Entwicklungshilfe „Der Westen ist scheinheilig“Seite 3/3

Niggli: Zu kritisieren, dass jetzt die Chinesen ohne Rücksicht auf Menschenrechtsstandards operieren, ist etwas scheinheilig. China macht heute das, was die großen Geberländer früher praktiziert haben. Das Land engagiert sich dort, wo es sich Vorteile und Gewinne für seine eigene Wirtschaft verspricht. Dafür ist es bereit, Kredite zu vergeben und sich die Kooperation mit den entsprechenden Regierungen etwas kosten zu lassen. Außerdem haben die westlichen Geberländer selbst jahrelang Menschenrechtsstandards missachtet, wenn ihnen die betreffende Regierung ins geopolitische Kalkül passte. Solche Praktiken haben zudem im Gefolge des „Kriegs gegen den Terrorismus“ wieder zugenommen.

ZEIT online: Hat der moralische Ansatz die Entwicklungshilfe im Westen verändert?

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Niggli: Anders als in China findet im Westen eine Diskussion über fragwürdige Praktiken in der Außenpolitik und der Entwicklungshilfe statt. So kritisieren zum Beispiel Hilfswerke in den USA sehr stark, dass dort die Entwicklungszusammenarbeit mehr als Begleitmaßnahme für militärische Intervention verstanden wird. Europäische Nichtregierungsorganisationen monieren seit langem, dass Entwicklungsländer Dienstleistungen und Warenbestandteile in den Geberländern kaufen müssen. Der große Unterschied zwischen den alten Geberländern und den neuen ist nicht, dass die einen die Standards immer beachten und die anderen nicht. Sondern, dass es im Westen einen Streit darüber gibt und somit die Möglichkeit einer Korrektur. Eine solche Debatte findet in China nicht statt.

ZEIT online: Trotzdem ist das chinesische Engagement in Afrika richtig?

Niggli: Ja, weil die erhöhte die Nachfrage aus Asien und die Möglichkeit, neue Kredite zu erhalten, den Spielraum für afrikanische Regierungen erhöht. Die wurden vorher wirtschaftspolitisch praktisch durch den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank geführt. Diese extreme Abhängigkeit kann sich nun lockern.

Das Gespräch führte Christoph Kober

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