Musikbranche Nur nicht umkippen!

Um sich den Traum von der eigenen Platte zu erfüllen, gründet der Landsberger Elektromeister Wolfgang Petters 1991 die Firma Hausmusik. Im Jahr 2007 gibt es Label, Vertrieb und Laden immer noch – in einem schwierigen Umfeld.

Im Jahr 1991 gründete der Elektroinstallateur Wolfgang Petters im bayerischen Landsberg die Plattenfirma Hausmusik. Ohne Vorwissen nahm er mit Freunden eine Platte auf, die Hausmusik-Kompilation. Er ließ sie eintausend Mal pressen, bastelte eintausend Plattenhüllen in Hausform und schaffte es tatsächlich, alle loszuwerden. Seine fixe Idee setzte sich durch. Heute ist der Name Hausmusik im Independent-Bereich ein Begriff, als kleine Plattenfirma, als Plattenladen, als Mailorder und als wichtiger Vertrieb. Wir wollten einmal wissen, wie so etwas – immer noch – geht.

Ja, wie fing das alles an?
Ich wollte eine Platte machen. Ich wollte aber niemanden fragen, ob er sie veröffentlicht. 1991 gab es kaum kleine Labels, es war viel einfacher, so was selber zu machen. Ich habe ein paar Freunde aus Landsberg und Weilheim gefragt, ob sie mitmachen wollen.

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Die Labelgründung war also Selbstzweck?
Ja. Das war eigentlich ein reines Ego-Ding. Ich hatte keine Ahnung, wie schwer es ist, tausend Platten zu verkaufen. Man hat ja keine tausend Freunde und hatten auch keinen Vertrieb. Also bin ich in die Läden gegangen und habe sie angeboten, Notwist haben sie mit auf ihre Tour genommen. Und so haben wir tausend Platten verkauft. Ein unbekanntes Label, unbekannte Gruppen, so etwas könnte man heute nicht mehr machen. Heute kann jeder beinahe alles selber machen, deswegen nimmt kein Händler mehr Platten, die ihm an der Theke angeboten werden.

Haben Sie das nur organisiert oder damals auch selbst Musik gemacht?
Ich habe auch eine Band gehabt, das Fred-Stocker-Quartett. Wir haben mit vier Gitarren, zwei Schlagzeugen und Bass im Wechslerhof in Landsberg geprobt. Das war eine sehr schöne Zeit, aber so was kann man nicht auf Dauer aufrecht erhalten. Man kann sich nicht über Jahre hinweg jeden Samstag im gleichen Proberaum treffen, die gleichen Lieder spielen und sie immer wieder toll finden. Irgendwann wird es öde. Und bevor es öde wurde, kam die Sache mit dem Label.

Woher kam der Antrieb, Langeweile in der Provinz?
Der Ort spielt schon eine Rolle, aber mit Langeweile hatte das alles nichts zu tun. Ich fand es meist spannender, am Ammeersee zu grillen, als im sechzig Kilometer entfernten München im Club abzuhängen. Zu Konzerten musste man elend weit fahren oder selbst was organisieren. Also haben wir vieles auf die Beine gestellt. Wir haben die sogenannten Hausmusik-Konzerte gemacht. Wir sind in einem Pulk von zwanzig Leuten irgendwo hingefahren und haben in wechselnden Formationen den ganzen Abend gespielt. Das war ein irrsinniges Chaos, ein bisschen hippiemäßig.

Sie hatten offenbar einen sehr musikalischen Freundeskreis...?
Naja, das war die Szene, in der ich steckte. Das waren insgesamt ungefähr dreißig Leute aus Landsberg und Weilheim, die kannten sich gar nicht alle. Die beiden Orte sind vierzig Kilometer voneinander entfernt, es gab nicht eine große Clique. Aber auch wenn nicht jeder jeden kannte waren das teilweise fast familiäre Strukturen, es gab ungeheuer viele Überschneidungen.

