Der „Rotlichtbezirk“ von Ipswich kommt ohne rote Lichter aus. Das einzige, was auf den so titulierten Straßen am Freitagabend gelegentlich aufleuchtet, ist ein bisschen Weihnachtsschmuck. BILD London Road zum Beispiel ist anfangs eine gewöhnliche Wohnstraße, wo sich gepflegte mit schäbigeren Häusern abwechseln. Weiter unten mündet sie in eine Dreieckskreuzung und dann in einen Kreisverkehr, von dem Umgehungs- und Ausfallstraßen abzweigen, die ein gesichtslosen Stadtrandgebiet aus Supermärkten, Autohäusern, Gewerbehöfen und Industriebrachen durchziehen. Zum „Rotlichtbezirk“ wird diese Gegend nur nachts, wenn sich junge, drogenabhängige Frauen an den Straßenrand stellen.An der Kreuzung von London Road und Handford Road wurde die 19jährige Tania Nicol das letzte Mal lebend gesehen: am 30. Oktober um 23.07 Uhr, erfasst von einer Videoüberwachungskamera. Als ihre nackte Leiche am 8. Dezember eine gute Meile weiter östlich außerhalb der Stadt, in einem Bach nahe dem Örtchen Copdoch gefunden wurde, schwante der rund 120.000 Einwohner zählenden Küstenstadt Ipswich Böses. Sechs Tage zuvor war zwei Kilometer Luftlinie entfernt, nahe des Dorfes Hintlesham, bereits die 25jährige Gemma Adams tot und nackt aufgefunden worden. Wie Tania Nicol arbeitete sie als Straßenprostituierte und wurde seit dem 15. November vermisst.Danach ging es Schlag auf Schlag: Die Polizei der Grafschaft Suffolk fand am 10. Dezember, nun am anderen, westlichen Ende von Ipswich, die Leiche von Anneli Alderton (24 Jahre), am 12. Dezember die von Annette Nicholls (29) und Paula Clennell (24) – sie wurden jeweils am 3., 4. und 9. Dezember zuletzt gesehen. Obwohl noch nicht mit Sicherheit feststeht, dass es sich um ein und denselben Mörder handelt, ist in den Medien längst vom „Ipswich-Ripper“ oder dem „Suffolk-Würger“ die Rede.Wenn sich dies bewahrheitet, erlebt Ipswich eine der schlimmsten Mordserien in der britischen Kriminalgeschichte. Die Taten rufen den nie gefassten „Jack the Ripper“ ins Gedächtnis, der im viktorianischen London zwischen August und November 1888 mindestens fünf „Straßenmädchen“ regelrecht zerfleischte, und den „Yorkshire-Ripper“ Peter Sutcliffe, der zwischen 1975 und 1980 in der Gegend um York 13 Prostituierte umbrachte, weil ihm dies „göttliche Stimmen“ eingeflüstert hätten.Der Schrecken ist nun ins ostenglische Ipswich eingezogen, das seine maritime Vergangenheit lange hinter sich gelassen und den Strukturwandel eher recht als schlecht meistert. Die Stadt, deren größter Stolz heute der „Ipswich Town Football Club“ ist, der derzeit in der zweiten Liga in der unteren Hälfte rangiert, ist zwar wirtschaftlich schwächer als das übrige Suffolk. 2004 lag es an Nummer Sechs auf der Liste der sozial am meisten benachteiligten Orte in Ostengland. Insgesamt aber ist die Beschäftigungsquote hier höher als in anderen Gegenden Englands. Es gibt viele neue Technologieansiedlungen. Die früher staatliche „British Telecom“ hat in der Nähe ihren Firmensitz und betreibt ein internationales Forschungszentrum.Warum es ausgerechnet in Ipswich zu dieser Mordserie gekommen ist, können sich auch die beiden Polizei-„Constable“ nicht erklären, die auf der Handford Road von Haus zu Haus gehen und Anwohner befragen. „Es ist zwar allgemein bekannt, dass es in Ipswich einen Straßenstrich gibt, aber das Problem ist hier nicht größer als anderswo“, sagt einer der beiden. Die Fahndung sei eine „Riesensache“, aber das wäre sie selbst für die ungleich größere Polizei von London.Die kleine Suffolk Constabulary, die in ihrer Geschichte noch nie fünf Morde gleichzeitig verfolgt hat, erhält mittlerweile landesweit Unterstützung. Polizeibehörden aus 26 anderen Grafschaften haben Spezialisten nach Ipswich abgestellt, über 300 Beamte arbeiten an den Fällen. Sie sichten unter anderem mehr als 10.800 Stunden Videoaufzeichnungen, die die rund 60 Überwachungskameras im Ipswicher Stadtzentrum routinemäßig festgehalten haben. Sie rekonstruieren die letzten Wege der Opfer und versuchen herauszufinden, welche Kleidung sie trugen. Eine Sondereinheit der Polizei von Merseyside, der Umgebung von Liverpool, ist rund um die Stadt postiert und zeichnet automatisch Autonummernschilder auf.Die Bevölkerung nimmt großen Anteil. Bis Freitagnachmittag gingen 7.300 Anrufe mit Hinweisen bei der Polizei ein, 1.800 allein in den letzten 24 Stunden, und