Recht Der Pedant von Osterode

Seit zwei Jahren spielt im niedersächsischen Osterode ein Frührentner den Ordnungshüter. Kein Falschparker ist vor ihm sicher, kein falsch gesetzter Blinker entgeht ihm. Am Montag musste sich der Verkehrsmissionar selbst vor Gericht verantworten – zur Freude seiner vermeintlichen Opfer.

Horst-Werner Nilges könnte auch Fahrlehrer sein. Der 52 Jahre alte Frührentner kennt sich bestens aus im Straßenverkehr, keine Ordnungswidrigkeit entgeht ihm. Anders als der Polizei, so glaubt er, und das gehe ja nicht. Der ehemalige Maschinenbautechniker und Ehemann einer Hauptkommissarin springt dort ein, wo die Schutzmänner in Uniform seiner Meinung nach schludern. Ausgerüstet mit Stift und Notizblock zieht er Tag aus, Tag ein  durch die Stadt und schreibt fleißig mit, wer wie lange im Halteverbot steht oder welches Verkehrsschild missachtet wurde. Seit zwei Jahren hat er dieses Hobby. Es hat ihn berühmt gemacht in Osterode am Harz, schließlich landeten viele der knapp 25.000 Einwohner schon einmal auf dem Zettel von „Knöllchen-Horst“, der alles zur Anzeige brachte, was in seinen Augen als Delikt durchgehen könnte – durchschnittlich 15 Anzeigen pro Tag, geschätzte 10.000 seit seinem „Amtsantritt“.

Am Montag musste sich Nilges wegen diverser Falschanzeigen selbst vor Gericht verantworten. Das Interesse an der Verhandlung war groß, der Gerichtssaal aber klein. So musste der Pförtner des Amtsgerichts bereits 90 Minuten vor Verhandlungsbeginn Platzkarten ausgeben. Wer es einrichten konnte, wollte sich den Prozess gegen den pedantischen Verkehrsmissionar nicht entgehen lassen. Doch nicht jeder kam rein, das Schauspiel war schnell „ausverkauft“. Sehen, wie Knöllchen-Horst „einen draufkriegt“ und „eine reingewürgt bekommt“, wollten die meisten Zuschauer, weil sie sich persönlich denunziert fühlen und Nilges Pedanterie für unangemessen halten. Die Liste seiner Gegner ist lang, inzwischen hat er Hausverbot in vielen Cafés und Kiosken.

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Eine Begründung für seine Mission lieferte Nilges einst im Lokalradio, wonach er die Menschen zu mehr Gesetzestreue bringen wolle. Sein Misstrauen ging so weit, dass er beim Land eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Stadt Osterode und die Polizei einreichte, bestätigte Bürgermeister Klaus Becker, der Nilges als „Pedanten und Ärgernis für die Stadt“ bezeichnet. Vor der Verhandlung gab sich der Angeklagte jedoch äußerst wortkarg. Nur einem hartnäckigen Journalisten drohte er mit den Worten: „Sie können richtig Ärger bekommen“, als hätte dieser gerade unangeschnallt eine durchgezogene Linie überfahren.

Im Gericht erhob er noch einmal das Wort für eine detaillierte Unschuldsbekundung – vergebens. Während sich zwei Anklagepunkte als unhaltbare Versuche entpuppten, Nilges vor Gericht zu bekommen, atmete das ungeduldige Publikum nach dem Schuldspruch wegen Falscher Verdächtigung auf. Noch einmal durften Richter und Staatsanwältin die berüchtigte Handschrift des Angeklagten bewundern. Weil er sich zierte, seine Einkünfte, nach denen das Strafmaß festgesetzt werden sollte, vor den Zuschauern zu offenbaren, schritt er zur Tat an das Richterpult und kritzelte zur Abwechslung auf einen fremden Zettel.

15 Tagessätze à 40 Euro lautete schließlich das Urteil. Geld, das Nilges auch gerne samt seiner unangezweifelten Tatkraft in karitative Zwecke investieren dürfe, so der Weihnachtswunsch von Klaus Becker. „Eigentlich kann man der ganzen Geschichte nichts Positives abgewinnen, schließlich geriet die ganze Stadt in Verruf und die Anzeigen haben hohe Verwaltungskosten verursacht“, so der Bürgermeister, „dennoch sollten sie einige Leute zum Anlass nehmen und von sich aus die Straßenverkehrsregeln besser beachten.“ Erste Anzeichen der Besserung gibt es schon: Vor dem Amtsgericht wurden keine Falschparker gemeldet.

 
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