Missmanagement ist nicht strafbar, aber gottlob versicherbar. Solche Haftpflichtversicherungen für Manager sind seit Ende der neunziger Jahre für etwa 25 Anbieter ein gutes Geschäft. Die sündhaft teuren Policen versprechen – oft leichtfertig –, die Unternehmen finanziell gegen die gröbsten Schnitzer ihrer hohen Angestellten zu entschädigen. Ein teurer Ex-Manager: Jürgen Schrempp© Sean Gallup/Getty Images

Freilich, die neudeutsch „Directors and Officers Liability“ (kurz: D & O) genannten Verträge haben es in sich. Für die extrem hohen Prämien kommt der Betrieb auf, aber das versicherte Risiko ist das Topmanagement. In der Elite ist eine solche Luxus-Versorgung zum Nulltarif begehrt. Doch im Zweifel muss ein Topmanager auf Seiten der Versicherer gegen das eigene Unternehmen klagen. Viel komplizierter noch als bei Versicherungen gegen Unfälle, verlorenes Reisegepäck oder Berufsunfähigkeit, bei denen die Versicherung oft im Schadensfall die Zahlung verwehrt und vor Gericht zieht, ist bei Managementfehlern die Frage zu klären, ob und wie hoch der Versicherer überhaupt haften soll.

Genau um diesen heiklen Punkt ging es jüngst beim Streit zwischen Daimler-Chrysler und einem Konsortium aus in- und ausländischen Versicherungen. Für das millionenfach versicherte Risiko, den 2005 entmachteten Konzernchef Jürgen Schrempp, musste der Autobauer im August 2003 rund 240 Millionen Euro an ehemalige Chrysler-Aktionäre bezahlen. Schrempp soll in einem Interview den Zusammenschluss von Daimler und Chrysler nicht als Fusion unter Gleichen, sondern als geplante Übernahme bezeichnet haben – was den Wert der Aktien drückte und mächtige US-Aktionäre auf die Palme trieb.

Bis zu 200 Millionen Euro verlangten die Stuttgarter Aktionäre aus der Haftpflichtversicherung zurück. Doch acht von neun Versicherungen weigerten sich zu zahlen. Nur die AIG (American International Group) leistete 25 Millionen Euro. Die anderen Versicherer – ACE, AXA, HDI, Chubb, Gerling, XL Insurance sowie die Basler und Zürcher – machten geltend, dass sie über den Schadensfall nicht genug informiert worden seien. Sie mutmaßten sogar, es gebe einen Vorsatz von Schrempp. Und wer sucht, der findet das Haar in der Suppe aus wachsweichen Vertragsklauseln, Paragrafen und teilweise amerikanischen Gesetzen.

Zahlungen verschleppen, Prozesse auf die lange Bank schieben und am Ende doch einen Vergleich schließen: Dieser Verlauf ist typisch, wenn Versicherer für große Schäden der Manager aufkommen sollen. So mündete nun auch das Gerangel zwischen Daimler-Chrysler und den Versicherern in einem Vergleich: Die Versicherung leistet für das teuerste Interview der Welt dem Vernehmen nach 168 Millionen statt der geforderten 175 Millionen Euro. Doch viel wichtiger als das – späte – Geld ist Schrempp und seinen Kollegen, dass sie vor Gericht keine schmutzige Wäsche waschen müssen. Der Stuttgarter Richter hatte nämlich angekündigt, ein gutes Dutzend der Bosse zum Fall befragen zu wollen. Die Verhöre hätten nicht nur für Schrempp peinlich werden können. Da reichen die Bosse lieber der Versicherung die Hand.

Verlierer sind in jedem Fall die Eigentümer, also Aktionäre oder Gesellschafter. Auf ihre Kosten werden saftige Prämien gezahlt, damit das Privatvermögen ihrer Topmanager geschont wird. Dann müssen sie bei einem Vergleich noch einmal bluten. So dürfte Schrempps Interview-Versprecher nicht nur sieben Millionen Euro gekostet haben, wie suggeriert wird, sondern bis zu 100 Millionen – Prämienzahlungen und Anwaltskosten eingerechnet. Müsste die Führungselite selbst bezahlen, würde diese Haftpflicht auf Kosten Dritter erst gar nicht angeboten.

So sichern sich fast alle 30 Unternehmen im Dax (außer BMW) gegen Missmanagement ab. Die Deutsche Bank könnte gleich für zwei Schäden Regress anmelden: Für ihren Ex-Chef Rolf Breuer wegen seiner schädigenden Äußerungen gegenüber Leo Kirch und für den amtierenden Chef Josef Ackermann seit dem Vergleich im Mannesmann-Prozess. Wegen möglicher Bestechungen könnte Siemens bald für sein Topmanagement bei Versicherern anklopfen. Für Bordellbesuche und Luxusreisen soll der VW-Aufsichtsrat für den versicherten ehemaligen Personalvorstand Peter Hartz rund 4,5 Millionen Regress erbitten.

Die Galerie grandioser Miss-Manager ist erschreckend lang, die beklagten Summen der Konzerne reichen bis zu gewaltigen 250 Millionen Euro: WestLB, Lufthansa, AHBR-Hypothekenbank, ARAG, Deutsche Bahn, Telekom, Holzmann und viele mehr. Stets entzündet sich der Streit bei der Frage: Vorsatz oder Fahrlässigkeit? Je dümmer und unerfahrener die Manager, um so eher gewinnen die Firmen vor Gericht. Immer lautet die Kernfrage: Wurde ein Geschäft, eine Rückstellung, ein Bilanzwert fahrlässig falsch taxiert oder absichtlich?

Im Ergebnis steht fest: Die Chef-Haftpflicht ist unsittlich und gefährlich. Sie provoziert Leichtsinn, Arroganz, Schnellschüsse und Zockerei. Sie schafft geradezu eine Kaste der Unberührbaren. Warum soll ausgerechnet das Vermögen der Verursacher unangetastet bleiben, während selbst die Beschäftigten oft mit ihrer beruflichen Existenz bezahlen müssen? Besser – und viel billiger – ist es, führenden Angestellten endlich unerbittlich auf die Finger zu schauen. Missmanagement muss zumindest wirtschaftlich sanktioniert werden.

Indessen kann der teure Ex-Angestellte Jürgen Schrempp gelassen seinem nächsten Verfahren entgegen sehen. Diesmal fordert eine Hundertschaft von Aktionären eine Strafzahlung, weil sie sich von seinem Abgang im Sommer 2005 zu spät informiert fühlt. Es ist ein Musterprozess geplant.