EU-Beitritt Die alten Europäer

Mit Jahresbeginn treten Rumänien und Bulgarien der Europäischen Union bei. Die Wiedervereinigung des Kontinents ist aber noch nicht abgeschlossen! kommentiert

Konrad Niklewicz ist Europakorrespondent der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Er eröffnet eine unregelmäßige Reihe von Kommentaren, mit denen Korrespondenten europäischer Tageszeitungen auf ZEIT online die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands begleiten werden. Die halbjährige Präsidentschaft beginnt am 1. Januar.

Die deutsche EU-Präsidentschaft steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Sie muss die europäische Bevölkerung und deren politische Führung davon überzeugen, dass die Tore der „Festung Europa“ nicht verbarrikadiert werden dürfen. Nach dem Beitritt von Bulgarien und Rumänien ist die Verlockung dazu allzu groß.

Obwohl Bulgarien und Rumänien offiziell erst am 1. Januar 2007 der Europäischen Union beitreten, feierte die Gemeinschaft ihre neueste Erweiterung schon einmal ausgiebig, zwei Wochen bevor sie tatsächlich vollzogen wurde. Zum Gipfeltreffen der Regierungschefs in Brüssel am 14. Dezember waren der rumänische Präsident Traian Basescu und Bulgariens Ministerpräsident Sergej Stanischew schon geladen - zu Kaffee und Kuchen. Oder, vielleicht sollten wir besser sagen, zu einem gewaltigen, klebrigen Marzipankuchen in Form der EU. Anstatt diesen aber gleich zu verspeisen, steuerten die beiden Staatsmänner zwei fehlende Stücke in Form ihrer jeweiligen Länder bei, der Heimat von 30 Millionen neuen EU-Bürgern. So wurde das süße Europa vereint. Fast zumindest.

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Der Beitritt Bulgariens und Rumäniens wird landläufig als Schlusspunkt des großen „Erweiterungsurknalls“ ( enlargement big bang ) angesehen, der am 1. Mai 2004 begann, als zehn neue Mitgliedsstaaten Ost- und Südeuropas (darunter auch Polen) zur EU hinzustießen. Dennoch, hinter vorgehaltener Hand, wird oft bemerkt, dass sich der Beitritt Bulgariens und Rumäniens von den vorherigen Erweiterungen grundlegend unterscheidet. Warum? Weil die neuen Mitglieder dem Club schlecht vorbereitet beitreten, selbst im Vergleich zu polnischen, tschechischen und ungarischen Standards.

Niemals in der EU-Geschichte unterlagen neue Mitgliedsstaaten so vielen (mehr als zehn!) Sicherheitsauflagen. Die Liste der Missstände ist lang. In ihrem neusten, im September 2006 veröffentlichten Bericht, räumte die Europäische Kommission ein, dass die beiden Länder Probleme mit dem organisierten Verbrechen, mit der Korruption und mit ihrem Justizsystem haben. Ihre Regierungen waren zudem nicht in der Lage, die Zahlungen für Landwirte zu bearbeiten – schlimmer noch: auch das System der tierärztlichen Kontrollen wurde ernsthaft angezweifelt. Zuletzt entdeckte die Kommission erst kürzlich, dass die bulgarische Luftsicherheit gravierende Mängel aufweist, was dazu führte, dass bulgarischen Flugzeugen keine unbegrenzte europäische Landeerlaubnis ausgestellt wird.

Trotz all dieser Missstände wird der Beitritt Bulgariens und Rumäniens vermutlich keinen ökonomischen Schock auslösen, weder für das „Alte Europa“ (die 15 „alten“ Mitgliedsstaaten) noch für das „Neue Europa“ (die zehn „neuen“ Mitgliedsstaaten). Der Grund dafür ist ziemlich einfach: Die erste Welle dieses Urknalls war für sich bereits ein solcher Schock, dass das „Alte Europa“ nun abgehärtet genug sein sollte, immun jedenfalls gegen jedwede ökonomische Destabilisierung, die Rumänien oder Bulgarien mit sich bringen könnten.

