Fall Litwinenko Krimi ohne Auflösung

Die russische Regierung betreibt ein geschicktes Spiel - sie gibt mal die gekränkte Unschuld, mal das Opfer eines teuflischen Komplotts. Doch auch die britische Regierung hält sich bedeckt.

Immer mehr wird zur Gewissheit, was von Beginn an befürchtet wurde: Der Mord an Alexander Litwinenko wird wohl nicht aufgeklärt werden. Dieses traurige Fazit drängt sich auf, ungeachtet der Bemühungen der britischen Fahnder, die nun in drei Ländern ermitteln und in Moskau geraume Zeit warten mussten, bis sie am Montag erstmals die Erlaubnis erhielten, Andrei Lugowoi zu vernehmen, eine der möglichen Schlüsselfiguren des düsteren Dramas. Deutsche wie britische Fahnder warten ungeduldig darauf, dass ihnen die russischen Behörden Zugang zu Dimitri Kowtun gewähren, der eine Spur von Polonium-210 hinterließ, die von Moskau nach Hamburg führt.

Über seinen Gesundheitszustand ist in Moskau höchst Widersprüchliches zu vernehmen. Mal hieß es, er leide an den Folgen schwerer radioaktiver Vergiftung, dann wurde das dementiert. Offenbar kam Kowtun bereits in Moskau mit Polonium-210 in Berührung; das würde die Strahlung erklären, die er hinter sich her zog. Opfer oder Täter? Die russischen Behörden sagen Ersteres, die deutsche Polizei spricht aus, was die Briten nur inoffiziell durchblicken lassen: Kowtun ist ein Tatverdächtiger. Ob er der Mann war, der das Mordmittel nach London brachte, wird von deutscher wie britischer Polizei bezweifelt. Das Flugzeug, das ihn nach London beförderte, wies keine nuklearen Rückstände auf. Denkbar auch, dass Kowtun Täter und Opfer zugleich war. Der russische Geheimdienst steht in dem Ruf, einen Mord so organisieren zu können, dass der Mörder ebenfalls umgebracht und damit die Chance erheblich verringert wird, durch ihn eine Verbindung zu den Auftraggebern herzustellen. So oder so: Es wäre erstaunlich, sollte Dimitri Kowtun ein langes Leben beschert sein.

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Die russische Regierung betreibt ein geschicktes Spiel. Einerseits gibt sie sich als gekränkte Unschuld, wirft dem Westen vor, einen neuen Kalten Krieg zu schüren und das moderne Russland zu verteufeln. Andererseits verweist Moskau auf die theoretisch nicht völlig auszuschließende Möglichkeit, Putins Gegner hätten ein teuflisches Komplott geschmiedet und einen der ihren geopfert, um dem russischen Präsidenten und dem FSB, dem Geheimdienst, einen Mord anlasten zu können. Die neueste Variante aus den staatlich kontrollierten russischen Medien lautet, Litwinenko habe womöglich an einer „schmutzigen Bombe“, einem radioaktiv verseuchten konventionellen Sprengsatz für die tschetschenischen Separatisten gearbeitet. Das ist ein durchaus gekonnter Versuch, einer absurden These den Anschein gewisser Plausibilität zu verleihen. Wohlbekannt ist schließlich, dass britische Geheimdienste seit Jahren schon die Sorge vor einem atomaren Anschlag islamistischer Terroristen umtreibt – gerade erst erneuerte Innenminister John Reid eine entsprechende Warnung - und dass Alexander Litwinenko auf dem Sterbebett zum Islam konvertierte.

Ansonsten demonstrieren die Russen ihre hoch entwickelte Fähigkeit, auf stur zu schalten und für Konfusion zu sorgen. Wozu auch gehört, den Spieß einfach umzudrehen. Zu diesem Zweck haben sie ihre eigene Untersuchung gestartet und verlangen nun, die britischen Behörden mögen ihnen gefälligst die Gelegenheit geben, diverse Personen aus der umfänglichen Szene der Dissidenten und Putingegner um Berzekowski zu befragen. Bei der Vorstellung ist den Freunden Litwinenkos aus verständlichen Gründen nicht behaglich zumute, weshalb sie am liebsten darauf verzichten würden. Ansonsten wollen sie sich nur dann auf eine Begegnung mit russischen Offiziellen einlassen, wenn der britische Staat ihre Sicherheit garantiert.

