Europa Psychologischer Waffenstillstand

Die EU-Präsidentschaft der Deutschen wird politisch kaum etwas bewegen, dennoch trägt Kanzlerin Merkel große Verantwortung: Sie muss eine Vertrauensbasis für die Zukunft schaffen.

Rolf Gustavsson ist Europakorrespondent der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet . Sein Beitrag ist der zweite in einer unregelmäßigen Reihe von Kommentaren, mit denen Korrespondenten europäischer Tageszeitungen auf ZEIT online die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands begleiten werden. Eröffnet hat die Reihe Konrad Niklewicz von der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza mit seinem Kommentar: Die alten Europäer .

Wie groß ist der Zusammenhalt innerhalb der EU wirklich?

Wie groß ist der Zusammenhalt innerhalb der EU wirklich?

Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint sich in Zurückhaltung zu üben. Sie möchte die Erwartungen wohl gering halten, wenn Deutschland zum ersten Mal über die erweiterte Europäische Union präsidiert. Das ist grundsätzlich eine kluge Taktik, denn wenn die Erwartungen gering sind, laufen die Dinge gut, solange sie sich nicht gerade verschlechtern. Jeder kleine Schritt nach vorn kann als großer Überraschungserfolg verkauft werden.

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Aber wahrscheinlich steckt doch mehr hinter Merkels Haltung als bloße PR-Taktik. Ihre Einstellung spiegelt unter anderem die Tatsache wider, dass diese Präsidentschaft noch bis zum 17. Juni von den Unwägbarkeiten mehrerer Wahlen in Frankreich überschattet wird . Das Beste, was Frau Merkel in der Zwischenzeit tun kann, ist, an der hässlichen politische Stimmung zwischen den Mitgliedsstaaten zu arbeiten.

Sicher werden die deutschen Minister und Beamten versuchen, eine Reihe von geerbten Problemfeldern voranzubringen. Energie und Klimawandel, zum Beispiel, die Migrationsfrage, den Mittleren Osten und Russland sowie die „neue Ostpolitik“. Und wir können wohl mit einigen Bekundungen guter Vorsätze, aber mit wenigen greifbaren Ergebnissen rechnen. Für mich wirkt die deutsche Präsidentschaft wie eine Transportetappe der Tour de France. Die entscheidenden, schwierigen Momente werden erst auf einer späteren Etappe folgen, aber Deutschland muss auf dem Weg dorthin verhindern, dass Europa vollkommen entgleist.

Der europäische Integrationsprozess hat schrittweise dazu beigetragen, ein besseres Europa zu schaffen. Aber wir neigen dazu, unsere Geschichte zu vergessen. Es ist sicher paradox, die römischen Verträge genau in dem Moment zu feiern, in dem die deutsche Präsidentschaft ansetzt und die Europäische Union an einer grundlegenden Unsicherheit und Orientierungslosigkeit leidet. In noch höherem Maße paradox ist die Tatsache, dass ein historisches Ereignis wie die europäische Einheit so häufig als Problem wahrgenommen wird. Das sagt viel aus über die Qualität der derzeitigen politischen Führung in Europa.

Ein wichtiger Aspekt der heutigen Krise ist direkt mit dem Scheitern des „Vertrags über eine Verfassung für Europa“ und dem Bedürfnis nach Bedenkzeit verbunden. Wenn ich die öffentliche Diskussion verfolge, gewinne ich den Eindruck, dass viele politische Spitzen von einer schnellen Lösung dieses Problems träumen, einem Mini-Vertrag zum Beispiel, der die Substanz sichert.

Leser-Kommentare
    • nepi
    • 06.01.2007 um 11:54 Uhr

    Bin froh als Schweizer ausserhalb der EU leben zu können.
    Unsere Politiker sind sich gewohnt, dass das Volk das letzte Wort hat. Ein gutes und bewährtes System. Solange nicht in allen EU Staaten das Volk über eine Verfassung abstimmen kann, solange dürte sich das Vertrauen in die EU auch nicht verbessern.

    • nepi
    • 06.01.2007 um 11:54 Uhr

    Bin froh als Schweizer ausserhalb der EU leben zu können.
    Unsere Politiker sind sich gewohnt, dass das Volk das letzte Wort hat. Ein gutes und bewährtes System. Solange nicht in allen EU Staaten das Volk über eine Verfassung abstimmen kann, solange dürte sich das Vertrauen in die EU auch nicht verbessern.

  1. Der Author in seinen Text tut so als sei das Volk nur ein lästiger Faktor der das Projekt Europa noch weiter erschwere!

    Das Problem der EU ist dass es ein Projekt der Eliten ist! Das Volk, insbesondere in Deutschland, durfte sich weder über die Abschaffung der DM äussern oder über die Verfassung abstimmen. Jeden ist klar, dass die überwältige nde Mehrheit für die Verfassung im Parlament und der Presse sich NICHT im Volk wiederspiegelt. Und es gibt ein haufen guter Gründe um gegen den Superstaat Europa zu sein. Diese werden jedoch nie erwähnt oder diskutiert, es wird immer so getan als sei die EU eine Selbstverständlichkeit.

    Ich bin, wie viele, gegen die EU, gegen die undurchschaubare Bürokratie, gegen die Machtkonzentration in Brüssel, für die Rückkehr der Deutschen Markt, gegen die neue Verfassung.

    Zuallerletzt, einige Weise Worte von John Stuart Mill:

    The worth of a State, in the long run, is the worth of the
    individuals composing it. . . . A State which dwarfs its men,
    in order that they may be more docile instruments in its
    hands even for beneficial purposes, will find that with small
    men no great thing can really be accomplished; and that the
    perfection of machinery to which it has sacrificed everything
    will in the end avail it nothing, for want of the vital power
    which, in order that the machine might work more smoothly,
    it has preferred to banish.
    —JOHN STUART MILL

    • roji11
    • 19.03.2007 um 20:49 Uhr

    Ich bin, wie viele, für die EU, für die Einführung und Beibehaltung des Euro, für eine neue Verfassung (allerdings läßt der vorliegende Entwurf tatsächlich viel zu wünschen übrig) und für eine weitere Integration Europas. Die EU ist das Beste, was Europa passieren konnte. 60 Jahre Frieden, Wohlstand und die Entwicklung eines Multilateralismus, der trotz aller Schwierigkeiten beispielhaft in der Welt ist.
    Die Brüsseler Bürokratie ist kleiner als die einer normalen Großstadt und auch die Machtkonzentration (vielleicht mit Ausnahme des Agrarmarktes, der tatsächlich dringend reformbedürftig ist) ist nicht annähernd so groß, wie oft empfunden, aber zum Glück groß genug, um auch den Amerikanern Respekt einzuflößen. So muss sich jetzt auch Mikrosoft vor den europäischen Kartellbehörden rechtfertigen, der Euro relativiert den übermächtigen Dollar und läßt Währungsschwankungen etwas moderater ausfallen.
    Wenn der Aufstieg von China und Indien so weitergeht, wird die Bedeutung der EU für uns noch wachsen. EU-Skeptiker können sich kaum vorstellen, was es bedeuten würde, wenn es keine EU gäbe und alle Europäer offen gegeneinander Wirtschaftspolitik betrieben, der Abgang Europas von der Weltbühne wäre schon deutlich weiter fortgeschritten.

    In einem gebe ich Ihnen und dem Schweizer Recht, wir brauchen mehr Volksbeteiligung, mehr Rechte für das Parlament.

    Ansonsten bin ich heilfroh, dass wir in der EU sind.

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