Kulturpolitik Künstler proben den Aufstand
In Thüringen plant die Landesregierung Kürzungen in der Kulturförderung. Dagegen protestierten Musiker etlicher Orchester am Dienstag mit einem Kultur-Marathon. hörte zu
Eine Operngala führten das Theater Nordhausen gemeinsam mit dem Loh-Orchester Sondershausen auf. Der Anlass war nicht nur Vergnügen. Es ging um die Rettung der Theater und Orchester in Thüringen
Knapp eine Stunde vor Mitternacht ist der letzte Akkord von Beethovens Neunter verklungen. Manfred Schicht springt aus seinem roten Sitz in der dritten Reihe und klatscht. "Bravo", ruft er den Musikern zu. In seinen braunen Schuhen, der beigen Hose und dem blau-karierten Hemd, dessen Ärmel der 67-Jährige zweimal umgekrempelt hat, sieht er nicht wie der typische Besucher eines klassischen Konzerts aus. Doch Manfred Schicht hat an diesem Dienstag das längste Konzert seines Lebens gehört, so viel Musik am Stück wie kaum ein anderer. Vor 13 Stunden hatte er sich in diesen roten Sessel gesetzt und von da an ununterbrochen Musik in sich aufgenommen den Thüringer Kultur-Marathon in seiner gesamten Länge.
Ausgedacht hatte sich den Christian Ludwig, Musikdramaturg der Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl - als Leistungsschau, vor allem aber als Protest gegen die Pläne der Landesregierung, die im Sommer angekündigt hatte, ihre Förderung in Sachen Kultur ab 2009 von 60 auf 50 Millionen Euro zu kürzen und dazu auch einen Plan vorlegte. Die Thüringen Philharmonie sollte demach leer ausgehen, andere Orchester und Theater nur noch so wenig Geld erhalten, dass eine Weiterexistenz nicht mehr möglich wäre.
Seit den Ankündigungen regt sich Widerstand im kleinen Freistaat, dem "Herzstück des deutschen Kulturerbes", wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Die Künstler proben den Aufstand - gemeinsam mit ihrem Publikum und gegen die Politik aus der Landeshauptstadt Erfurt. Dort will man die in Deutschland einzigartige Vielfalt an Theatern und Orchestern platt machen und auf wenige Leuchttürme setzen. Es folgen Demonstrationen für den Theatererhalt in Nordhausen und vor dem Landtag, Protestkonzerte mit Rock- und Orchestermusikern in Gotha und Suhl, die Aufführung von Beethovens Neunter Symphonie in der Erfurter Oper, in der Musiker aus ganz Deutschland mitwirken. Und nun der Kultur-Marathon, bei dem rund 650 Musiker aus elf Thüringer Orchestern zwölf Stunden lang musizieren wollen 13 werden es am Ende sein.
Hinter der Bühne laufen Frauen und Männer mit Instrumenten in der Hand hektisch durch die Gänge. Einige kommen gerade vom Auftritt, andere sind in wenigen Minuten dran. Der Fahrstuhl ist im Dauereinsatz. Marek Adam Smentek hat gerade die Zuhörer mit Tschaikowskis Violinkonzert D-Dur begeistert. Nun geht der Erste Kapellmeister des Loh-Orchesters Sondershausen die Amati-Geige von 1671 in der linken und eine Tasse Kaffee in der rechten Hand in seine Garderobe. Smentek trägt heute ein schwarzes Hemd. "Der Situation entsprechend, die vielleicht auf uns zukommt", sagt er. Dumm und kulturlos seien viele Politiker der Landesregierung, weil sie das abschaffen wollen, was Thüringen auszeichnet, die kulturelle Vielfalt, "wie wir sie heute hier sehen." Ob das der richtige Weg ist, bezweifelt Smentek auch, "weil diese Politiker vorher teuer ausgebildete Musiker zu Hartz IV-Empfängern machen werden."
Auch der musikalische Nachwuchs ist besorgt. "Als Student schwebt man zwar auf rosa Wolken", sagt Sylvia George nach ihrem Auftritt, "aber man denkt über die Zukunft nach." Keine Orchester bedeuten keine Stellen, fasst sie das zusammen, was viele ihrer Kommilitonen denken. Etwa 40 Studenten der Weimarer Musikhochschule haben eigens für diesen Marathon ein Orchester gegründet, eben weil es ihnen nicht egal ist, wie es nach dem Studium weitergehen wird.
Im Saal ist von der Hektik hinter der Bühne nichts zu spüren. Wenn der Schlussakkord eines Orchesters verklungen ist, sitzen nach zehn Minuten schon die nächsten Künstler auf der Bühne und spielen. Musik gibt es hier im Akkord und in einer Vielfalt, wie sonst selten in Deutschland. Von Anfang an sind die Zuhörer dabei. 500 bis 700 Plätze sind schon am Morgen besetzt. Schüler sind dabei, Eltern mit Kindern und Rentner, Punks in Lederjacken und Springerstiefeln hören die Ouvertüre zum Freischütz und Studienräte wippen zu den Jazz-Klassikern der Weimar Big Band. Auch über Mittag reißt das Interesse nicht ab. Es bleibt ein Kommen und Gehen. Jeder pickt sich heraus, was er hören möchte. "Es ist wichtig, hier zu sein", sagt ein Mann aus Eisenach. Dort wurde 1685 Johann Sebastian Bach geboren.
- Datum 13.12.2006 - 04:25 Uhr
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das programm klingt nach abonnementskonzerten - hätte überall stattfinden können -
man muss zeigen, womit man besser ist oder womit man was besonderes bringt - gefördert wird das, was hin zum einzigartigen geht - zumindest im ansatz - man muss es gremien schwer machen, mit überall gängigem tut man das nicht, im gegenteil
nochmlas nachdenken
... das war zu allen Zeiten schon so. Bach verliess Eisenach -- das sich so stolz auf ihn gibt -- sobald er laufen konnte, und kam nie wieder. Damals wie heute geht es um das liebe Geld. Erst die reichen Medici-Banker brachten Kultur nach Florenz, erst der Goldrausch brachte die Oper bis San Francisco. Reichen drei Berliner Opern aus bei so vielen Arbeitslosen oder sind es zu viel? Die Frage ist immer wieder, wie viel Kultur man sich zum gegebenen Moment gerade leisten kann. Zulagen sind stets willkommen, doch wenn's ans Sparen geht, wird halt protestiert.
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