Russland Das alte Russland kehrt zurück

Letztlich kommt es nicht darauf an, wer Litwinenko umgebracht hat.

Russlands Präsident Wladimir Putin: Wie sowjetisch ist das Russland von heute?

Russlands Präsident Wladimir Putin: Wie sowjetisch ist das Russland von heute?

Der Londoner Mord an dem russischen Exilanten und früheren Mitarbeiter der Geheimpolizei KGB/FSB, Alexander Walterowitsch Litwinenko, beschäftigt ganz Europa. Aufgrund neuer Anschuldigungen wird dieser Fall immer komplizierter. Vielleicht kommt in diesen Anschuldigungen nur die normale Verworrenheit aller Exilpolitik zum Ausdruck, schließlich leben in London viele untereinander zerstrittene Russen. Womöglich erleben wir aber auch eine klassische Desinformationskampagne. Der Vorwurf, Litwinenko sei von seinen früheren Kollegen vergiftet worden, um seine Angriffe gegen Präsident Putin zu stoppen, erscheint einleuchtend – und zwar derart einleuchtend, dass jedenfalls bloßes Leugnen nicht ausreicht, um diese Version zu widerlegen.

Stattdessen werden die ursprünglichen Beschuldigungen durch andere Theorien in Frage gestellt. Dabei kommt es nicht darauf an, dass keine dieser Theorien besonders glaubwürdig ist – solange sie nur die Aufmerksamkeit von den am nächsten liegenden Erklärungen ablenken.

Anzeige

Dementsprechend behaupten manche, Litwinenko sei nicht etwa von seinen Feinden, sondern umgekehrt von seinen besten Freunden wie dem Magnaten Boris Beresowski umgebracht worden, gerade um Putin und den FSB in Verdacht zu bringen. Diese Art von Verdrehung gehörte in der sowjetischen Ära zum Standardrepertoire der Geheimdienste.

Noch unwahrscheinlicher ist die These, Litwinenko sei von seinen jüdischen Freunden ermordet worden, weil er geplant habe, zum Islam überzutreten. Andere wiederum haben dargelegt, dass das Polonium 210, das Litwinenkos Gewebe unrettbar zerstörte, überhaupt nicht auf einen staatlich angeordneten Mord hindeute, weil Polonium 210 in handelsüblichen antistatischen Bürsten enthalten sei und im Internet frei erworben werden könne.

In Wirklichkeit aber wäre Polonium 210, das eine Halbwertzeit von nur 138 Tagen hat und eingeatmet schon in einer Dosis von einem Millionstel Gramm tödlich wirkt, nur unter größten Mühen und Gefahren aus Bürsten und dergleichen zu gewinnen werden. Hingegen ist es in Atomkraftwerken ein normales Nebenprodukt.

An die Vergangenheit erinnert auch die Art und Weise, wie die Beamten von Scotland Yard behandelt wurden, die nach Moskau flogen, um dort zwei russische Bürger zu vernehmen. Die beiden waren ausgerechnet an dem Tag nach London gereist, um Litwinenko zu treffen, als dieser erkrankte. Zunächst verlegten sich die russischen Behörden darauf, die Vermutung lächerlich zu machen, das für den Mord verwendete Polonium 210 habe aus Russland gestammt – bis Untersuchungen bewiesen, dass auch das Flugzeug der British Airways, das die beiden Männer nach London geflogen hatte, kontaminiert war.

Dennoch sagten die Russen zunächst ihre volle Zusammenarbeit zu. Als dann allerdings die britischen Kriminalbeamten in Moskau eintrafen, erlaubte man ihnen nicht, die beiden Russen zu verhören. Stattdessen durften sie nur still dabei sitzen, während diese von russischen Offiziellen befragt wurden. Als einer der beiden Verdächtigen, der ehemalige Offizier von KGB und FSB, Andrej Lugowoj, seinerseits im Krankenhaus auf mögliche Vergiftungen durch Polonium 210 untersucht wurde, erklärte der russische Staatsanwalt dazu schadenfroh, er selbst werde nun nach London reisen, um das Verbrechen zu untersuchen, um Litwinenkos dortige Freunde zu vernehmen – ganz offensichtlich die von ihm bevorzugten Verdächtigen.

Leser-Kommentare
  1. Nachdem schon einige der Neocons-Thinktanks ihre Büros dichtgemacht haben, versucht der Rest seinen Lebensunterhalt duch Publizierung von Hetzartikeln in der internationalen Presse zu sichern. Ekelhaft, dass sich die ZEIT für so etwas einspannen lässt.

  2. toller Schluss...es reicht anscheinend nicht, sich von den Amis in Demokratie unterrichten zu lassen, nun müssen wir auch noch im Geografie-Unterricht still sitzen. Welch eine Anmaßung.

