EU Europäische Malaise
Die Ablehnung des Verfassungsentwurfs durch viele Europäer zwingt Deutschland, von eigenen Forderungen abzurücken. Das erfordert Mut von Angela Merkel.
Der Autor ist Korrespondent der französischen Tageszeitung
Libération
.
Sein Beitrag ist der dritte in einer unregelmäßigen Reihe von
Kommentaren, mit denen Korrespondenten europäischer Tageszeitungen auf
ZEIT online die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands begleiten werden.
Bisher erschienen:
"Die alten Europäer"
von Konrad Niklewicz von der polnischen Tageszeitung
Gazeta Wyborcza
und
"Psychologischer Waffenstillstand"
von Rolf Gustavsson von der schwedischen Tageszeitung
Svenska Dagbladet
Wie groß ist der Zusammenhalt innerhalb der EU wirklich?
Dem äußeren Anschein nach prägt Deutschland die aktuelle EU-Ratspräsidentschaft. Das Land ist sehr ambitiös, doch ihm fehlen die politischen Möglichkeiten. In Wirklichkeit beherrscht Frankreich das Geschehen: Es hält die nötigen Karten in der Hand, um nach dem "Nein" zur Europäischen Verfassung vom 29. Mai 2005 den Prozess wieder anzukurbeln. Folglich hängt die Zukunft der Union von Frankreich ab; dies gilt auch für die erweiterte Union, deren Zentrum weiterhin die deutsch-französischen Beziehungen bleiben. Für Angela Merkel ist der Befund ernüchternd: Trotz ihrer Ungeduld bleibt ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis Frankreich einen neuen Staatspräsidenten und ein neues Parlament gewählt hat, damit das Land endlich sagen kann, was es will. Es ist ein unglückliches Zusammentreffen der Termine, dass die letzte Sitzung des Europäischen Rats unter deutscher Präsidentschaft am 17. Juni stattfinden wird und damit ausgerechnet nach dem zweiten französischen Parlamentswahlgang... Nun versteht man, weshalb die deutsche Regierung immer wieder betont, dass von ihrer Ratspräsidentschaft "keine Wunder erwartet" werden sollten.
Jeder Vorschlag zur Wiederaufnahme des EU-Verfassungsprozesses droht die Wahlen in Frankreich im kommenden Frühjahr direkt zu beeinflussen. Sogar der Terminkalender dieses Prozesses wird nicht leicht festzulegen sein, denn auch er setzt Grundsatzentscheidungen über das Wesen des neuen europäischen "Grundgesetzes" voraus: Soll man zum Beispiel eine zweite "Europäische Konvention" versammeln, ähnlich der, die die Totgeburt des ersten Verfassungsentwurfs schuf? Soll der von den Franzosen und Niederländern abgelehnte Text die einzige Grundlage neuer Verhandlungen sein oder nur ein unter mehreren? Soll der gesamte Text neu verhandelt werden oder nur Teile davon? All diese Fragen müssen geklärt werden, bevor eine neue Runde überhaupt beginnen kann.
Nun ist die europäische Frage in Frankreich ein extrem sensibles Thema geworden, denn die Spaltungen, die sich im Vorfeld des Referendums gezeigt hatten, sind nicht überwunden, sie haben sich im Gegenteil vertieft. Tatsächlich bekennt sich inzwischen ein großer Teil der linken Verfassungsgegner zum "Souveränismus", der bis dahin ein Monopol der Rechtsextremen gewesen war. Diese Denkrichtung sieht den Nationalstaat als natürlichen Rahmen des Sozialstaats, und die EU als trojanisches Pferd der Globalisierung, das zunehmend zur Bedrohung für das französische "Sozialmodell" wird. Deshalb wird die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal alles daran setzen, die europäische Frage im Wahlkampf zu ignorieren: andernfalls würde sie die "souveränistische" Linke verprellen. Jeder allzu ambitionierte Vorschlag von deutscher Seite brächte sie daher lediglich in Verlegenheit.
Auf der Seite der bürgerlichen Rechten hat Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy nicht das gleiche Handicap, da Europa für seine politische Familie kein spaltender Faktor ist. Deswegen wird er nicht zögern, das Thema auf die Agenda zu setzen, um seine sozialistische Gegenspielerin in Bedrängnis zu bringen. Dennoch ist auch von ihm kein starkes europäisches Engagement während des Wahlkampfs zu erwarten. Als guter Populist und in Anbetracht der schwerfälligen öffentlichen Meinung Frankreichs hat der UMP-Kandidat begriffen, dass das "Nein" bei der Volksabstimmung vom 29. Mai 2005 zur EU-Verfassung auch ein "Nein" zu dem Europa war, das heute geschaffen wird. Abgesehen von einer pro-europäischen Rede , die Sarkozy im vergangenen September in Brüssel gehalten hat, fährt er auf dem euroskeptischen Ticket, indem er vor allem den Euro und die Europäische Zentralbank für alle Übel der französischen Wirtschaft verantwortlich macht.
