Untergrund Sowas wie Jugend-forscht

Hannover hat seit bald zwei Jahrzehnten einen legendären Kellerclub mit einem seltsamen Namen: Silke Arp bricht. Susanne El-Nawab stellt die rätselhafte Stätte vor

So geht's im Avantgarde-Keller zu: Die Silke-Arp-Bildergalerie

Ein baufälliges Wohnhaus in Hannover, Königsworther Straße. Durch eine unscheinbare Ladentür geht es in die bizarre Welt von Silke Arp bricht: ein Club und Gesamtkunstwerk, eine Art Merzbau der Neunziger, dem Dadaismus verbunden. Silke Arp bricht – kurz "Silke" genannt – riecht nach Schimmelsporen, Zigarettenrauch und muffigen Sofas.

Eine steile Treppe führt hinunter in einen höhlenartigen Keller zur kleinen, lamettabehangenen Bühne und der Tanzfläche aus mattgetretenen Stahlplatten. 100 Leute haben hier Platz, wenn 200 kommen, wird es eng. An der kleinen Theke kann man Herrenhäuser Pils bestellen. Eine Lichtreklame "Zum Deutschen Schmied" hängt an der Wand, ein Mobile aus vergilbten Kaufladenschachteln bewegt sich im Luftzug.

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Hinter dem Tresen, neben einem Fahrkartenentwerter, sitzt Uwe und füllt Salzstangen in die Gläser. Über der Tanzfläche breitet ein Bussard seine Flügel aus, hinter dem DJ-Pult hängt ein Herz-Kreislauf-Modell, über dem Klavier ein Teppich mit Jesus-Bild. Immer wieder wird umdekoriert und umgebaut.

Silke Arp bricht ist Treffpunkt, Verein und Club, ehrenamtlich organisiert und unkommerziell. Von den Spenden der Gäste und Freunde wird die Miete bezahlt oder mal ein neuer Plattenspieler. Musiker bekommen für ihren Auftritt etwas Warmes zu essen, Getränke und einen Schlafplatz. Silke ist aber mehr als nur ein Ort, sie ist eine Freundin: Eine etwas rätselhafte und schwierige Person, die man lieb hat, die aber oft auch anstrengend ist, weil sie komische Sachen in ihrem Wohnzimmer macht oder unsympathische Gäste anlockt.

Silke ist ihrer Zeit immer eine Nasenlänge voraus, mit Beharrlichkeit wunderlich, kritisch, spielerisch, sprühend vor Witz. Ihre Freunde haben viele Nächte in ihrem Keller durchtanzt, geredet, gelacht. Unvergesslich bleiben Auftritte wie die von Mr. Quintron & Miss Pussycat: Eine Dame im Miezekatzenkostüm schwingt die Rumba-Rasseln, während ihr Kollege mit nacktem Oberkörper schweißüberströmt in die Tasten seiner Hammond-Orgel schlägt und sich um den Verstand brüllt. Dann unterbrechen sie die Ekstase, um ein Puppentheater-Stück aufzuführen, dem das Publikum kichernd zusieht. Aber es gibt auch Abende, an denen man gelangweilt nach Hause geht, weil auf der Bühne Jungs mit angesagten Frisuren vor ihren Powerbooks sitzen und digitales Gestöpsel servieren. Als die Silke plötzlich hip wurde, kippte die Wohnzimmeratmosphäre des öfteren in ein Wir-stehen-cool-in-einem-trendy-Club-herum.

Und trotzdem ist Silke immer noch ein unkonventionelles Projekt von einfallsreichen Machern, die einmal im Monat zu Konzert- und Filmabenden oder einfach nur zum Tanz einladen. Silke ist berühmt für ihren schlechten Geschmack und die kultivierte Improvisation, ihre Spürnase für alte Schätze und ihren Mut zum Verrücktsein.

