weil es am Dienstagabend öffentlich eine Warnung herausgegeben hatte. Ein Counter Strike -Spieler hatte sich auffällig benommen, wollte offensichtlich gar nicht gewinnen, sondern nur „Blut sehen“ und prahlte damit, in einer nicht genannten Schule in Baden-Württemberg am nächsten Tag Amok zu laufen. Nicht nur die Polizei und die Schulen, auch die Presse wurde informiert. Hätte man die Medien heraushalten sollen? Oder wenn das unmöglich ist, sollten die Medien von selbst darauf kommen, nicht zu berichten, um keine Panik zu schüren?

Es klingt wirklich verrückt: 4800 Schulen und 1,2 Millionen Schüler wurden alarmiert. Und wer Kinder hat, weiß, wie ängstlich sie und die Eltern gewesen sein müssen. An manchen Schulen wurden alle Schüler kontrolliert, an anderen fiel der Unterricht ganz aus. Auch die nächsten Tage noch will die Polizei verstärkt Streife fahren.

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Tatsächlich stellt sich die Frage, wozu man die Medien braucht, wenn man nach jemandem suchen will, der vielleicht schon zuvor als selbstmordgefährdet und gewaltaffin aufgefallen ist. Kann man das nicht viel besser, wenn nur Polizisten, Lehrer und Psychologen sich unter ihren Schülern nach Verdächtigen umschauen? Mit Eltern sprechen, im Zweifel Psychologen oder die Justiz einschalten?

Ute Vogt, SPD-Oppositionsführerin in Baden-Württemberg, kritisierte: „Diese Warnung produziert Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung und schafft eine Grundlage für weitere Trittbrettfahrer.“ Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Josef Schneider, sagte: „Man kann fast den Eindruck haben, da wird eine Katastrophe förmlich herbeigeredet.“

Es geht tatsächlich nicht nur um Panikmache. Nachahmer sind das gefährlichere Problem. Offensichtlich fragen sich einige Jugendliche, wenn sie von Amokläufern hören: Bin ich nicht auch so ein Versager? Soll ich es allen noch einmal richtig zeigen zum Schluss, wenn ich mich selbst aufgegeben habe? Ute Vogt hat vielleicht in diesem Punkt schon Recht bekommen. Denn am Mittwochabend ging eine Drohung per E-Mail bei der Polizei ein, eine Berufsschule in Achern zu überfallen. Woraufhin Donnerstag drei Männer verhaftet werden konnten. Auch in Nordrhein-Westphalen wurden Jugendliche festgenommen, die mit Gewalttaten gedroht hatten. Wie es aussieht, waren es jedoch harmlose Trittbrettfahrer, die wahrscheinlich nur Angst und Schrecken verbreiten wollten, ohne die Absicht zu haben, jemanden zu töten.

Bereits am Mittwochabend fand man die Leiche eines 18-jährigen Selbstmörders, der verdächtigt wird, die Drohung im Spiel ausgesprochen zu haben. Er ist zwar Counter Strike -Spieler gewesen und hatte eine Pistole bei sich. Doch ob er zu dem Zeitpunkt im Spiel dabei war, als zwei Jugendliche in Rheinland-Pfalz die blutrünstige Bemerkung im Internet aufschnappten, ist eher unwahrscheinlich. Die Suche geht weiter.

Alles klar also? Die Medien sind böse, wenn sie berichten, Politiker dumm, wenn sie nicht geheim halten, was sie wissen? Nein. So banal es klingt, man sollte lieber einmal zu viel Panik erzeugen, als Verletzte oder Tote in Kauf zu nehmen. Denn je mehr Leute aufpassen, ohne zu denunzieren, desto größer ist die Chance, dass man auf die gefährdeten Jugendlichen aufmerksam wird.

Kultusminister Helmut Rau verteidigte sich: „Ich hatte keine andere Wahl. Stellen Sie sich vor, es wäre etwas passiert und wir hätten nichts gesagt.“ Dieser Satz klingt eher nach: „Ich hätte ja meinen Job verloren.“ Aber es gibt viel bessere Argumente.

Man kann in die beiden Counter Strike -spielenden Realschüler nicht hineinschauen, die ihrem Schuldirektor von ihrem drohendem Mitspieler erzählt haben. Sie hatten wohl ohnehin ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrer Schule. Doch vielleicht wären sie nicht so aufmerksam gewesen, vielleicht hätten sie vor den Berichten rund um Emsdetten den anonymen Mitspieler nur für einen Sprücheklopfer oder gar einen coolen Macho gehalten – jetzt haben sie auf jeden Fall andere Assoziationen und haben sich eingemischt, also Verantwortung übernommen.

Ja, es soll über solche angedrohten Gewalttaten berichtet werden, auch wenn die Hinweise nur vage sind. Was kein Plädoyer dafür ist, Schüler vor ihrer Schule oder zu Hause zu belagern und für eine tolle Story auszunutzen. Die Chance ist die breite Diskussion, sind die Jugendlichen selbst. Werden nur Polizisten, Lehrer und Psychologen benachrichtigt, kann leicht der Eindruck entstehen, die Schüler würden nur noch als potenziell Verdächtige betrachtet. Sind sie selbst an der Diskussion beteiligt und haben Zugang zu verschiedenen Meinungen und Informationen, werden sie eher bereit sein, selbst zu handeln.

