Morde Fairer Prozess für „Suffolk-Würger“?

Während Anklage gegen den mutmaßlichen Serienmörder von Ipswich erhoben wird, warnt der englische Generalstaatsanwalt vor medialer Vorverurteilung.

Mediale Spekulationen: Wer ist der Mörder von Ipswich?

Mediale Spekulationen: Wer ist der Mörder von Ipswich?

Neunzehn Tage nach dem ersten Leichenfund und vier Tage nach der ersten Verhaftung im Fall des Serienmörders von Ipswich haben Polizei und Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Vor dem Haftrichter stand am Freitagmorgen aber nicht der 37-jährige Tom Stephens, den die Constabulary der Grafschaft Suffolk am Montagmorgen als ersten in Gewahrsam genommen und verhört hatte. Stattdessen muss sich ein zweiter Verdächtiger verantworten, den die Polizei einen Tag später zu Verhören abgeholt hatte: Steve Wright, 48 Jahre alt, wohnhaft an der London Road, die zum Ipswicher Straßenstrich gehört, nach unterschiedlichen Berichten ein Gabelstabler- oder Fernfahrer, und früher einmal Schiffssteward auf dem Luxusliner "Queen Elisabeth II." Er soll fünf junge Prostituierte ermordet haben, deren nackte Leichen seit Anfang Dezember im Ipswicher Umland gefunden wurden.

Stephens dagegen wurde unter Auflagen vorläufig auf freien Fuß gesetzt. Diese Entwicklung verdutzte vorher schon einige Boulevardmedien, nicht zuletzt in Deutschland. Auf den seltsamen Stephens in der Rolle des gruseligen "Suffolk-Würgers", der für Medien hilfreicherweise auf seiner MySpace-Seite einige bizarre Selbstbilder hinterlassen hatte, war man schon eingeschossen. "Dramatische Wende bei den Ermittlungen", hieß es nach der zweiten Verhaftung, während die Polizei nicht einmal die Identität des zuerst Verhafteten bestätigte - und es bis heute nicht tut.

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Seit zunächst die britischen und schließlich auch die Weltmedien ins kleine Ipswich strömen, weiß man eine ganze Menge über die fünf Mordfälle. Als Zeugen werden Familienangehörige, Ex-Frauen und -Partner ("Meine Beziehungshölle"), Nachbarn und Schulfreunde genannt. Nun sind Fakten und Fiktionen über Lebensgeschichten bekannt, die eben nicht nur den nun angeklagten Wright, sondern auch den vorläufig freigelassenen Stephens betreffen.

Stephens habe selbst die Medien gesucht, heißt es. Von ihm war am Tag vor seiner Verhaftung ein tränenreiches Interview in der Sonntagszeitung Sunday Mirror erschienen, dass er dem Boulevardreporter offenbar auf dem Beifahrersitz, parkend hinter einem Pub, gegeben hatte. Darin nannte er sich selbst wohl verdächtig und ohne Alibi, aber unschuldig.

Das reichte offenbar selbst der höchsten journalistischen Standards verpflichtete öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt BBC als Feigenblatt, um unmittelbar nach der Verhaftung ein kurzes Hörfunkinterview mit Stephens zu senden, das ein paar Tage zuvor "zu Hintergrundzwecken" - also nicht zur Veröffentlichung - entstanden war. Darin sprach Stephens etwas konfus über seine angeblichen Beziehungen zu den fünf ermordeten Prostituierten. Die BBC rechtfertigte sich damit, im öffentlichen Interesse zu handeln.

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