Adipositas Das große FressenSeite 2/2
Doch hat die Darmbesiedlung damit auch wirklich einen Einfluss auf das Körperfett? Es könnte schließlich sein, dass Mäuse (oder Menschen) mit den guten Futterverwertern im Darm generell weniger essen. Um diese Frage zu beantworten, transplantierte Gordons Team die Darmflora von fetten und dünnen Mäusen in keimfreie Mäuse. Diese Empfängermäuse unterschieden sich vorher und auch nach der Besiedlung nicht in ihrem Appetit. In Mäusen mit einer Darmflora aus übergewichtigen Mäusen stieg der Körperfettanteil trotzdem binnen zwei Wochen auf 47 Prozent, deutlich mehr als bei der Vergleichs-Gruppe mit nur 27 Prozent Körperfett.
Was heißt das nun? Sollten dicke Menschen auf die ballaststoffreiche Nahrung verzichten, um ihren Zweitlieferanten den Nachschub zu nehmen? Immerhin gelten Ballaststoffe ja als sehr gesund. Ob sie aber universell für eine gesunde, schlanke Ernährung empfohlen werden sollten, bezweifeln allerdings längst auch prominente Ernährungswissenschaftler. Michael Blaut, Professor am Deutschen Institut für Ernährungsforschung, gab gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bereits im vergangenen Jahr zu bedenken: "Der Begriff Ballaststoffe ist eigentlich irreführend, manche davon sind fermentierbar ob und wie effektiv das geschieht, hängt von der individuellen Darmflora ab." Jeffrey Gordon sagt es deutlicher: "Das lässt das ganze Konzept des Kaloriengehalts von Nahrungsmitteln wackeln." Denn letztendlich kommt es darauf an, was aus der Nahrung herausgeholt wird, und das kann ganz unterschiedlich sein.
Offene Fragen gibt es dennoch, einige nennen die Ernährungswissenschaftler Matej Bajzer und Randy Seeley in einem begleitenden Kommentar in Nature. So sind die dicken Spendermäuse in Gordons Experiment zunächst einmal dick aufgrund einer erblichen Veranlagung, ihnen fehlt das Hormon Leptin. Aufgrund dieses Mangels entwickeln sie - wie auch Menschen mit diesem sehr seltenen Gendefekt - einen mörderischen Appetit, sie kennen kein normales Gefühl der Sättigung. Wie das zu einer Verschiebung im Verhältnis der Darmbakterien führen kann, ist unklar. Überraschend ist auch ein weiterer Befund bei Menschen: In Dicken, die mit einer Diät Gewicht verlieren, normalisiert sich die Darmflora wieder, wird also weniger effizient. Eigentlich sollte man daher, im Sinne einer gelungenen Anpassung von Mensch und Mikroben, vermuten, dass die Effizienz der Nahrungsverwertung steigt, wenn der Mensch weniger Nahrung zu sich nimmt.
Auf Darmflora spezialisierte Mikrobiologen erwarten gerade von der vergleichenden Genomanalyse Antworten auf solche offenen Fragen. Bisher sind erst fünf Jahre vergangen, seit neue Techniken derartig umfassende Massenanalysen des "Mikrobioms" - des Genoms unserer Mikroben - erlauben. Zusammen mit unserem "eigentlichen" Genom spricht man inzwischen vom "Metagenom", ganz ganzheitlich gesehen. Die neuen Ergebnisse charakterisieren die durchaus kritischen Kommentatoren in Nature dennoch als "eine potentiell revolutionäre Idee, die unsere Sicht auf Fettleibigkeit, und wie wir von den Bakterien in unserem Verdauungstrakt abhängen, verändern kann".
Eines bedeuten die neuen Daten von Maus und Mensch aber sicher: Was in unserem Darm passiert, was uns dick oder dünn macht, ist weitaus komplexer als das klassische Einmaleins des Kalorienzählens. Tröstlich ist aber zumindest eins: Einsam sind wir auch beim Dinner for One niemals.
Mehr zum Thema:
Mikroben im Darm -
Ein Video auf der Website von Nature zeigt Ihnen die Welt unserer winzigen Untermieter (in englischer Sprache)
Gordons Homepage -
Auf der Website des Forschers finden Sie unter anderem Volltexte zu seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen (in englischer Sprache)
- Datum 21.12.2006 - 10:31 Uhr
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Ist die unterschiedliche Darmflora Ursache des Übergewichtes oder Folge einer kalorienreichen Ernährung ?
Die Aufnahme der Nahrung findet im Dünndarm statt, der normalerweise nicht mit Keimen besiedelt ist. Die Besiedlung mit Bakterien findet sich im nachgeschalteten Dickdarm. Daher klingt es nicht unmittelbar logisch, dass der Zusammensetzung der Darmbesiedlung eine ursächliche Rolle beim Übergewicht zukommt.
