Bulgarien Weihrauch und ModerneSeite 3/3

Dimitr lässt sich nach Abschluss des Trainings von den Jüngeren massieren. Dass einige Mafiakarrieren in der Halle begonnen haben, ist für ihn nichts Neues. Auch heute ist Ringen für den Einen oder Anderen die Eintrittskarte in die Parallelwelt. Allerdings ist die Situation nicht mit der Zeit unmittelbar nach der Wende vergleichbar. Damals sorgten bulgarische Ringer immer wieder mit ihren Sicherheitsfirmen, als Bodyguards und Schutzgelderpresser für negative Schlagzeilen. Für Dimitr sind dagegen der Abschluss seines Sportlehrerstudiums und eine gute Position in der Nationalmannschaft die Ziele.

Vor zwei Jahren trainierte er im Rahmen eines Austauschprogramms drei Monate in Bellenberg bei Ulm, für ihn eine interessante Zeit. Doch dort zu bleiben, war für ihn kein Thema. „Man kann ein Dorf nicht verpflanzen, und mein Dorf ist eben Bulgarien“, sagt er. Den Weg nach Europa betrachtet er eher verhalten. „Vielleicht wird sich in zehn Jahren einiges ändern, doch zuallererst werden wir die Preiserhöhungen für Strom, Wasser und Lebensmittel hart zu spüren bekommen.“

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Es geht zügig Richtung Westen. Die Autobahn nach Sofia ist in einem guten Zustand. Die vielen Werbeschilder an der Autobahn und in Sofia lassen keinen Zweifel: Der Eroberungszug global agierender Marktketten verspricht westliches Niveau. Metro, Praktiker, Obi und Kaufland sind schon da. Weitere werden folgen. Die einheimische Wirtschaftspresse lockt mit guten Zahlen: fünf Prozent Wirtschaftswachstum in Folge; sinkende Arbeitslosigkeit, derzeit bei elf Prozent; geringe Lohnkosten, im Durchschnitt ein Euro pro Stunde; gutes Investitionsklima, Auslandsinvestition 2005 bei zwei Milliarden. Zahlen mit einer klaren Botschaft: In Bulgarien geht es voran.

Für die ausländischen Investoren läuft der Countdown schon lange. Sie wollen sich gewinnbringend in dem neuen EU-Land positionieren. Die Schokoladenmarke Milka macht auf ihrer Promotiontour Zwischenstopp in Sofia. Eine lila Bergwelt ragt gegenüber dem Kulturpalast in die Luft, davor eine 50 Meter lange Menschenschlange. Geduldig warten die Schaulustigen auf den Einlass in die schokoladige Erlebniswelt. Nachdem ein Schub die Sicherheitskräfte passieren konnte, werden die Gäste mit einer reichhaltigen Tüte verschiedenster Schokoladenpräsente begrüßt. Am Ende werden alle vor dem Markenzeichen, der lila Kuh, fotografiert.

Neben dem Sofioter Kulturpalast wird noch hektisch an einer Bühne geschraubt. Überall sieht man volkstümliche Trachten. Ganz Sofia zeigt an diesem Tag Flagge, kaschiert die sonst so dominierende Werbung mit den Nationalfarben weiß, grün und rot. Es ist Nationalfeiertag. Genauer gesagt, der Gedenktag für die Brüder Kyrill und Method. Beide schufen im neunten Jahrhundert die Grundlage für das erste nach ihnen benannte slawische Alphabet. Die Bulgaren bekamen damit ihre erste eigene Schrift. Das brachte die nationale Identität, die an diesem Feiertag noch zu spüren ist. „Auch wenn wir in der sozialistischen Ära gerne als die sechzehnte sowjetische Republik bezeichnet wurden, haben wir immerhin den Russen die Schrift gebracht“, sagt stolz ein Rentner.

Anlass zum Feiern hat seine Generation allerdings wenig. Die Alten fühlen sich als Verlierer der neuen Zeit. Die monatliche Durchschnittsrente liegt bei umgerechnet etwa 70 Euro. Die Strom-, Wasser- und Telefonrechnung frisst diesen Betrag schnell auf. Was bleibt zum Leben? Todor und Penka Nesterovi haben darauf nur eine Antwort: „Unser Garten“. Die beiden Rentner erinnern sich nur ungern an die Zeit, als Subsistenzwirtschaft zur einzigen Überlebensstrategie wurde. „Es waren Weißkohl und Tomaten aus unserem Garten, die uns überleben ließen.“ 1997 lag die Inflationsrate bei 1000 Prozent. Viele Bulgaren verloren ihre Ersparnisse. Die Politik war unfähig, den Verquickungen aus Geheimdienst, Mafia und korrupter Bürokratie entgegen zu treten. Nach der so genannten Brotrevolte kam der Wechsel. Die Marschrichtung hieß Europäische Union. Die Lethargie wich dem Aufbruch. „Wir werden die Früchte nicht mehr ernten, aber unsere Enkel“, schließen die beiden Rentner.

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Leser-Kommentare
    • vlivko
    • 28.12.2006 um 14:25 Uhr

    Als tschechischer Buerger sehe ich gar keine Bedrohung durch billige bulgarische Arbeitskraefte. Tschechien hat ab 1.1.07 ihren Arbeitsmarkt fuer bulgarische Staatsbuerger geoffnet. Selbst habe ich 4 Jahre in Deutschland/Hamburg verbracht und anschliessend in die Tschechische Republik zueruckgekehrt, wegen besseren Arbeitsmoeglichkeiten, auch wenn ich in Deutschland Ausbildung gemacht habe. Inzwischen ist die Wirtschaftslage in Tschechien sehr gut, es gibt Arbeitskraeftemangel. Im Falle Bulgarien sehe ich aehnliches Szenario - junge Bulgaren erwerben im 'alten EU' Ausbildung oder Arbeitserfahrung und kehren zurueck in Ihre Heitmat. Daran ist nichts schlimmes, es ist normalen Austauschprozess. Deshalb wundert mich sehr, weshalb sich Deutschland oder Frankreich dieser Globalisierung so vehement wehren ? An dieser Globalisierung koennen alle Beteiligten nur verdienen, nicht nur wirtschaftlich, aber auch kulturell, menschlich. Tschuess aus Brno, Tschechien

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