Beim Neujahrsempfang von Dr. Proll nimmt man dann im Wartezimmer Platz, wird mit Nummer aufgerufen, untersucht und mit hochprozentiger Medizin versorgt. Schon lange bevor Ostalgie zur Mode wurde, musste man hier am Gründungstag der DDR endlose Formulare ausfüllen, bevor man in den Keller durfte. Manchmal sitzen auch einfach nur ein paar Leute zusammen und lauschen einem Hörspiel. Musiker und Künstler aus anderen Ländern und Städten sind gern zu Gast bei Silke. Hier spielten Nikki Sudden, Eugene Chadbourne, Klaus Beyer, Kante. Jeans Team traten hier auf und wurden ein paar Monate später populär. Silke will immer wieder neue musikalische Genres entdecken und andere Erfahrungen vermitteln.

Mitbegründer Stefan Voigt berichtet von den Anfängen: "Silke ist ein Ort, der ein Wesen hat, das sich entwickelt. Sie ist jetzt im siebzehnten Jahr. 1989 haben Lu Seegers und ich den Keller gemietet." Sie waren jung, hatten gerade angefangen zu studieren und wollten sich "einen Ort schaffen, wo man sein kann". Zwanzig Leute fanden sich zusammen und bauten Silke auf. "So haben wir die Zeit verbracht, mit Arbeiten, Rumspinnen und Musikmachen. Das war ein tolles Abenteuer." Und Lu Seegers erzählt nicht ohne Stolz: "Wir waren szenemäßig nicht festgelegt, wir waren eben mehr der Laden für die etwas Verschrobenen. Silke hat Trends gesetzt, ohne es eigentlich zu wissen."

Die Musik, die Silkes Freunde produzieren und auf Samplern herausgeben, ist nicht gerade massenkompatibel: Klang- und Geräuschexperimente, tanzbarer Achtziger-Elektropop, punkiges Gitarrengeschrammel, Krach und zarte Liebeslieder von Bands wie Die Krone der Gastlichkeit, Gott oder Sub Cancer. "Es sind spinnerte Kleinkunstodien", sagt Stefan Voigt und lacht, "sowas wie ein Jugend-forscht-Projekt. Das ist doch ganz oft so, dass man die Zeit zurückdrehen will, und es geht nicht. Dann ist es entweder vorbei, oder du denkst dir was Neues aus. Oft kommen Leute, die erwarten: Hier passiert Kult. Die stehen verständnislos an der Theke, weil es hier keinen Latte Machiatto oder Beck’s Green Lemon gibt. Viele Leute verstehen nicht, dass wir das nicht professionell und kommerziell aufziehen, weil sie kapitalistisch denken. Die begreifen gar nicht, dass wir Silke aus einem Idealismus betreiben, der sich jeglicher Professionalisierung und Kommerzialisierung verweigern möchte."

Zu viel oder zu wenig Arbeit hat einige dieser kreativen Verweigerer im Lauf der Jahre gelähmt, manch geniale Idee wird im nächsten Bier ertränkt und fortgespült. Man fachsimpelt über Fernsehserien der Siebziger, kramt die Spielzeugkisten von früher hervor, Fußball und Klappradfahren sind angesagt. Wie es mit Silke weitergeht, weiß keiner. Ob es sie in zehn Jahren noch geben wird? Wird Silke irgendwann erwachsen werden? "Ich seh’ das ja hier als ein soziologisches Experiment", sagt Stefan Voigt, "es ist der Fluch der ewigen Jugend".

Silke Arp bricht e.V.
Königsworther Straße/Ecke Grotefendstraße
30167 Hannover

Hören Sie hier Musik von Silkes Freunden:
Gott: Kontrolle Nr. 9
Dr. Proll: Klappi das Kurbeltretfossil
Rebresch & Blumm: Herr Selbig und Schnuffi
Die Krone der Gastlichkeit: Pretty Heinrich
Thomas Kapielski: From L.A.
Risque de choc electrique: Stop&Start

Hier geht's zur Silke-Arp-Bildergalerie

 
Leser-Kommentare
    • bras
    • 06.01.2007 um 14:58 Uhr

    nennt man also jetzt ´Untergrund´ oder ´Avantgarde´? Aber muß es
    gerade ein so furchtbar ... ´liebliches´ Beispiel sein? Arrgh.

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