Also, irgendwie hab' ich mich da in der Bewertung verklickt .... Eigentlich wollte ich dem Kommentar viel mehr 'grüne Kästchen' (für 'sehr hilfreich') geben!
Derr Dünndarm ist sicher nicht keimfrei, sondern hat eine andersartige und geringere Besiedlung als der Dickdarm, so daß die Bauhin'sche Klappe ihn vor der Überströmen der Dickdarmbakterien schützen muß. Bei Fehlfunktion kommt es zum sog. Overgroth-Syndrom.
Die unspezifischen Resorbtionsmechanismen des Dickdarms ermöglichen weit mehr als die Aufnahme von Elektrolyten, wie das Beispiele Vitamin K oder die enterohepatischen Kreisläufe des Bilirubins und der Gallsäuren zeigt; warum nicht auch 'nährwerthaltiger' Stoffe ?
Angesichts der Komplexität der Phänomene bei 400 - 500 enteralen Species kann man wohl eher der Auffassung sein, am Anfang des Verständnisses zu stehen, vermutlich ist nicht einmal das Verhältnis von luminaler zu wandständiger Flora hinreichend geklärt.
Also, irgendwie hab' ich mich da in der Bewertung verklickt .... Eigentlich wollte ich dem Kommentar viel mehr 'grüne Kästchen' (für 'sehr hilfreich') geben!
Wenn in amerikanischen Veröffentlichungen von 'trillions' die Rede ist, handelt es sich um Billionen, nicht Trillionen. Eine amerikanische 'trillion' ist die deutsche Billion, so wie die amerikanische 'billion' die deutsche Milliarde ist. Also:
Deutschland: Million - Milliarde - Billion - Billiarde - Trillion - Trilliarde usw.
USA: million - billion - trillion - quadrillion usw.
Der Unterschied ist also durchaus relevant, denn eine Trillion ist eine Million (10^6) mal größer als eine Billion.
Die deusche Trillion wird so gut wie nie benutzt, da die Größenordnung, für die sie relevant ist, üblicherweise in Zehnerpotenzen ausgedrückt wird. Die amerikanische 'trillion' kann jedoch durchaus gelegentlich auftauchen (z.B. lässt sich das BIP von Industrieländern recht handlich in Billionen USD angeben).
Schade eigentlich; ist doch eine gute ZEITung.
Aktuelle Erfolge in der Behandlung der Adipositas sind eigentlich viel spannender. Hierzu empfehle ich es, sich über den neuen Wirkstoff Rimonabant zu belesen.
Ich empfehle die Streams bei Nature anzuschauen. Dort erfährt man, dass
1. übergewichtige Menschen deutlich mehr Mikroben im Darm aufweisen
2. die prozentuale Verteilung an Mikroben im Darm im Zusammenhang mit dem Ausmaß des Übergewichts steht.
3. sich die Menge der Mikroben verringert, wenn der Mensch dünner wird.
4. die Zusammensetzung der Mikroben ändert, wenn die aufgenommene Nahrung in ihrer Zusammensetzung geändert wird.
Das scheint mir Folgendes zu bedeuten: Wir haben in unserem Darm Mikroben, die die Effizienz der Nahrungsaufnahme verbessern. Bei Pflanzenfressern (Rinder, Rehe, etc.) geschieht dies im Netzmagen, bei uns im Darm.
Wenn wir sehr fettreich essen, nimmt die Anzahl der Mikroben zu, die diesen Nahrungsanteil für uns verwertbar machen.
Wenn wir insgesamt sehr viel essen, haben wir auch entsprechend mehr Mikroben im Darm.
Ändern wir unsere Diät, ändert sich entsprechend die Zusammensetzung der Mikroben im Darm.
Werden wir dünner, was mit dem Bezug Nahrungsaufnahme - Energieverbrauch zusammenhängt, verringert sich auch die Menge der Mikroben.
Für die Energieangabe auf Nahrungsmittelverpackungen bedeutet das, dass z.B. eine Tafel Schokolade für Menschen mit weniger fettverwertungsunterstützende Mikroben im Darm weniger Kalorien hat als für solche mit vielen Mikroben dieser Art - es gibt also keine gültige absolute Energieangabe mehr, sondern sie müsste in Relation zur individuellen Mikrobenverteilung gesetzt werden.
Der Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Ernährung - Energieverbrauch bleibt unangefochten.
Ob man ein 'guter' oder 'schlechter' Futterverwerter ist, ist hingegen nun nicht mehr genetisches Schicksal, sondern ist antrainiert (dies ist meine Interpretation der vorgestellten Fakten).
Herzliche Grüße, Michael Schippel
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