Denn die Erfahrungen der Seelsorger und Psychologen nach den Amokläufen von Emsdetten und Erfurt zeigen, dass die Solidarität und die Fürsorge unter den Schülern sehr groß sind. Dass die Jugendlichen aufeinander achten. Sie nehmen ihre Mitschüler, die Schule selbst als Gemeinschaft wahr, die man nutzen kann, um zusammenzuhalten und um eventuell auch die zu entdecken, die sich absondern.

Im Zweifel hat eine Peer-Group sogar mehr Einfluss auf einen scheinbar hoffnungslosen Jugendlichen als Eltern, Lehrer und Psychologen. Auf jeden Fall kann sie mehr erkennen, weil sie näher dran ist. Gerade am Beispiel Computerspiel wird das deutlich. Für die meisten Eltern und Lehrer sind die gewalttätigen Spiele einfach Teufelszeug. Sie verstehen nicht, was der Reiz daran ist. Welcher Erwachsene kann also einschätzen, wann ein Killerspiel für einen Jugendlichen gefährlich wird, weil er ohnehin schon in einer anderen Welt lebt, und wann er lediglich souverän mit den Herausforderungen des Strategiespiels hantiert?

Natürlich sollten auch Lehrer und Eltern einiges dafür tun, dass der Zusammenhalt unter den Schülern nach der Angst noch erhalten bleibt und nicht wieder verpufft. Die Ausnahmesituation ist jedenfalls eine Chance.

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Leser-Kommentare
  1. nette these, allerdings halte ich sie für, so sagt unser lehrer so gerne, nicht haltbar.

    natürlich ist eine diskussion gut. vor allem eine die nicht einseitig abläuft. auch mag es richtig sein über gewisse dinge zu informieren, aber was hat ein mit softair bewaffneter schüler mit amoklaufen oder dem kern der problematik zu tun?

    ehrlich gesagt tritt mir dieser beitrag eher so entgegen als wäre es eine rechtfertigung für das was die medien machen.
    ich kann mich da nicht anschließen. es ist das letzte. da sind junge menschen mit persönlichkeitsstörungen und was gemacht wird ist sie runterzumachen und eigentlich ehrlich gesagt nichtmal ernst genommen. es wird soweit hochgespielt das aufmerksamskeits geile nun die chance nutzen um mal 'ins fernsehn' wie man so schön sagt zu kommen. na und? werd ich eben mit waffen in der schule erwischt. ich hab nichts gemacht. keine große strafe.steh aber in der zeitung. nun bin ich 'cool'. und was ist mit den anderen? 'ich komm morgen nicht in die schule. es geht mir dreckig' schrieb er einem freund hieß es über den selbstmord. ich dachte die haben alle keine freunde? anstelle das solche hilferufe erhört werden bzw gezielt nach gesucht wird bekommen solche leute einen auf den deckel. 'du bist ein freak, ein introvertierter einzelgänger. du hast eine persönlichkeitsstörung und du bist ja fast wie eine plage. '..nun, so behandelt entsteht sicher keine diskussion liebe autorin. sondern ein weiteres sorgenkind. diese ganze medienpuscherei, diese politiknutznieserei um im vordergrund zu stehen hilft niemandem. die eltern machen sich sorgen. ausgegrenzte werden eher noch weiter ausgegrenzt. nur ein ganz geringer prozentsatz wird auf solche leute zugehen. introvertiertheit steht nun als gefahr. als krank. es ist wie jemand als hexe zu bezüchtigen.

    ich finde die medien und dieses trara schlimmer als die amokläufer. denn sowas macht die gesellschaft krank. und klärt sie nicht auf, wie es so schön versucht wird zu verkaufen. es mag sein das dies ein versuch ist aus dem eskalierten etwas positives aufzubauen, aber das hätte man vorher versuchen sollen. in meinen augen ein trittbrettbeitrag. tut mir leid. es ist nicht richtig diese panikmache zu verteidigen.

  2. hat überreagiert. So hat doch tatsächlich die FAZ in ihrer heutigen Ausgabe das Bild des jungen Selbstmörders veröffentlicht. Nicht nur, dass dies ein Schlag ins Gesicht der Eltern sein muss, hier wird auch noch einem jungen Menschen (in manchen Medien als 'Mann' tituliert) nachträglich das Stigma eines Amokläufers und Verbrechers aufgedrückt ohne jegliche handhabbaren Beweise. Diese Art von Vorverurteilung ist ein mieses Vorgehen, und das auch noch von der so 'renommierten' FAZ.

  3. hat überreagiert. So hat doch tatsächlich die FAZ in ihrer heutigen Ausgabe das Bild des jungen Selbstmörders veröffentlicht. Nicht nur, dass dies ein Schlag ins Gesicht der Eltern sein muss, hier wird auch noch einem jungen Menschen (in manchen Medien als 'Mann' tituliert) nachträglich das Stigma eines Amokläufers und Verbrechers aufgedrückt ohne jegliche handhabbaren Beweise. Diese Art von Vorverurteilung ist ein mieses Vorgehen, und das auch noch von der so 'renommierten' FAZ.