    • macua
    • 14.12.2006 um 19:06 Uhr

    ...hat wwilig nichts Besseres zu tun, als hier einen Artikel nach dem anderen primitivst zu kritisieren? Schade eigentlich...

  3. Der Russenhass des Abendlands ist kulturell so stark ausgeprägt wie der Antisemitismus. Diese Seuchen sind unausrottbar und führen immer wieder zu Zäsuren in Europa.

    Was treibt solche Hassprediger die derzeitig wieder umgehen.

    • Anonym
    • 14.12.2006 um 21:18 Uhr

    Bedenkenwert, die selbe Journaille, die jeden zum Antisemiten abstempelt, der es wagt z.B. den Libanon-Feldzug zu kritisieren, gibt sich auf intellektuell höchstem Niveau der Russentreibjagd hin. Gegen Russland darf gehetzt werden, soviel scheint sicher.

    Zum Sinngehalt der Poloniumstory nur folgender Link:
    [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

    Viel Freude beim Sinnieren!

  4. ... und das bekommt dem Niveau des Journalismus' nicht immer gut.

    Den Bogen zu spannen von Litwinenkos Ermordung über die unfaire Behandlung westlicher Investoren bis hin zur 'typisch russischen Unterwürfigkeit', so was sollte in der angesehensten deutschen Wochenzeitung eigentlich keinen Platz haben auf Seite eins.

    Schade, denn das Thema selbst verdient ja durchaus Erhellung und Engagement.

    Es wäre längst überfällig, den deutschen Zeitungslesern mal die politische Landschaft in Rußland genauer vorzustellen.
    Daß Putin immer autoritärer regiert, wissen wir schon.

    Aber was ist denn mit den anderen 145 Millionen, was denken die denn so?
    Und warum wehren die sich eigentlich nicht?

    Und was sind das für Demokraten (mit und ohne Anführungszeichen) wie Jawlinksij, Chodorkovskij, Kasjanov und Kasparov -- wer sind sie, woher kommen sie, und welche Chancen haben sie überhaupt?

    Darauf sollte man einmal eingehen, anstatt hier zum zehntausendsten Mal eine Putin-Charakteristik zu verfassen...

    • KaOsRi
    • 15.12.2006 um 8:55 Uhr

    Es wäre interessant zu wissen, wer von den Kommentatoren versucht hat, als Ausländer in Russland zu leben und zu arbeiten. Von deutschen gemütlichen Professoren- o.a. Sesseln das wunderbare Russland herbeizureden, ist wirklich keine Kunst. Offizieller Fremdenhass, Antisemitismus und Rassismus sind in der russischen Gesellschaft so verbreitet wie wohl in keinem anderen Land Europas. Von der Gastfreundlichkeit lassen sich Besucher oft täuschen - sie gilt dem Fremden, der auch wieder geht. Versuchen Sie es mal - schon die Passkontrolle am Moskauer Flughafen ist eine wunderbare Erfahrung, um die tiefe, warme, russische Seele gegenüber dem Fremden kennenzulernen!

  5. 8.

    Es lässt sich ja nicht leugnen, dass Putin aus westlicher Sicht ein autoritärer Machthaber ist, der jedes erlaubte und auch viele unerlaubte Mittel nutzt, um seine Ziele zu verfolgen. Aber es ist doch lächerlich Leute wie Chodorkowski oder Abramovich als Lichtgestalten in einem finsteren Reich zu zeichnen. Diese Leute reden doch nur von Freiheit und Demokratie, weil es ihren geschäftlichen Interessen dient. Und der selige Litwinenko scheint doch ebenfalls eine äußerts fragwürdige Gestalt zu sein. Seine Sympatie für den Islam ist doch in Wahrheit eine für den radikalen Islamismus.

    Die schnöde Wahrheit ist doch, dass Russland ein riesiges Land ist mit vielen Rohstoffen und noch mehr Glücksrittern und Betrügern darin, die sich diesen Reichtum unter den Nagel reißen wollen. Auch die westlichen Konzerne spielen hier mit. Und dann gibt es noch alle Arten von Separatisten und Terroristen, die den Staat mit allen Mitteln zerstören wollen.

    Der Grund, warum Putin bei der überwiegenden Mehrheit des Volkes so beliebt ist, ist einfach der, dass er diesen Leuten klare Grenzen aufzeigt. Seine Methoden sind brutal, aber das müssen sie wohl sein, um zu wirken. Man kann ihm vieles vorwerfen, aber er hat bei seinem Handeln mehr im Auge, als nur den eigenen Vorteil.

    Es ist berechtigt über Putin zu urteilen, aber man sollte so fair sein und auch sehen, in welcher Situation Russland ist und man darf keinesfalls jeden, der gegen Putin opponiert, als selbstlosen Helden sehen. Ich habe keine Ahnung, wer Litwinenko eigentlich war, er ist nicht zu vergleichen mit Politkowskaja!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service