Bulgarien Weihrauch und Moderne
Bulgarien wird am 1. Januar zusammen mit Rumänien Mitglied der Europäischen Union. Eindrücke aus einem widersprüchlichen Land der langsam aufgehenden Marktwirtschaft.
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Langsam rucken die Zahlen rückwärts. Unübersehbar leuchten die roten Ziffern, umgeben von den gelben EU-Sternen, an der Fassade eines Bankhauses im Zentrum Sofias. Sie zählen die Tage bis zu dem lange ersehnten historischen Datum: Dem Zeitsprung des ehemaligen Ostblockstaates in die dann 27 Mitglieder umfassende Gemeinschaft.
Auch Tichomir Beslov zählt in seinem Büro die wenigen noch verbleibenden Tage. Er sitzt zwischen Stapeln von Ordnern, gefüllt mit Berichten und internationalen Zeitschriften. Tichomir ist Mitarbeiter des Zentrums für Demokratieforschung und untersucht die Korruption im Land. Der 47-Jährige lehnt sich zurück und beginnt zu erzählen. „Seit 17 Jahren durchlebt Bulgarien seinen größten Transformationsprozess in der Geschichte, mit einem Ziel vor Augen: wieder ein Teil Europas zu sein.“
Sein Ton wird schärfer, als er auf die internationalen Pressestimmen zu sprechen kommt. „Immer sind es die Punkte Kriminalität und Korruption, die herausgegriffen werden. Das ergibt ein einseitiges Bild von Bulgarien. Über dreißig EU-Aufnahmekriterien waren zu erfüllen. Bis auf sechs strittigen Punkten haben wir seit dem Jahre 2000 unsere Hausaufgaben gemacht.“ Eine enorme Leistung, wie er betont, die aber in der Auslandspresse kaum Beachtung finde. „Ich will die Situation keinesfalls beschönigen“, sagt er und gibt ein Beispiel: „Dass es bis jetzt zu keiner Verurteilung eines der führenden Köpfe der Mafia gekommen ist, liegt an den komplizierten Verfahren. Die Angeklagten haben zehn und mehr Verteidiger. Das Fehlen eines einzigen Verteidigers reicht, um den Prozess zu vertagen - eine beliebte Taktik der Mafiosi, ihrem Urteil zu entgehen. Aber nur auf Zeit, denn die Arbeit an der Justizreform ist in vollem Gange. Wir arbeiten täglich an den noch offenen Punkten und haben schon viel erreicht“, resümiert Tichomir.
Wer Bulgarien bereist, erlebt in der Tat ein Land im Aufbruch. Er spürt neben Anzeichen des neuen Europas aber auch viele Beharrungskräfte, Rückständigkeit, Tradition und Not in diesem ärmsten der neuen EU-Länder.
Die Hauptstadt ist im Moment von unzähligen Baustellen geprägt, als wolle Sofia am Tag Null ihr altes Gesicht ablegen. Wie in der Gründerzeit schießen Wohnblocks im Zentrum und Gewerbeparks an der Peripherie aus dem Boden. Häuser aus den 20er Jahren müssen neuen Business-Centern weichen. Die Immobilienpreise steigen täglich und beflügeln die Spekulation. Riesige Investmentreklamen verhüllen unvollendete Fassaden, locken ausländische Geldgeber mit lukrativen Angeboten. „Luxusappartments schon ab 30.000 Dollar“ steht auf einem zwei Stockwerke hohen Banner in Englisch, gefolgt von Hugo-Boss- und McDonalds-Werbung.
Im Sommer eröffnete das City Center Sofia, ein sechsgeschossiges Kaufhaus mit moderner Glasfassade und 44.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. „Hauptsächlich italienische Marken der gehobenen Mittelklasse haben sich hier eingemietet“, erklärt Tanja Chinova. Die 24-jährige PR-Mitarbeiterin ist sich ihrer privilegierten Stellung bewusst. Nachdem in den vergangenen Jahren etwa 800.000 Bulgaren, vor allem jüngere, das Land verließen, etabliert sich nun eine neue Mittelschicht. Der gute Job als PR-Managerin lässt Tanja Chinova gar nicht auf den Gedanken kommen, ihr Glück im Ausland zu suchen. „Überall woanders würde es mir schlechter gehen“, sagt sie. Ihre Zukunft sieht sie im neuen Bulgarien.