Der nukleare Fallout der Affäre hat nun auch Deutschland erreicht, sorgt für viel Aufregung und ließ Angela Merkel mahnende Worte an die Adresse Moskaus richten. Ansonsten gibt es nur wenig gesicherte Erkenntnisse. Eins scheint zumindest festzustehen: Nicht die vielzitierte Sushi-Bar in Piccadilly war Schauplatz der Giftattacke. Der Bar des Millenium Hotels im Londoner Westend gebührt der fragwürdige Ruhm, der Ort zu sein, an dem der erste radiologische Mord der Geschichte verübt wurde. Zumindest war es der erste, der hochoffiziell als solcher bestätigt wurde. Doch selbst das steht nicht absolut sicher fest. Die britischen Zeitungen schnappen begierig die Brocken auf, die ihnen anoyme „Ermittler“ stecken, peppen sie auf und verstärken somit häufiger die Konfusion, als dass sie zur Erhellung beitragen.

Die britische Polizei hat daran erheblichen Anteil. Sie hat sich während der vergangenen Wochen nicht gerade darum bemüht, für Klarheit zu sorgen. Während sie ansonsten nach jedem Mord oder Terroranschlag fix zur Hand ist mit täglichen Pressekonferenzen, auf denen jedes Detail der laufenden Ermittlungen offenbart wird – so, wie es auch die deutsche Polizei tut -, sind verlässliche Informationen im Fall Litwinenko Mangelware geblieben. So hat die Öffentlichkeit bis heute keine absolut verlässliche Version des Ablaufs der Ereignisse vom 1. November erfahren. Dabei haben sie Litwinenko vor seinem Tod an die 20 Stunden lang befragt, überdies überwachen Kameras das Westend beinahe lückenlos, so dass man hätte rekonstruieren können, ob es am 1.November zuerst zu dem Treffen in der Sushi-Bar und dann zu dem im Millenium Hotel kam oder umgekehrt.

Zugeknöpft gibt sich auch die Regierung Blair. Einzig Peter Hain, Minister für Nordirland und Wales, fand rasch kritische Worte für Moskau, offenbar ohne vorherige Absprache mit 10 Downing Street. Die Zurückhaltung lässt sich nur zu einem Teil mit Rücksicht auf die britischen Beamten rechtfertigen, die in Moskau auf das Entgegenkommen der Behörden angewiesen sind. Würden sie ihre Karten offen legen, könnte sich die Zusammenarbeit noch schwieriger gestalten, als sie ohnehin schon ist.

Der Verdacht drängt sich auf, in Wahrheit sei es, wie der Economist leicht süffisant unterstellt, die größte Sorge britischer Diplomaten, Scotland Yards Fahnder könnten bei den Ermittlungen Erfolg haben und damit eine dauerhafte Vereisung der russisch–britischen Beziehungen einleiten. Allerdings steht es bereits alles andere als gut um das russisch–britische Verhältnis, obwohl sich Tony Blair frühzeitig um einen engen Draht zu Putin bemühte, bevor der noch Präsident von Russland wurde.

Das russische Radioprogramm der BBC erlebt seit einigen Wochen eigentümliche Störungen bei der Übertragung seiner Sendungen; der britische Botschafter wird neuerdings, wo immer er auftritt, von einer lärmenden Horde junger Leute verfolgt, ohne dass der Kreml einen Finger rührt; das British Council sah sich ganz unvermittelt einer drakonischen Steuerüberprüfung durch russische Inspektoren ausgesetzt und britische Diplomaten wurden im russischen Fernsehen der Spionage beschuldigt. Nun ist Letzteres beinah schon zum festen Ritual der Beziehungen zwischen London und Moskau geworden und würde für sich genommen allenfalls für ein paar hochgezogene Augenbrauen sorgen. Doch die Häufung solcher Zwischenfälle deutet darauf hin, dass der Grad der Verstimmung zunimmt.

