Boers-o-Meter Besser, als zu raten
Silvester ist noch nicht erreicht, doch die Anleger schauen schon ins kommende Jahr. Was bringt es für die Börsen? Einige Hinweise für eine gelungene Prognose
Finanzmarktteilnehmer sind immer bestrebt, ihrer Zeit etwas voraus zu sein. Kaum zeichnet sich ein Ereignis am Horizont ab, denken sie schon über das nächste nach. So ist es auch in diesem Jahr. Silvester ist noch lange nicht erreicht, da verlieren Anleger und Händler schon das Interesse an der Jahresendrallye und wechseln zum nächsten Thema - der Jahresanfangsrallye.
Finanzmarktanalysten haben seit jeher das Bestreben, möglichst frühzeitig die Tendenz des kommenden Börsenjahres zu erkennen. So gibt es die einfache Regel, dass, sofern die ersten fünf Börsentage gut laufen, der Januar eine gute Chance hat, sich auch danach positiv zu entwickeln. Und wenn dann die Kurse im kompletten Januar tatsächlich stiegen, gilt die Wahrscheinlichkeit für ein insgesamt gutes Börsenjahr als hoch.
An dieser Stelle soll gar nicht so weit in die Zukunft geblickt werden. Dass immer wieder solche Langzeitprognosen eingefordert und erstellt werden, mag manchem unseriös erscheinen. Doch es ist durch zwei von der Behavioral Finance beschriebene Effekte leicht erklärbar: Durch das Kontrollbedürfnis der Marktteilnehmer und ihre Overconfidence, also ihr übertriebenes Vertrauen.
Prognosen sind bekanntlich immer unsicher, doch Menschen brauchen ein Gefühl der Sicherheit - gerade wenn es um viel Geld geht, wie an den Börsen. Deshalb neigen sie dazu, vermeintlich kompetentere Personen um eine Zukunftseinschätzung zu bitten, mit deren Hilfe sie die Zukunft etwas stärker unter Kontrolle bekommen möchten. Und sie finden ja auch immer wieder "Fachleute", die sich zutrauen, punktgenaue Wechselkurs- oder Aktienprognosen auf Sicht von zwölf Monaten oder sogar länger zu erstellen - ein klassisches Beispiel von Overconfidence. Selbst wenn diese vermeintlichen Experten keine Punktprognosen wagen, sondern lediglich Bandbreiten angeben, setzen sie diese in der Regel so eng, dass sie nur selten zutreffen. So wird leicht der Zufall durch den Irrtum ersetzt.
Weniger stark wirken sich die beschriebenen Effekte dagegen aus, wenn Szenarien vorgestellt werden oder die Prognosen sich auf deutlich kürzere Zeiträume beziehen. Solche Szenarien für die Entwicklung der Märkte im neuen Jahr sollen zwischen Weihnachten und Neujahr auch in einem ausführlichen Boers-o-Meter vorgestellt werden. Kurzfristige Szenarien auf der Basis einer Vergangenheitsbetrachtung sind aber schon jetzt möglich. Sie geben einen Ausblick auf die ersten Handelstage des neuen Jahres, was uns wieder zur Frage nach der Jahresendrallye bringt.
Eine solche Rallye am Ende eines Jahres ist eine Kursbewegung, die immer wieder vorkommt. Sie ergibt sich nicht primär aufgrund von Gewinnüberlegungen, sondern durch bilanztechnische Fragen . Bleibt sie aus, ist dies ein klares Indiz dafür, dass an den Märkten einiges im Argen liegt. Sehr schön lässt sich das seit Anfang der 1990er Jahre an den europäischen Börsen beobachten: Immer, wenn es im Dezember zu Kursrückgängen beim Euro-Stoxx-50-Index kam, sind die Kurse im Januar noch weiter gefallen. Die sich für viele institutionelle Kunden ergebende Notwendigkeit, zum Jahresanfang neu zu investieren, wird dann durch das negative Umfeld überdeckt.
Das Gegenteil kann hingegen beobachtet werden, wenn die Märkte im Dezember nur leicht gestiegen sind. In diesem Fall gab es für den betrachteten Zeitraum keinen einzigen Januar mit einem Kursrückgang. Leicht steigende Märkte im Dezember sind dann wohl ein Zeichen für ein positives Umfeld, das die Investoren dann nicht von ihren Neuengagements zum Jahresanfang abhält. Ein Teil wird schon im Dezember investiert, der Großteil dagegen im Januar. So entsteht dann die Jahresanfangsrallye.
Wieder anders sieht es aber aus, wenn es eine euphorische Jahresendrallye gibt. In einem solchen Fall ergibt sich kein klares Bild für den Januar. Auf besonders starke Aktienmärkte im Dezember folgten in der Vergangenheit im Januar sowohl weiterhin gute als auch recht schwache Märkte. Im ersten Fall überwiegt das Bedürfnis, Anfang Januar investieren zu müssen. Im zweiten Fall gibt es hingegen Vorzieheffekte. Das waren insbesondere die Jahre, in denen die Stimmung eher verhalten war.
Kaufen die Investoren also im Dezember besonders massiv, braucht es schon ein besonders gutes Umfeld, um sie auch im Januar noch an den Börsen zu halten. Investieren sie dagegen alleine aufgrund von so genannten Window-Dressing-Überlegungen, dürften sie ihre gefühlten Überquoten auch schnell wieder abbauen.
Das Fazit: Prognosen sind zwar mit Fehlern behaftet. Doch zumindest kann man sich Ende Dezember darüber freuen, dass die Kursverläufe im letzten Monat des Jahres erstaunlich gute Indikationen für den Januar sind. Ende Dezember heißt es also nachsehen, wie sich die Börse entwickelt hat. Zumindest in zwei von drei Fällen erhält man eine Indikation für die zu erwartende Marktbewegung - und das ist immerhin besser, als zu raten.
Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG
und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München
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- Datum 18.12.2006 - 11:24 Uhr
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