Selbst wenn Bulgarien und Rumänien nicht perfekt vorbereitet sind: die EU scheint es zu sein. Vor allem ist sie es finanziell. Das neu beschlossene EU-Budget beinhaltet ein umfangreiches Paket, das in den Aufbau und Zusammenhalt der Europäischen Gemeinschaft investiert werden soll. Mehr als genug, um sowohl Polen als auch Rumänien und Spanien zufrieden zu stellen. Wegen einschränkender Übergangsregelungen wird es auf dem freien, offenen Arbeitsmarkt, wie es ihn in den meisten EU-Ländern gibt (nicht in Polen!), zu keinem Hereinströmen von „billigen“ bulgarischen oder rumänischen Arbeitern kommen.

Vom institutionellen Standpunkt aus betrachtet, ist die EU ebenfalls gut vorbereitet. Bulgarien und Rumänien verfügen nicht über genug Stimmen, um die Ergebnisse von europäischen Parlamentsabstimmungen ernsthaft zu destabilisieren. Die etwa 50 neuen Parlamentarier werden sich ebenso dem Schmelztiegel Europäisches Parlament anpassen, wie es die neuen rumänischen und bulgarischen EU-Kommissare in der Kommission tun werden.

Nur eine wichtige Frage bleibt unbeantwortet: Ist Europa vom sozialen Standpunkt aus betrachtet bereit für Bulgarien und Rumänien? In den neuen Mitgliedsstaaten jedenfalls, etwa in Polen, ist die Unterstützung für EU-Erweiterungen (also für den Beitritt Bulgariens und Rumäniens, gefolgt von anderen Balkanstaaten und – möglicherweise – von der Türkei und auch der Ukraine) nach wie vor riesig. Diese Unterstützung beruht nicht nur auf dem Solidaritätsgefühl früherer kommunistischer Ostblockstaaten untereinander, sondern gleichermaßen auf ökonomischen und politischen Interessen (die ökonomischen Interessen erklären ebenfalls, warum Polen die Beitrittsbemühungen der Türkei unterstützt).

Unglücklicherweise sieht die Lage im „Alten Europa“ komplett gegenteilig aus. Die Franzosen, die Deutschen, die Belgier, selbst die Briten haben genug von den fortlaufenden Erweiterungswellen. Laut dem neuesten Eurobarometer sind lediglich 41 Prozent der „Alten Europäer“ zufrieden mit den Folgen der letzten Erweiterung. Das ist ein beunruhigendes Signal. Es liegt nun an der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, Europa davon zu überzeugen, dass der Prozess der Wiedervereinigung des Kontinents noch nicht abgeschlossen ist. Es wäre ein unglaubliches Paradoxon, Bulgarien und Rumänien hineinzulassen, während Kroatien an den Toren der EU abgefangen wird. Derselben Logik folgend, wäre es ein Fehler, das Europäische Bauwerk mit einem klaffenden Loch im Balkan zu beenden. Das macht einfach keinen Sinn.

Aber wie überzeugt man „Alte Europäer“? Es ist eine große Herausforderung, zugegeben. Aber wer, wenn nicht Deutschland, könnte dieses Ziel erreichen? Möglicherweise liegt der Schlüssel zum Erfolg in einer verbesserten Kommunikationsarbeit. Die Erweiterung bringt schließlich, bei all ihren Kosten, enorme Gewinne. Nicht nur hinsichtlich der politischen Stabilität, auch hinsichtlich der Schaffung von Arbeit und Wohlstand.

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Leser-Kommentare
  1. Ich halte diese Diskussionen von 'alt' und 'neu' für wenig förderlich. Wenn hier bereits jetzt vom Zusammengehörigkeitsgefühl der einst sowjetisch besetzen Länder geredet wird, dann scheint sich schon ein neuer Ostblock abzuzeichnen, noch ehe die Ukraine und die Türkei überhaupt beigetreten sind und die Gesamtzahl dann auf 29 anschwillt.