- Datum 12.05.2009 - 16:50 Uhr
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Dass der deutsche Waehler nicht direkt ueber die EU Verfassung abstimmen kann und nicht gefragt wurde als der T-Euro eingefuehrt wurde ist sicherlich auch Schuld an der Abneigung vieler Deutscher gegen die EU. Das Grundgesetz sollte dementsprechend geaendert werden schliesslich ist es ein Affront dass alle andere EU-Buerger ihre Stimme abgeben koennen in wichtigen Angelegenheiten waehrend in D.es von oben abgenickt wird.
ueber seine Zukunft zu entscheiden wird verletzt weil in Sache Europa,der Deutsche keine direkte Stimme hat sondern wird durch irgendwelche Politiker,die oft ihre eigne Agenda haben,entmuendigt.
...werden die Franzosen einen Sozialabbau hinnehmen, wie er in Deutschland mit der Agenda 2010 und der Fortführung durch die große Koalition stattfindet.
Man möge sich an die 'brennenden Vorstädte' erinneren, weil jugendliche auf Zeit eingestellt werden sollten.
Die Zumutungen mit denen Frau Merkel durch Hartz IV das eigene Volk sanktioniert, hätten in Frankreich dramatische Folgen. Ein Generalstreik mit verheerenden Ausschreitungen wäre das Ergebnis.
Da aber der Trend der neoliberalen Wirtschaftspolitik mit der Abschaffung sozialer Standards das Credo der Ratspräsidentin ist wird sie in Argumentationsschwierigkeiten kommen.
Wenn es nicht gelingt soziale Standards europaweit zu manifestieren, wird es mit den Ländern in denen das Volk demokratisch gefragt wird keine Einigung über eine Verfassung geben.
Aus gutem Grund will die Politik in Deutschland keine Volksabstimmung.
Das Ergebnis wäre klar.
So, niemals!
'Soll der von den Franzosen und Niederländern abgelehnte Text die einzige Grundlage neuer Verhandlungen sein oder nur ein unter mehreren?'
Ich hätte auch gern abgelehnt, aber in dieser veralteten Demokratieform ist das ja nicht möglich.
Macht echt keinen Spass mehr, den anderen beim Abstimmen zuzusehen und selbst von diesen sogenannten Volksvertretern bevormundet zu werden....
In Deutschland haben sich zwei Generationen in den letzten 30 Jahren allerdings soziale Standards gegönnt, die nur durch gigantische Kredite von den nächsten Generationen zu halten waren und sind. Man kann nicht einfach etwas festschreiben, was nicht zu halten ist und die Probleme in die Zukunft verschieben. Irgendwann kracht dieses Kartenhaus an Nettigkeiten zusammen, und wie lange es sich die Franzosen noch gut gehen lassen können, steht auch noch auf einem anderen Blatt...
Seit nunmehr tausend Jahren entstammen die meisten Probleme Europas der bedauerlichen Tatsache, dass es hier immer eine Zweiteilung gab zwischen Leuten, die nach ihrer Meinung gefragt wurden und solchen, denen man einfach mitteilte, was sie zu tun hätten. Verlief die Trennlinie noch im vorletzten Jahrhundert zwischen Adligen und Gemeinen, so finden sich heute Franzosen und Holländer auf der privilegierten Seite, Deutsche und Italiener auf der anderen. Andererseits wird freilich auch die immerhin abgefragte Meinung selbst der Franzosen und Holländer ignoriert, so dass die sogenannte Verfassung, wenn sie nun doch implementiert wird, am ehestens als Besatzungsstatut zu werten ist.
Jean Quatremer schreibt: 'In Wirklichkeit beherrscht Frankreich das Geschehen. Es haelt die noetigen Karten in der Hand, um nach dem 'Nein' zur Europaeischen Verfassung vom 29. Mai 2005 den Prozess wieder anzukurbeln. Folglich haengt die Zukunft der Union von Frankreich ab...'
Wirklich?
Immerhin haben bereits 18 Mitgliedstaaten (einschliesslich Deutschlands) dem vorliegenden Text zur EU-Verfassung formal zugestimmt. Natuerlich werden die Franzosen versuchen, ihre Zustimmung zu einem neuen Verfassungstext so teuer wie moeglich zu verkaufen. Forderungen einzelner franzoesischer Politiker nach einer Aenderung der EZB-Statuten duerften einen Vorgeschmack auf das geben, was uns da erwartet.
Die Franzosen sollten jedoch darauf achten, den Bogen nicht zu ueberspannen. Sonst koennte doch noch das Undenkbare eintreten: Dass Deutschland naemlich beschliesst, ohne Frankreich mit der europaeischen Integration fortzufahren. Als so unentbehrich wird die deutsch-franzoesische Zusammenarbeit hierzulande naemlich laengst nicht mehr gesehen. Dies zeigt nicht zuletzt der juengste Ausstieg Deutschlands aus dem deutsch-franzoesischen Projekt 'Quaero'.
Das viele Europäer den Verfassungsentwurf ablehen, halte ich für ein Gerücht. Der Entwurf ist ausreichend gut und sollte verabschiedet werden. Nur, Merkel ist nicht das Kaliber, welches in den kommenden sechs Monaten viel bewegen kann. Ihre Kollegen und Kolleginnen nehmen sie in erster Linie als die kleine FDJ-Funktionärin der ehemaligen kommunistischen DDR war, die sich nur mit dem klingelden Geldbeutel, zu Lasten der deutschen Bürger durchsetzen kann.
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