Untergrund Sowas wie Jugend-forschtSeite 2/2
Beim Neujahrsempfang von Dr. Proll nimmt man dann im Wartezimmer Platz, wird mit Nummer aufgerufen, untersucht und mit hochprozentiger Medizin versorgt. Schon lange bevor Ostalgie zur Mode wurde, musste man hier am Gründungstag der DDR endlose Formulare ausfüllen, bevor man in den Keller durfte. Manchmal sitzen auch einfach nur ein paar Leute zusammen und lauschen einem Hörspiel. Musiker und Künstler aus anderen Ländern und Städten sind gern zu Gast bei Silke. Hier spielten Nikki Sudden, Eugene Chadbourne, Klaus Beyer, Kante. Jeans Team traten hier auf und wurden ein paar Monate später populär. Silke will immer wieder neue musikalische Genres entdecken und andere Erfahrungen vermitteln.
Mitbegründer Stefan Voigt berichtet von den Anfängen: "Silke ist ein Ort, der ein Wesen hat, das sich entwickelt. Sie ist jetzt im siebzehnten Jahr. 1989 haben Lu Seegers und ich den Keller gemietet." Sie waren jung, hatten gerade angefangen zu studieren und wollten sich "einen Ort schaffen, wo man sein kann". Zwanzig Leute fanden sich zusammen und bauten Silke auf. "So haben wir die Zeit verbracht, mit Arbeiten, Rumspinnen und Musikmachen. Das war ein tolles Abenteuer." Und Lu Seegers erzählt nicht ohne Stolz: "Wir waren szenemäßig nicht festgelegt, wir waren eben mehr der Laden für die etwas Verschrobenen. Silke hat Trends gesetzt, ohne es eigentlich zu wissen."
Die Musik, die Silkes Freunde produzieren und auf Samplern herausgeben, ist nicht gerade massenkompatibel: Klang- und Geräuschexperimente, tanzbarer Achtziger-Elektropop, punkiges Gitarrengeschrammel, Krach und zarte Liebeslieder von Bands wie Die Krone der Gastlichkeit, Gott oder Sub Cancer. "Es sind spinnerte Kleinkunstodien", sagt Stefan Voigt und lacht, "sowas wie ein Jugend-forscht-Projekt. Das ist doch ganz oft so, dass man die Zeit zurückdrehen will, und es geht nicht. Dann ist es entweder vorbei, oder du denkst dir was Neues aus. Oft kommen Leute, die erwarten: Hier passiert Kult. Die stehen verständnislos an der Theke, weil es hier keinen Latte Machiatto oder Beck’s Green Lemon gibt. Viele Leute verstehen nicht, dass wir das nicht professionell und kommerziell aufziehen, weil sie kapitalistisch denken. Die begreifen gar nicht, dass wir Silke aus einem Idealismus betreiben, der sich jeglicher Professionalisierung und Kommerzialisierung verweigern möchte."
Zu viel oder zu wenig Arbeit hat einige dieser kreativen Verweigerer im Lauf der Jahre gelähmt, manch geniale Idee wird im nächsten Bier ertränkt und fortgespült. Man fachsimpelt über Fernsehserien der Siebziger, kramt die Spielzeugkisten von früher hervor, Fußball und Klappradfahren sind angesagt. Wie es mit Silke weitergeht, weiß keiner. Ob es sie in zehn Jahren noch geben wird? Wird Silke irgendwann erwachsen werden? "Ich seh’ das ja hier als ein soziologisches Experiment", sagt Stefan Voigt, "es ist der Fluch der ewigen Jugend".
Silke Arp bricht e.V.
Königsworther Straße/Ecke Grotefendstraße
30167
Hannover
Hören Sie hier Musik von Silkes Freunden:
Gott: Kontrolle Nr. 9
Dr. Proll: Klappi das Kurbeltretfossil
Rebresch & Blumm: Herr Selbig und Schnuffi
Die Krone der Gastlichkeit: Pretty Heinrich
Thomas Kapielski: From L.A.
Risque de choc electrique: Stop&Start
Hier geht's zur Silke-Arp-Bildergalerie
- Datum 12.05.2009 - 16:51 Uhr
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nennt man also jetzt ´Untergrund´ oder ´Avantgarde´? Aber muß es
gerade ein so furchtbar ... ´liebliches´ Beispiel sein? Arrgh.
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