    14 West gegen 14 Ost -- wer möchte da Zünglein an der Waage sein? Wie wär's mit Malta?

  2. Komisch nur das Leute bei den angeblichen 'Gewinnen' nie konkret werden können.

  3. koennen bald ueber enorme Gewinne sprechen,der Rest,die 'alten' Europaer muessen naehmlich erstmal ordentlich zahlen. Ohne eine EU-Verfassung,die von allen EU-Laendern akzeptiert wurde sollten keine neuen Mitglieder aufgenommen werden.

  4. Mit Bulgarien und Rumänien treten zwei neue Länder bei, in denen jetzt schon US-Truppen stationiert sind. Möge Europa von weiteren USA-Vasallen verschont bleiben!

  5. Dass die Polen insgesamt aufgeschlossener gegenueber einem EU-Beitritt der Tuerkei sind als die Deutschen und Franzosen, duerfte nicht weiter verwundern. Schliesslich gibt es in Polen keine nennenswerte Zahl muslimischer Einwanderer, deren Integration in Deutschland und Frankreich sich nach wie vor schwierig gestaltet.

    Auch muessen sich insbesondere die Polen die Frage gefallen lassen, inwiefern sie nicht selbst, seit ihrem Beitritt 2004, durch ihr (gelinde gesagt) 'unsolidarisches Verhalten' zur zunehmenden Erweiterungsverdrossenheit in den alten EU-Mitgliedern beigetragen haben.

    • plamen
    • 02.01.2007 um 2:33 Uhr

    Abgesehen von der Links-Ostdoitsch-Terminologie: Zwischen den USA und der BRD, wen würde man auf dem Balkan, und nicht nur dort, wählen wollen? Siehe dazu die Kapiteln über RO und BG in Alys Buch Hitlers Volksstaat.

    Wie sind eigentlich die Reaktionen der OSSis ausgefallen? Das MDR schweigt drüber.

  6. Die polnische Regierung und auch England unterstützt den Türkeibeitritt um die Integration in der EU zu sabotieren, das sollte man auch nicht vergessen.

    • neodoc
    • 01.01.2007 um 15:41 Uhr

    Nun haben wir wieder zwei Mitglieder mehr- hurra, hurra. Es mag füglich darüber gesprochen werden, ob die beiden Staaten tatsächlich schon die Beitrittsreife erreicht haben- die zahlreichen Beschränkungen und Vorbehalte sind mindestens Indizien dafür, dass dem nicht so ist. So gesehen ist die kürzlich verlautbarte Absichtserklärung, künftig wolle man etwas genauer hinsehen, auch nur heiße Luft. Sollte es politisch opportun erscheinen, wird man jeden Staat aufnehmen, egal wie weit die Anpassung voran geschritten ist.
    Diese Nachlässigkeiten im Aufnahmeverfahren und die Kritik daran dürfen aber nicht von einem viel wichtigeren Problem ablenken:
    die Europäische Union hat bislang noch keine Zielbestimmung vorgenommen ! Es ist zwar bekannt, daß die Union noch größer werden soll, doch es besteht keine Einigkeit darüber, ob es eine definitive Grenze geben soll und wo diese vielleicht liegen könnte.
    Sollte dermaleinst die Türkei aufgenommen werden, auf deren Staatsgebiet sich zwar viele Quellen unserer europäischen Kultur finden, die aber zum größten Teil in Asien liegt, wird sich auch die Frage für Moldawien, Weißrußland, die Ukraine stellen. Selbst Rußland hat einen riesigen europäischen Anteil.

    Wenn die Kriterien für einen Beitritt nur auf die Situation in den Kandidatenstaaten abhebt, würden wir einen Antrag aus Ägypten kaum ablehnen können.

    Es ist sicher richtig, über einen verfassungsähnlichen Vertrag neu nachzudenken. Es muß darin aber auch zum Ausdruck kommen, welche Idee nicht nur inhaltlich, sondern auch geographisch und kulturell hinter diesem Begriff 'Europäische Union' steht.

    D.Schmitz, Wolfsburg

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