Doch einen Anfang bei Null ohne historisches Erbe gibt es nicht. Kyrill Ivanov, ein Mann in den Vierzigern, ist Wasseranlagenbauer. Durch seinen Beruf kommt er in nahezu jeden Winkel des Landes. Ivanov tankt zehn Liter Gas in seinen 15 Jahre alten Mitsubishi. „Das reicht aus“, sagt er, denn die Ziele liegen vor der Haustür, am Rand von Sofia. Die Bilder dort ähneln sich: alte Fabrikhallen mit eingeschlagenen Fensterscheiben, erloschene Schornsteinschlote und Schrottberge, leerstehende zehngeschossige Rohbauten aus Beton - die Altlasten aus den Zeiten der Planwirtschaft. Romafamilien ziehen von einem Müllberg zum nächsten, sortieren den Abfall und sammeln Schrott. Den gibt es auf den Industriebrachen genug. Von Countdown ist hier nichts zu spüren. Bulgarien ist das ärmste Land, das je in die EU aufgenommen wurde.
Wenn Ivanov vom alten Erbe Bulgariens spricht, denkt er auch an die christlich orthodoxe Kirche, der 82 Prozent der Bevölkerung angehören. Kaum ein Hochzeitspaar will auf den christlichen Segen eines Priesters verzichten und ein Sonntagsausflug zu einem der alten Klöster ist für viele Bulgaren obligat. Auf der Weiterfahrt stoppt Ivanov einen grauhaarigen Radfahrer auf der Autobahn und fragt ihn nach der richtigen Abfahrt. Sein Ziel ist das Kloster St. Nikolai in Novi Han. Im Ort, an der Abzweigung zum Kloster, steht eine alte Mig 21, ein russisches Militärflugzeug auf einem Stahlträger. Hier biegt Ivanov links ab und erreicht das von Vater Ivan geleitete Kloster.
Aus der orthodoxen Klosterkirche dringen liturgische Gesänge. Vater Ivan tauft den kleinen Christian. Er taucht den Dreijährigen in einen kniehohen Kupferkessel und versucht, ihm mit ruhiger Stimme die Angst zu nehmen.
Vater Ivan Ivanov ist weit über die Region hinaus bekannt. Der 61-Jährige baute das alte Kloster Anfang der neunziger Jahre wieder auf. Waisenkindern und alleinstehenden mittellosen Frauen mit und ohne Kinder schuf er damit ein Obdach. Denen, die bei dem Reformtempo an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wurden. Eine Zeitung verlieh ihm für sein soziales Engagement den Titel „Bulgare des Jahres 2005“. Zurzeit beherbergt das Kloster 54 Bedürftige. Im Eingangsbereich türmen sich sauber übereinander gestapelte Möbel. „Eine Spende von der russischen Botschaft“, erzählt der Geistliche im schwarzen Gewand. Ohne diese Zuwendungen wäre das Projekt nicht zu finanzieren. Er hat etwas Land in unmittelbarer Nachbarschaft dazu gekauft, auf dem einige Heimbewohner jetzt ihre eigenen Häuser errichten.
Ivanov fährt mit Vater Ivan zu einer etwa zwei Kilometer entfernten Wiese. Hier stand früher eine Kirche namens Sweti Konstantin und Elena. Heute ist der Namenstag des heiligen Konstantin. Es gibt gesegnetes Brot und die traditionelle Schorba, eine vom Priester geweihte Suppe aus Lammfleisch. Fünfzehn Leute haben sich versammelt. Vor ihnen ein kleiner Tisch, auf dem Brotlaibe gestapelt sind. Mit gefalteten Händen stimmen die Gläubigen in den Gesang von Vater Ivan und zweier Nonnen ein. Das Brot wird mit einem in Wasser getauchten Reisigbündel beträufelt. Zwei Schritte weiter wiederholt sich die Prozedur an der Gulaschkanone, in der die Lammsuppe kocht. Ein Mann tritt an Vater Ivan heran und bittet ihn, auch seinen Neuwagen zu weihen. Vater Ivan zögert keinen Moment, taucht das Reisigbündel wiederholt in die Schüssel. Er spricht eine kurze Segnung, während er den neuen Opel Corsa von außen und innen mit dem heiligen Wasser bespritzt. „In den neunziger Jahren gab es Priester, die sich ausschließlich auf das Weihen von neuen Businesskomplexen, Büros und den oft dazugehörigen Luxuslimousinen spezialisiert hatten“, berichtet Ivanov. Eine ganz eigene Verbindung von Geistlichkeit und materiellem Wohlergehen.