Dem Putin-Regime ist ein Dorn im Auge, dass Großbritannien zum Zufluchtsort zahlloser Regimegegner, in Ungnade gefallener Oligarchen und tschetschenischer Separatisten wurde, denen man Asyl gewährte und deren Auslieferung London ablehnt. Zur Ehrenrettung der britischen Regierung sei angemerkt, dass sie Asylrecht ohne Ansehen der Person oder der Umstände in der jeweiligen Heimat gewährt, womit sie sich allerdings ein paar Gäste, unter ihnen ein Abu Hamza, einhandelte, auf die man lieber verzichtet hätte.

Eines ist klar geworden: Der Machtkampf in Moskau schlägt direkt auf die Außenbeziehungen des Landes durch. Die Beziehungen zwischen London und Moskau drohen noch stärker zu vereisen. Ein Happy End ist nicht in Sicht. Einiges spricht dafür, dass man in „Londongrad“ nicht so schnell zur Ruhe kommen wird. Der qualvolle Tod Alexander Litwinenkos war als Warnung gedacht für die „Feinde Russlands“. Zugleich demonstrierte das neue Russland, dass es sich wenig um die Meinung der Welt schert, wenn es um die Verfolgung eigener Interessen und um die Begleichung alter Rechnungen geht.

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Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 12.12.2006 um 16:51 Uhr

    kein Kommentar erforderlich. Aus der Ziffer '16' messerscharf auf die Zahl der Jahre mit Fragezeichen schließen zu wollen, wäre ebenso, als würde bei 'ww'illig zu überlegen sein, ob das Pseudonym etwas mit einem Stotterer zu tun hat. - Ende!

  1. Offensichtlich hat der Autor den Fall bereits gelöst...Er sollte sich vielleicht doch lieber in der Kriminalistik, denn im Journalismus versuchen. Habe selten solch einen inhaltsleeren und tendenziösen Artikel gelesen. Es scheint hier lediglich um das Wiedekäuen selektiv genehmer Theorien zu gehen, nicht anders als bei 'The Sun'. Dann aber stellt man sich die Frage: wozu noch 'Die Zeit'?

  2. hmmm, ich frage mich manchmal warum schaerfere kritik so oft als 'inhaltslos' gebrandmarkt wird... der autor hat weder den fall geloest, noch so etwas angekuendigt... aber warum eine kritik an der loesung des falls als inhaltslos bezeichnet wird, kann ich mir nicht erklaeren...

  3. Ich steht nicht auf der Gehaltsliste der'Zeit', weshalb sollte ich es versuchen besser zu machen? Ich habe auch keine Ambitionen, als Journalist angesehen zu werden. Als solcher würde ich mich allerdings davor hüten, gedankenlos z.T. Unsinn aus anderen Quellen nachzuplappern. Man sollte keine Stümper, sondern wirkliche Kenner des Landes solche Artikel schreiben lassen, sonst kann man gleich den Papagei befragen.

    • Anonym
    • 12.12.2006 um 12:38 Uhr

    'wird's schon richten'. Lösen wird 'den Fall' niemand. Doch Gedanken darf man sich schon machen. Das ist auch einem Journalisten als Autor nicht untersagt. Kritisieren ist so einfach, besser machen dagegen schwieriger.

  4. Die Vermutung war schon richtig - allerdings stottere ich nicht beim Schreiben, wie manch einer von der schreibenden Gilde, sondern nur beim Sprechen (so hat man mehr Zeit, sich über das Zusagende einige Gedanken zu machen. Kann ich nur empfehlen, wäre u.U. auch für Andere nützlich).

    Was die Inhaltslosigkeit angeht, so bezieht sie sich nicht auf die vermeintliche Fallösung, sondern auf den Artikel. Der dort gegebene Aufschluss ist keinesfall fundiert, nicht einmal originell, und schon gar nicht neu. Wenn man schon keine Ahnung vom Land hat, so sollte man mit derartigen Vermutungen zurückhalten. Als guter Boxer sollte man, wenn man schon 'scharf' austeilt, auch 'scharf' einstecken können. Aber gute Boxer scheint es kaum noch zu geben.

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