Musik 2006 Die Platten des Jahres

Je weniger die Schubladen passen, desto besser klingen die Tonträger. – Hundert Besprechungen in der Nachschau.

Ein Jahresrückblick ist dies im strengen Sinne nicht, denn die Rubrik Tonträger auf ZEIT online, die hier ausschließlich betrachtet werden soll, gibt es erst seit Anfang Mai, acht Monate also. Seitdem sind allerdings an die hundert Rezensionen erschienen, und wenn unsere Autoren nicht komplett daneben lagen, werden sie einige bedeutsame Platten des Jahres erwischt haben.

Zunächst einmal fällt auf, dass sich das Besprochene auf 15 Genres verteilt, von Punk bis Folk; die Ankündigung, die zwischendurch auf unserer Musikseite zu lesen war, im Tonträger gebe es Neues „aus Jazz, Rock, Pop“, war insofern reichlich salopp. Die Zeiten der Trinität in der populären Musik sind vorbei, und im ausklingenden Jahr hat sich daran nichts geändert.

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Also 100 Alben verteilt auf 15 Genres, macht 6 bis 7 pro Genre? Nein, die musikalische Vielfalt ist eine Glockenkurve, zu deren wulstigem Buckel sich Pop und Rock erheben. An den Flanken folgen Jazz und Elektronika, und an den langen, flachen Enden finden sich eine Soul-Platte, eine Schlager-Platte, eine Tango-Platte, eine Funk-Platte.

Hat dies mit dem Ausstoß der Firmen zu tun? Ja. Darüberhinaus mit unserer Auswahl? Bestimmt. Allerdings landet auch vieles unter Pop, was anders kaum zu fassen wäre, weil Pop als Begriff alles und nichts bedeuten kann.

Bei etlichen Scheiben wissen selbst Kundige nicht mehr, wo sie hinstecken. Unter Pop steht Sufjan Stevens’ Sammlung alter und neuer Weihnachtslieder , die als Folk ebensogut hätte klassifiziert können. Bill Wells und Maher Shalal Hash Baz landeten wegen ihres gekonnten Unvermögens unter Punk, dabei spielen sie weit mehr als die berühmten drei Akkorde, und es fehlt ihnen auch jeder rebellisch-aggressive Gestus. Als Pop würde diese poetische Lust am Scheitern jedoch beim besten Willen nicht durchgehen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Bravo Tonträger. Eure Kritiken haben mich dieses Jahr mehrmals zum Kauf bestimmter Platten bewogen. Auch in diesem Artikel bin ich auf eine interessante Platte gestossen: Nightmares on Wax. Angehört und prompt legal gekauft und siehe da: George Evelyn ist tatsächlich wieder zurück, In A Space Outta Sound reicht an sein Chill-Meisterwerk Smokers Delight heran. Nostalgia 77 ist bereits letztes Jahr auch in Deutschland erschienen, aber trotzdem hervorzuheben. Beirut ist meiner Meinung nach völlig überschätzt. Die Absicht dieses Amerikaners ist gut, aber es klingt alles etwas ungewürzt. Kann man trotz Tonträger, Pitchforkmedia, Boomkat, Intro, Spex, Dusted Magazine, Stylus Magazine, Wire, Mojo, De:Bug, Uncut, Allmusic, BBC Music Reviews noch wesentliche Platten des Jahres verpassen? Ja.
    Noch ein paar Tipps:
    Anouhar Brahem - Le Voyage de Sahar
    Wolgang Muthspiel Trio - Bright Side
    Ryuichi Sakamoto - Bricolages
    Max Richter - Songs From Before
    Califone - Roots and Crowns
    TV On The Radio - Return To Cookie Mountain

    und endlich 8 1/2 aud DVD ab Januar

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