Viele Nichtmusiker grinsen, wenn sie erfahren, dass ich Bratsche spiele. Auch die musischen unter ihnen, denen man die Viola nicht erklären muss, "wie eine Geige, nur größer". Die Bratscherwitze sitzen tief. Auch wer keinen dieser Witze kennt, weiß von ihnen, hat gehört, dass die Bratscher die Ostfriesen des Orchesters sind, minderbemittelt, dazu faul und ängstlich. Man wählt dieses Instrument, so wird unterstellt, weil es für die Geige nicht gereicht hat. Genauso war es bei mir. Meine Eltern hatten mich sanft an die Violine gezwungen, die in meinen Händen und Ohren aber grauenvoll klang. Im Orchester der Musikschule wurde ich mit vierzehn nicht gebraucht. Angeblich gab es da genug Geiger… Also bekam ich eine Bratsche.

Mit diesem Abstieg aus den schrillen und unfreiwillig schrägen Höhen der Geige begann meine Selbstbestimmung als Musiker. Mit Freuden verzichtete ich auf die grelle E-Saite, dafür kam eine Quinte nach unten dazu. Ich genoss das Grunzen der C-Saite. Damit durfte ich ins Orchester, und zum ersten Mal klang es gut, was ich machte. Ich hörte mich ja auch kaum. Ich ging auf im Brausen der Romantik. Zum Glück war mein erster Orchesterkomponist Tschaikowsky (Mozart hätte mich damals nicht berauscht): große Linien, heroische Harmonien, Blechbläserrufe wie von Sauriern oder Ozeandampfern… Ein Leben als Orchestermusiker stellte ich mir damals vor wie eine immerwährende Eroberungsfahrt durch die Weltmeere der romantischen Sinfonik.

Ich begann, richtig zu üben. Ich wollte ins Orchester. Im Verlauf des Musikstudiums änderte sich das allerdings. Mir wehte zuviel Dienstplanmuff und Angstschweiß entgegen, wenig Neugier. Ich hatte mir das alles piratenhafter gedacht und wurde lieber Journalist. Später geriet ich dann doch in musikalische Piratenkreise, Freiberufler, Schatzsucher; seitdem mache ich beides und sehe großzügig über den unausgesprochenen Verdacht hinweg, den das auslöst: "Zwei Jobs kann man sich ja nur als Bratscher leisten. Da muss man nichts können." Der geht wie die Bratscherwitze auf ein paar Jahrzehnte im 18. Jahrhundert zurück, als die Mittelstimmen in den Schatten gerieten und oft so schlicht waren, dass auch ein Hornist oder Weinreinbringer sie spielen konnte…

Dass sich die Bratscherwitze so gut gehalten haben, hängt aber auch gerade mit der Mittelposition zusammen. Fürs Profil sorgen oben die Geigen und unten die Celli, und ihre Profilneurosen werden von den Bratschern abgepuffert, den Diplomaten oder auch Narren des Orchesters. Sie vermitteln zwischen unten und oben und genießen es, in der Mitte der Harmonie zu sitzen. Ob ein Akkord in Moll oder Dur erklingt, das hängt oft von ihnen ab, von den zwei Millimetern, die ein Finger auf der Saite verschoben werden muss, um aus einer kleinen eine große Terz zu machen. Auch Johann Sebastian Bach genoss diese Position. Er spielte, wenn er im Orchester saß, "als der größte Kenner u. Beurteiler der Harmonie", so überliefert es sein Sohn Carl Philipp, "am liebsten die Bratsche".

Mit Bach als Kollegen kann man Bratscherwitze bestens ertragen. Oder mit Monteverdi, Mozart, Dvorák, Hindemith… alles Violaspieler! Und Brahms komponiert so, als wäre er auch einer. Ich benutze für alle Epochen ein und dieselbe Bratsche, die gelungene Fälschung einer der ältesten, die es gibt, so, wie sie um 1570 gebaut wurde. Das ist historisch etwas unkorrekt, denn zwischen 1600 und 1900 hat sich einiges geändert im Instrumentenbau. Vor allem die Saitenspannung ist größer geworden, um den Ton lauter zu machen. Aber verglichen mit der Updatefrequenz moderner Geräte musste an den Instrumenten der Geigenfamilie in vier Jahrhunderten unglaublich wenig geändert werden. Man kann mit dieser Erfindung durch Epochen surfen.

Als ich meine gefälschte Bratsche kennenlernte, war es, als würde sie mich von sonstwo rufen. Ich hatte schon ein Instrument und war ganz zufrieden damit, bis ich dieses hörte. Nur die leeren Saiten beim Stimmen. Die C-Saite und die G-Saite gaben gemeinsam eine dunkle, aber nicht finstere, eine volle und zugleich schlanke Quinte von sich. Und dieser Klang hatte es in sich. Etwas Persönliches, das mich erreichte und mich, als ich selbst darauf spielte, umhüllte. Das Original war in Italien gebaut worden von Gasparo da Salò, geboren 1540, und gerade bei einem befreundeten Geigenbauer zur Reparatur gewesen. Er hatte eine Kopie angefertigt und sämtliche Alterungsspuren aus 430 Jahren imitiert – darum nenne ich es Fälschung, das klingt auch geheimnisvoller als "Kopie".