  4. 4.

    Durch den angekündigten Amoklauf in den letzten zwei Tagen, ist vor allem wieder in BaWü eine Diskussion aufgekommen, die vor allem von Eltern gerne geführt wird: 'Sind Computerspiele schuld an Amokläufen?' bzw. da die Diskussion meist nur einseitig geführt wird 'Computerspiele sind schuld an Amokläufen!'. Man kann kaum noch das Radio laufen lassen, ohne eine entrüstete Mutter zu hören, die am liebsten jedes Computerspiel verbieten will.
    Ich möchte die Tatsache, dass gewaltverherrlichende Spiele schlecht für Jugendliche sind nicht abstreiten. Jedoch ist das Argument, Computerspiele seien Schuld an Amokläufen wohl eher eine Aktion nach dem Motto 'Angriff ist die beste Verteidigung'. Das vor allem gebrandmarkte Spiel Counter-Strike erfreut sich einer millionen Commutity. Die Amokläufe von Jugendlichen in den letzten Jahren ist verhältnismäßig klein (was die wenigen nicht weniger schlimm macht).
    Ich glaube vielmehr, dass durch fehlgeschlagene Erziehung der Eltern, Jugendliche zu potentiellen Amokläufern werden können. Denn es sind meist Problemkinder, die Amok laufen und nicht mehrere Millionen Computerspieler. Das auf den Computern der letzten Amokläufern gewaltverherrlichende Spiele gefunden wurden, ist wohl eher als Funken zu werten, der das Pulverfass zum explodieren bringt.

  5. Das frage ich mich langsam. Was war nochmal geschehen?

    'Ein Counter Strike-Spieler hatte sich auffällig benommen, wollte offensichtlich gar nicht gewinnen [Oha! -Markus], sondern nur „Blut sehen“ und prahlte damit, in einer nicht genannten Schule in Baden-Württemberg am nächsten Tag Amok zu laufen.'

    Irgendein Kid redet Unsinn im Netz und in BW herrscht Ausnahmezustand? Was glauben sie eigentlich, wie oft in der Woche sowas passiert, ohne das einer damit zur Presse läuft? Vielleicht sollten wir die Schulen dauerhaft schliessen? Wenn ich irgendwann, irgendwo, in irgendeinem Popel-Forum schreibe 'Hier spricht der Jihad, morgen geht ein Flugzeug in die Luft.', reicht das dann, bundesweit den Flugverkehr zu unterbrechen?

    Tut mir leid Leute, aber Leben ohne Risiko gibt es nicht. Und Leben ohne Risiko in Freiheit schon gar nicht.

    • Anonym
    • 07.12.2006 um 19:01 Uhr

    Was für eine obercoole Reply. Besserwisser! Sei doch mal ein Rektor, der überlegen muss, was er jetzt tut. Sei doch mal ein Polizeichef, der jetzt eine Entscheidung treffen muss. Sei doch mal ein Lehrer, der mit mulmigem Gefühl in die Schule muss. Sei doch mal eine Mutter/ein Vater, die ruhig mit ihren Kindern sprechen müssen. Mach das doch alles mal richtig praktisch. Und dann fasel von 'tut mir Leute, Leben ohne Riosiko gibts nicht.'

    Theorie und Wirklichkeit.

    Ich stimme dem Artikel zu: es war gut, die Diskussion in die Öffentlichkeit zu bringen, auch damit die Kinder lernen, damit umzugehen.

  6. Nett, das Sie mich cool finden. Ich bin allerdings selbst Vater. Und ich mache mir Sorgen um mein Kind. Ich mache mir Sorgen, dass es in einem unfreien, vergreisten Deutschland aufwächst, regiert von Leuten, die überhaupt keinen Einblick mehr in seine Lebenswelt haben, und nur noch Politik mit Emotionen machen. Von Leuten, die zur Ausschaltung aller Lebensrisiken gerne auch bereit sind, das Leben selbst auszuschalten, weil sie am Leben sowieso nichts lebenswertes mehr sehen. Ich will, dass mein Kind eine gute Schulausbildung erhält, und nicht von Autoritäten eingeredet bekommt, es bleibe besser zu Hause, weil jeder Schritt vor die Tür nur Todesgefahr bedeutet.

    Ich habe es schon mehrmals gesagt, und ich sage es nochmal: Autoverkehr z.B. bedeutet ein Risiko für unsere Kinder, oder das sie zu Rauchen anfangen, aber keine Amokläufer und Kinderschänder. Da steht die Statistik fest hinter mir. Wenn Sie das als Besserwisserei ansehen, kann ich das auch nicht ändern. Mit hysterischen Totschlagargumenten a la 'Aber denkt doch an unsere Kühünder!' haben sie den Applaus natürlich auf Ihrer Seite. Einen wohlverstandenen Kinderschutz aber nicht.

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