Inwiefern?
Da war zum Beispiel Steffi Böhm aus Landsberg dabei, die war vielleicht sechzehn. Heute singt sie bei Ms. John Soda, damals hat sie Geige gespielt und sich nicht getraut, zu singen. Die war mit dem Micha Acher von Notwist zusammen, die machen ja nach wie vor gemeinsam Musik. Dann gab es Ogonjok, das waren Micha Acher und Andreas Gerth, die jetzt Tied & Tickled Trio machen. Seine Frau Marion Gerth war in meiner Band Fred Is Dead, jetzt spielt sie Bass bei Jersey. Florian Zimmer, der war auch bei Fred Is Dead, ist heute bei iso68 und hat eine Promotionagentur, sistercomfort. Gemeinsam mit Christoph Merk, der dann das Kollaps-Label gemacht hat, und Markus Acher spielte ich bei Village Of Savoonga. So drehte sich das alles im Kreis.

Da ergaben sich Veröffentlichungen für das Label von allein...
Wie gesagt, darum ging es erst gar nicht. Notwist zum Beispiel hatten damals schon ein Label. Ich wollte bloß eine Platte machen. Das war der große Traum des selbständigen Elektromeisters Wolfgang Petters. Markus Acher war der Meinung, ich sollte weitermachen. Wir haben dann Village Of Savoonga aufgenommen, das war die zweite Veröffentlichung. Ich habe das lange so gemacht, dass ich die Platten in Läden angeboten habe. Wenn wir ein Konzert hatten, bin ich am nächsten Tag immer durch die Läden gezogen und habe unsere Platten angeboten. So habe ich mir ein kleines Netz aufgebaut mit etwa zwanzig Läden.

Wie wurde aus dem Label Hausmusik dann der Vertrieb Hausmusik?
Erstmal fanden wir im Jahr 1995 in Holland einen Vertrieb, der uns europaweit in die Läden brachte, Naptime hieß der. Als der im Jahr 1998 geschlossen wurde, dachte ich erst, ich müsste nun auch aufhören. Stattdessen habe ich dann den Vertrieb gegründet. Erst habe ich das alleine gemacht, dann mit Thomas Morr zusammen. Der hat jetzt sein eigenes Label, das ist auch im Hausmusik-Vertrieb.

Seit dem Jahr 2000 ist Hausmusik auch ein Plattenladen und befindet sich in München. Wie kam es zu dem Umzug? War Landsberg zu klein geworden?
Nein, gar nicht. In Landsberg war einfach irgendwann niemand mehr. Lange Zeit war da alles ganz dicht zusammen, Markus Acher war mein Nachbar, auch Thomas Morr hat da gewohnt, der Plattenladen war fünfzig Meter entfernt, Marion Gerth hatte eine Siebdruckwerkstatt, in der wir die Plattenhüllen gemacht haben. Aber die Leute sind nach und nach weggezogen. Ich hänge an Landsberg. In München bin ich nie wirklich sesshaft geworden.

Die großen Firmen klagen heute über sinkende Umsätze, die Branche scheint in der Dauerkrise zu stecken. Sind die Probleme der Großen mit denen einer kleinen Firma wie Hausmusik zu vergleichen?
Bedingt. Die Indie-Branche steht auf viel dünnerem Eis. Das Hauptproblem der Indies ist, dass sie keine Rücklagen haben. Ansonsten könnten sie auch eine Durststrecke überwinden und in der Zeit sogar investieren. Wir stehen unter einen wahnsinnigen Druck, mit uns die Labels und die Musiker. Einen richtigen Flop kann sich keiner in unserem Vertrieb leisten. Wenn eine Firma plant, 10.000 Stück zu verkaufen und sie wird nur 2.000 los, dann kann sie zumachen. Ein zusätzliches Problem ist, dass es unglaublich lange dauert, bis das Geld fließt. Wenn eine Platte im Januar aufgenommen wird, wollen als erstes die Studios ihr Geld. Die Platte erscheint frühestens im Mai, die Läden bezahlen uns auch nicht gleich. Es dauert also mehr als ein halbes Jahr, bis das erste Geld bei uns und den Musikern ankommt.

Da hängen dann ja auch jeweils viele Leute dran...
Hier beim Vertrieb schon sieben Leute, viele davon haben wie ich eine Familie. In unserem Vertrieb sind rund zweihundert Labels. Wenn wir umkippen, dann ist das schon ein Problem für viele Leute. Das mit dem Geld ist auch weniger eine moralische Sache. Wir haben ungeheure Außenstände. Die Leute zahlen nicht, weil sie nicht können. Die haben das Geld nicht.