Für Vater Ivan bedeutet der Beitritt Bulgariens in die Europäische Union vor allem eines: die Idee der Ost-Orthodoxen Kirche im westlichen Europa zu verbreiten. „Für mich ist sie die ursprünglichste Form aller Religionen“, brubbelt er durch seinen grauen, langen Bart im missionarischen Ton. Über den zunehmenden Einfluss des Islam oder der protestantischen Freikirchen in Bulgarien macht er sich nicht wirklich Sorgen. Wichtig sei für ihn, dass die Leute frei ihre Religion wählen können, ohne von außen aufgehetzt oder beeinflusst zu werden. Der dörfliche Frieden müsse gewahrt bleiben.
Hundert Kilometer östlich ist die Atmosphäre kämpferisch. Die Luft ist schwül und stickig in der niedrigen Halle. Etliche Schweißpfützen haben sich auf den Matten gebildet. Es wird gehebelt, gerungen und gewürgt. Der scharfe Ton des Trainers übertönt das matte Klatschen der muskulösen Körper auf die Matten. Dass man für seine Zukunft auch mit harten Bandagen kämpfen muss, spürt Dimitr Kacov jeden Tag erneut. Dimitr ist 23 Jahre alt und Ringer in der Nationalmannschaft. Vier Stunden pro Tag trainiert er in der Sporthochschule Plovdiv, Bulgariens zweitgrößter Stadt. Vor dem Beginn des Trainings wiegen sich die Sportler. Ehrfürchtig betritt Dimitr die Waage unter dem überlebensgroßen Abbild von Dan Kolow, dem ersten bulgarischen Weltmeisters im Freistilringen. Zwischen den Kämpfen stemmen die Ringer Gewichte und machen Klimmzüge. Der Körper wird bis an seine Leistungsgrenze gebracht. Mit jedem Kampf schwindet die Kraft. Die Bewegungen werden langsamer.
Dimitr lässt sich nach Abschluss des Trainings von den Jüngeren massieren. Dass einige Mafiakarrieren in der Halle begonnen haben, ist für ihn nichts Neues. Auch heute ist Ringen für den Einen oder Anderen die Eintrittskarte in die Parallelwelt. Allerdings ist die Situation nicht mit der Zeit unmittelbar nach der Wende vergleichbar. Damals sorgten bulgarische Ringer immer wieder mit ihren Sicherheitsfirmen, als Bodyguards und Schutzgelderpresser für negative Schlagzeilen. Für Dimitr sind dagegen der Abschluss seines Sportlehrerstudiums und eine gute Position in der Nationalmannschaft die Ziele.
Vor zwei Jahren trainierte er im Rahmen eines Austauschprogramms drei Monate in Bellenberg bei Ulm, für ihn eine interessante Zeit. Doch dort zu bleiben, war für ihn kein Thema. „Man kann ein Dorf nicht verpflanzen, und mein Dorf ist eben Bulgarien“, sagt er. Den Weg nach Europa betrachtet er eher verhalten. „Vielleicht wird sich in zehn Jahren einiges ändern, doch zuallererst werden wir die Preiserhöhungen für Strom, Wasser und Lebensmittel hart zu spüren bekommen.“
Es geht zügig Richtung Westen. Die Autobahn nach Sofia ist in einem guten Zustand. Die vielen Werbeschilder an der Autobahn und in Sofia lassen keinen Zweifel: Der Eroberungszug global agierender Marktketten verspricht westliches Niveau. Metro, Praktiker, Obi und Kaufland sind schon da. Weitere werden folgen. Die einheimische Wirtschaftspresse lockt mit guten Zahlen: fünf Prozent Wirtschaftswachstum in Folge; sinkende Arbeitslosigkeit, derzeit bei elf Prozent; geringe Lohnkosten, im Durchschnitt ein Euro pro Stunde; gutes Investitionsklima, Auslandsinvestition 2005 bei zwei Milliarden. Zahlen mit einer klaren Botschaft: In Bulgarien geht es voran.