über 1.000 E-mails. In Kirchen nahe der Leichenfundstellen finden am Freitagabend Gedenkgottesdienste statt. Angehörige der Opfer appellieren an mögliche Zeugen, sich bei der Polizei zu melden. Dazu will am Samstag im Fußballstadion auch der Bischof von Ipswich aufrufen. Vor dem Spiel gegen Leeds soll es zudem eine Schweigeminute geben. Dass ein Ipswicher Geschäftsmann eine Belohung von 50.000 Pfund aussetzt, die das Skandalblatt „News of the World“ mittlerweile auf 300.000 Pfund (ungefähr 450.000 Euro) aufgestockt hat, scheint als Anreiz gar nicht notwendig.Derweil macht die Fahndung wohl Fortschritte. Stewart Gull, der als „Detective Chief Superintendent“ die Mördersuche leitet, sagt am Freitag vor der Presse, man arbeite derzeit eine Verdächtigenliste von „weniger als 50“ ab. Viele Spekulationen und Gerüchte machen die Runde, verlässliche Fakten sind bislang rar. Die genaue Todesursache steht bislang nur bei zwei der fünf Opfer fest – eine wurde erwürgt, der anderen das Genick gebrochen. Alle Opfer wurden entkleidet aufgefunden, weisen aber offenbar kaum Gewaltspuren oder die von sexuellen Handlungen auf. Tests, ob die jungen Frauen vor den Morden betäubt wurden, ziehen sich hin, da alle „multiple Drogenkonsumenten“ waren.Mutmaßungen über den oder die Mörder bleiben daher vage. Es könnte ein Serientäter sein, der ein schwer gestörtes Verhältnis zu Frauen hat oder aus der Wahnvorstellung handelt, die Welt von „der Sünde“ zu befreien, heißt es in den Medien. Womöglich ist es jemand, der erst kürzlich in den Gegend gezogen ist, den Opfern aber trotzdem bekannt war, als „Kunde“ oder Drogenlieferant. Die meisten Kriminalpsychologen scheinen sich einig, dass der Täter „außer Kontrolle“ ist. Die immer schnellere Abfolge der Morde spreche dafür, dass er sich dem „Ende seiner Karriere“ nähere, sagt der forensische Psychologe von der Glasgower Caledonian–Universität, Ian Stephen, im Fernsehprogramm der BBC. Er könnte seine Zwangshandlungen offenbar nicht mehr kontrollieren. Gefährdet sind daher wohl nicht mehr nur Prostituierte, sondern Frauen allgemein.Die Morde haben das Schlaglicht auf eine Realität geworfen, die man in Großbritannien, wo Prostitution immer noch weitgehend illegal ist, gern übersieht. Die kurzen Leben der Opfer, die alle aus Ipswich und Umgebung stammen, lesen sich ähnlich: „Sozial benachteiligte“ Herkunft, instabile Familien, abgebrochene Ausbildungen, frühe Schwangerschaften – die Opfer hinterlassen insgesamt fünf Kinder, und die Boulevardzeitung „The Sun“ („Baby ist 6. Opfer“) will erfahren haben, dass eine der Ermordeten schwanger war –, das Abdriften in harte Drogen, der Weg in die Prostitution. Die jungen Frauen stammen aus jener Unterschicht, an der der insgesamt gute wirtschaftliche Lauf des Landes vorbei geht. Auch zehn Jahre Labour-Regierung haben sie kaum verkleinert.Nun bemühen sich in Ipswich alle Beteiligten, die Frauen von der Straße zu bekommen. Ein anonymer Wohltätigkeitsverein hat Geld bereitgestellt, das an die auf bis zu 40 geschätzten Prostituierten in Ipswich verteilt werden soll, damit sie für tägliche Bedürfnisse einkaufen oder Schulden abbezahlen können. Die Polizei ist auf den Straßen präsent, Drogen- und Sozialhilfe wollen täglich patroullieren. Jemery Pembroke, der Vorsitzende des Ipswicher Stadtrats, kündigt an, sich mit der Polizei zusammenzusetzen und „ganz neu“ über Prostitution in der Stadt nachzudenken, wenn die abscheuliche Verbrechensserie aufgeklärt ist: „Wir müssen daraus Lehren ziehen.“„Die Leute sagen uns: Wir haben keine Angst, aber wir sind besorgt“, berichtet Keith Bartlett, Beamter von der Verbrechenspräventionseinheit der Suffolk Constabulary, die sich am Eingang zum kleinen Weihnachtsmarkt auf dem Rathausvorplatz postiert hat. „Wir raten gerade jungen Frauen, was wir ihnen das ganz Jahr über raten: Geht in Gruppen aus, und kommt auch als Gruppe wieder nach Hause.“ Die Beamten verteilen Zettel mit Ratschlägen und verkaufen für zwei Pfund (drei Euro) einen Personenalarm, der wie eine Anti-Diebstahl-Sirene von Autos klingt.Die Besorgnis scheint groß. In wenigen Stunden sind die Beamten 2.000 Geräte losgeworden, zehnmal soviel wie sonst im ganzen Jahr. Es wird dunkel in Ipswich, und die Reihe von fragenden Passantinnen reist nicht ab. Keith Bartlett muss sie nun auf morgen vertrösten: Der Personanalarm ist ausverkauft.