Die Anzahl der Veröffentlichungen auf dem Label Hausmusik ist in den letzten Jahren zurück gegangen...
Richtig, in den letzten drei Jahren hatten wir jeweils nur zwei Veröffentlichungen. Ich stecke heute wesentlich mehr Zeit in den Vertrieb. Das hat wirtschaftliche Gründe: Es hängt mehr am Vertrieb. Wenn ich den vernachlässige, verliere ich schnell mal zehntausend Euro. Wenn ich das Label vernachlässige, dann bringe ich einfach weniger raus.

Ab wann lohnt sich eine Veröffentlichung für die Labels, die in eurem Vertrieb sind?
Das kann man so einfach nicht sagen. „Faking The Books“ von Lali Puna hat sich 35.000 mal verkauft, das klingt viel. Die Band hat aber in den USA getourt, sie hat Werbung gemacht, sie war vierzig Tage im Studio. Außerdem sind die zu viert. Wenn Styrofoam eine Platte macht, dann verkauft die sich vielleicht 7.000 mal. Das rechnet sich aber viel mehr, weil der alleine ist und die Musik an seinem Rechner bastelt.

Und Ihre eigenen Veröffentlichungen beim Label Hausmusik?

Tja, die Platten, die ich in den vergangenen Jahren veröffentlicht habe, kennt kaum jemand. Squares On Both Sides verkauft 300, iso68 vielleicht auch mal 2000. Calexico haben ihre erste Platte bei Hausmusik rausgebracht, von der haben wir 4500 Schallplatten verkauft, aber das ist eine Ausnahme. Ernst Happel hat mal gesagt, »Vorher muss man's wissen, hinterher weiß es jeder«. Bei Squares On Both Sides dachte ich, die Platte sei so gut, dass muss sich einfach durchsetzen. Es setzte sich nicht durch, die spielen leider sehr wenige Konzerte.

Wie treffen Sie ihre Musiker? Schicken die einfach Demos und Sie suchen die aus, die Ihnen gefallen?
Zuallererst: Ich mache nur Platten, die mir selbst gefallen. Und meist von Leuten, die ich kenne. Daniel Bürkner von Squares On Both Sides kam immer hier in den Laden, der hat mir irgendwann mal eine Kassette gegeben, das war großartig, nur unglaublich schlecht aufgenommen. Ich bekomme auch bestimmt drei Demos jeden Tag, von fünfzig ist vielleicht eins überhaupt anhörbar. Die Sache mit den Demos ist sowieso ein Märchen, von tausend kommt es vielleicht bei einer zur Veröffentlichung. Ich kann den Leuten immer nur empfehlen, live zu spielen. So erarbeitet man sich ein Publikum

Wie reagiert Hausmusik auf den wachsenden Download-Bereich? Davon profitieren Sie als Vertrieb ja kaum...
Wir spezialisieren uns. Wir machen mehr Wiederveröffentlichungen und fast nur noch Vinyl. In Deutschland verkaufen wir etwa achtmal so viel Vinyl wie CDs. Es ist leider sehr teuer, da muss man anders kalkulieren. Allein mit den neuen Sachen werden wir auf Dauer nicht überleben können.

Verleiden dieses ständige Wandeln am wirtschaftlichen Abgrund und der Kampf um die Eigenständigkeit Ihnen die Arbeit nicht?
Nein, es macht nach wie vor Spaß. Wenn der finanzielle Druck ganz groß ist, dann ist es hart. Aber ich könnte auch nicht einfach zumachen, ich habe eine Verantwortung. Meine Frau ist Italienerin, manchmal träume ich davon, das ganze von Italien aus zu machen. Vieles geht ohnehin über das Internet, ich käme dann für zehn Tage im Monat nach München. Das Problem ist, ich packe hier auch, stehe am Wochenende im Laden. Dafür müsste ich dann wieder jemanden bezahlen, das kann ich mir nicht leisten.

Wir haben Wolfgang Petters beim Interview gefilmt. Sehen Sie hier die Videogalerie

 
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