Für die ausländischen Investoren läuft der Countdown schon lange. Sie wollen sich gewinnbringend in dem neuen EU-Land positionieren. Die Schokoladenmarke Milka macht auf ihrer Promotiontour Zwischenstopp in Sofia. Eine lila Bergwelt ragt gegenüber dem Kulturpalast in die Luft, davor eine 50 Meter lange Menschenschlange. Geduldig warten die Schaulustigen auf den Einlass in die schokoladige Erlebniswelt. Nachdem ein Schub die Sicherheitskräfte passieren konnte, werden die Gäste mit einer reichhaltigen Tüte verschiedenster Schokoladenpräsente begrüßt. Am Ende werden alle vor dem Markenzeichen, der lila Kuh, fotografiert.
Neben dem Sofioter Kulturpalast wird noch hektisch an einer Bühne geschraubt. Überall sieht man volkstümliche Trachten. Ganz Sofia zeigt an diesem Tag Flagge, kaschiert die sonst so dominierende Werbung mit den Nationalfarben weiß, grün und rot. Es ist Nationalfeiertag. Genauer gesagt, der Gedenktag für die Brüder Kyrill und Method. Beide schufen im neunten Jahrhundert die Grundlage für das erste nach ihnen benannte slawische Alphabet. Die Bulgaren bekamen damit ihre erste eigene Schrift. Das brachte die nationale Identität, die an diesem Feiertag noch zu spüren ist. „Auch wenn wir in der sozialistischen Ära gerne als die sechzehnte sowjetische Republik bezeichnet wurden, haben wir immerhin den Russen die Schrift gebracht“, sagt stolz ein Rentner.
Anlass zum Feiern hat seine Generation allerdings wenig. Die Alten fühlen sich als Verlierer der neuen Zeit. Die monatliche Durchschnittsrente liegt bei umgerechnet etwa 70 Euro. Die Strom-, Wasser- und Telefonrechnung frisst diesen Betrag schnell auf. Was bleibt zum Leben? Todor und Penka Nesterovi haben darauf nur eine Antwort: „Unser Garten“. Die beiden Rentner erinnern sich nur ungern an die Zeit, als Subsistenzwirtschaft zur einzigen Überlebensstrategie wurde. „Es waren Weißkohl und Tomaten aus unserem Garten, die uns überleben ließen.“ 1997 lag die Inflationsrate bei 1000 Prozent. Viele Bulgaren verloren ihre Ersparnisse. Die Politik war unfähig, den Verquickungen aus Geheimdienst, Mafia und korrupter Bürokratie entgegen zu treten. Nach der so genannten Brotrevolte kam der Wechsel. Die Marschrichtung hieß Europäische Union. Die Lethargie wich dem Aufbruch. „Wir werden die Früchte nicht mehr ernten, aber unsere Enkel“, schließen die beiden Rentner.
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- Datum 28.12.2006 - 04:52 Uhr
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Als tschechischer Buerger sehe ich gar keine Bedrohung durch billige bulgarische Arbeitskraefte. Tschechien hat ab 1.1.07 ihren Arbeitsmarkt fuer bulgarische Staatsbuerger geoffnet. Selbst habe ich 4 Jahre in Deutschland/Hamburg verbracht und anschliessend in die Tschechische Republik zueruckgekehrt, wegen besseren Arbeitsmoeglichkeiten, auch wenn ich in Deutschland Ausbildung gemacht habe. Inzwischen ist die Wirtschaftslage in Tschechien sehr gut, es gibt Arbeitskraeftemangel. Im Falle Bulgarien sehe ich aehnliches Szenario - junge Bulgaren erwerben im 'alten EU' Ausbildung oder Arbeitserfahrung und kehren zurueck in Ihre Heitmat. Daran ist nichts schlimmes, es ist normalen Austauschprozess. Deshalb wundert mich sehr, weshalb sich Deutschland oder Frankreich dieser Globalisierung so vehement wehren ? An dieser Globalisierung koennen alle Beteiligten nur verdienen, nicht nur wirtschaftlich, aber auch kulturell, menschlich. Tschuess aus Brno, Tschechien
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