Somalia Rückkehr der Warlords

Im Zuge des äthiopischen Vormarsches auf Mogadischu kriechen in Somalia auch die alten Miliz-Chefs wieder hervor.

Soldaten der somalischen Regierungstruppen in Mogadischu, 29. Dezember 2006

Soldaten der somalischen Regierungstruppen in Mogadischu, 29. Dezember 2006

Kriegsherr Hussein Mohammed Aidid hat seine „Villa Somalia“ wieder eingenommen, die er zuletzt an die islamistischen Milizen abtreten musste. Der ehemalige Präsidentenpalast thront weithin sichtbar auf einem Hügel Mogadischus und ist dennoch Sinnbild für den heutigen Zustand des Landes; eine Ruine, einst weiß getüncht. Jetzt sind nicht einmal mehr die vormals prunkvollen Treppenstufen von Schutt befreit. Von hier aus kontrollierte Aidid einige Straßenzüge im Zentrum Mogadischus. Hier erhoben seine Milizionäre Wegzoll – ein lukratives Geschäft, das jetzt, nach einem halben Jahr Pause, plötzlich wieder in Gang kommt.

Hussein Aidid, der Anzüge gern kurzärmelig trägt, ist gleichzeitig Innenminister und Vizepremier der von Äthiopien gestützten Übergangsregierung Somalias. Der Sohn des berüchtigten Mohammed Farah Aidid, der einst die UN-Intervention 1993 zum Desaster werden ließ, scheint von seinem Kabinett und mithin von Äthiopien freie Hand bekommen zu haben. Sie wolle die Übergangsregierung hier willkommen heißen, tönte Hussein Aidids Kampftruppe Somali National Alliance (SNA) gönnerhaft. Doch ob er und andere Kriegsfürsten zu Ministern ernannt sind oder nicht: Die Rückkehr der Warlords scheint eingeläutet. Denn Äthiopien habe nicht vor, ein Besatzungsregime in Mogadischu aufzubauen, erklärte Präsident Meles Zenawi kürzlich.

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Schneller noch, als die Truppen der Union der Islamischen Gerichte (UIC) den selbst begonnenen Krieg gegen die Übergangsregierung verloren haben, kehren Somalias Islamisten Mogadischu nun kampflos den Rücken. Angeblich, um der Millionenstadt weiteres Blutvergießen zu ersparen, erklärte Scheich Scharif Achmed, ein als eher gemäßigt geltender UIC-Führer, gegenüber al-Dschasira. Die Islamisten haben sich in und um die südsomalische Stadt Kismaayo zurückgezogen.

„Äthiopier kontrollieren die zentralen Orte der Stadt, man kann die Soldaten offen sehen, sogar einige Panzer“, sagte ein von ZEIT online telefonisch angefragter Bewohner in Mogadischu, der keine offenen Kämpfe beobachten konnte, allerdings bereits gemeldete Plünderungen bestätigte. Außerdem seien wieder wilde Straßensperren errichtet worden. So genannte freelance militias marodieren, als ob sie nie weg gewesen wären.

Die Schnelligkeit des Zerfalls der meisten UIC-Milizen zeigt, wie fragil dieses Kampfbündnis letztlich ist. Schon die elf vereinigten Schariagerichte vertraten unterschiedliche politische und religiöse Ansichten. Die wenigsten Mitglieder unterstützen dabei wohl einen offenen Dschihad wie der ultraradikale Scheich Hassan Dahir Aweys, den die USA als Terrorist zur Fahndung ausgeschrieben haben, oder Scheich Adan Hashi ‚Ayro’, der al-shabaab anführt, eine etwa 1500 Mann starke Elitetruppe der Schariamilizen. Deren schwarze Flagge ähnelt nicht ganz zufällig der von al-Qaida. Doch selbst bei al-shabaab desertieren die zumeist jungen Kämpfer angesichts der Niederlage in Scharen und schließen sich den altbekannten Clanmilizen und Warlords an.

Um ihren Traum vom Kalifat Großsomalia zu verwirklichen, das auch äthiopische und kenianische Gebiete einschließt, ist Aweys und anderen Radikalen scheinbar jedes Mittel recht gewesen. Immer klarer wird nämlich, dass sich unter den mindestens 1000 Opfern der gescheiterten UIC-Offensive zum Großteil jugendliche Kämpfer befanden. Noch kurz vor der Offensive ließen die Islamisten alle Schulen in Mogadischu schließen, um mehr junge Kämpfer für die Front zu gewinnen.

Einige Kriegsherren Somalias haben sich mit ihrer Unterstützung der Islamisten offensichtlich verkalkuliert. So wandelte sich Yusuf Indha’adde in den vergangenen Monaten zum strenggläubigen Anhänger des UIC. Vorher hatte er seine Streitmacht durch Drogenhandel finanziert und nebenher Hilfsorganisationen 15 Prozent ihres Budgets vor Ort an Steuern abgenommen. Nach unbestätigten Quellen befindet sich der zuletzt zum „Verteidigungsminister“ des UIC aufgestiegene Indha’adde nun zufällig auf Pilgerreise gen Mekka.

Clanzugehörigkeit ist in Somalia wichtiger als Religion. So setzen sich die Schariagerichte bis auf eines aus Mitgliedern des Hawiye-Clans zusammen. Die mächtigen Hawiye wurden bei der Kabinettsbildung der Übergangsregierung im kenianischen Exil stark vernachlässigt, zugunsten anderer Clans. So erst konnten die Schariamilizen gleichzeitig auch eine lockere Sammlungsbewegung einiger Hawiye werden. Doch auch die Hawiye sind untereinander gespalten. Hussein Aidid beispielsweise erkannte die Vorzeichen und harrte auf Seiten der Übergangsregierung aus. Der Kriegsherr Mohammed Dheere, auch Hawiye, floh gar nach Äthiopien, als Islamisten Jowhar einnahmen, die von ihm kontrollierte Stadt nördlich Mogadischus, die er vor wenigen Tagen nun mit Äthiopiens Hilfe wieder einnehmen durfte.

Auch Hussein Aidids Angebot, den Regierungssitz nach Mogadischu zu verlegen, soll angenommen werden. Premierminister Ghedi ist bereits per Hubschrauber zu Konsultationen eingeflogen. Es wäre das erste Mal, dass die Übergangsregierung Mogadischu beherrscht. Aber ob das in naher Zukunft geschehen wird, bleibt fraglich. Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer EU-Ratspräsidentschaft angekündigt, zwischen den Konfliktparteien vermitteln zu wollen. Ein schweres Unterfangen, vor allem mit bloßen Worten. Viele Faktionen versuchen, Macht zu erbeuten. Die großen Waffendepots der Islamisten sind bereits weggeschafft oder geplündert, die Preise für automatische Gewehre innerhalb von zwei Tagen rapide gesunken.

Es wird sich zeigen, ob der von einigen UIC-Islamisten angedrohte Guerillakrieg nun tatsächlich gestartet wird. Und ob der anders aussehen wird, als die Zustände in Somalia nicht ohnehin schon lange sind. Entscheidend ist hier auch die Zahl der vormals kaum präsenten Dschihadis aus dem arabischen Ausland. Hussein Aidids Milizen jedenfalls sind vorbereitet. Eine andere Art der Arbeit kennen ohnehin die wenigsten; seit nunmehr 16 Jahren ist Somalia eine zerfallene Staatsruine.

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