Herr Ostermaier, in Ihrer „Ode an Kahn“ würden Sie zu einer Flugeinlage des Torhüters gerne die Beach Boys einspielen. Wäre Rammstein nicht passender?

ALBERT OSTERMAIER: Mit ein wenig wohlwollender Ironie ist Kahn schon ein Wellenreiter. Mit Rammstein wäre er die Personifizierung des stahlharten, blonden Deutschen. Eine solche Denunziation würde total konterkarieren, was eine Ode ist, nämlich eine Huldigung.

Warum besingen Sie g erade Oliver Kahn?

Die erste Ode an Kahn war meine Voodoo-Puppe für einen Bayernsieg im Champions-League-Finale gegen Manchester – das ging leider nach hinten los. Außerdem bin ich selber Torwart und mag die absurde Psychologie des Torwarts.

Und die wäre?

Der Torwart hofft, dass die Abwehr so stark ist, dass kein Ball durchkommt. Trotzdem wünschst du dir, dass die Gegner wenigstens mal aufs Tor schießen und du den Ball aus dem Winkel fischst. Man fiebert für die Mannschaft, aber auch für sich – der Torwart surft permanent auf dem schmalen Grat eines Zielkonflikts.

Bei Ihnen fliegt Kahn durch den Strafraum, boxt die Sonne weg und hinterlässt ein schwarzes Loch. Ein einsamer Held, der …

> … eher ein Halbgott. Die Halbgötter in der Antike sind unheimlich spannend, weil sie zwar göttliche Kräfte besitzen, aber trotzdem sterblich sind, eine Achillesferse haben. Wenn man beim Torwart ein Foto im Moment des Fluges macht, sieht’s toll aus. Aber der Ball kann immer noch ins Tor gehen. Diese Momente, in denen Heldentum und Scheitern unglaublich nahe beieinander sind, machen den Torwart interessant. Er besitzt Fallhöhe.

Das Scheitern, besonders nach großen Erfolgen, interessiert Sie. Im Buch tauchen einige Spieler und Mannschaften auf, die im Spiel oder im Leben tragisch g escheitert sind.

Man kann natürlich sagen, dass man als Bayern-Fan nach der 93. Minute von Barcelona traumatisiert ist und eine Nähe zum Scheitern hat. Aber ich glaube, dass der Fußball sehr viel mit der antiken Tragödie zu tun hat: Ein Held gewinnt immer mehr Fertigkeiten, wird zur übermenschlichen Projektionsfläche und kurz vor dem Höhepunkt, kurz bevor er in Bronze gegossen wird, erstarrt er zur Statue, verliert alles Menschliche. Er ist auf eine Art tot, weil er keine eigene Identität mehr hat, sondern nur noch eine öffentliche.

Und dann scheitert er als Überlebensreflex?

Genau. Deshalb versagen gerade die herausragenden Spieler in den entscheidenden Momenten. Ob das David Beckham beim Elfmeter bei der EM ist, damals in Belgrad Uli Hoeneß oder Oliver Kahn 2002. Es geht ihnen wie Ikarus. Sie rücken immer näher zur Sonne und verbrennen sich die Flügel.