Frankreich Ein großer Mönch

Er half den Bedürftigen. Die Franzosen verehrten ihn dafür wie kaum einen anderen. Eine persönliche Erinnerung an den verstorbenen Armen-Prieser Abbé Pierre

Starb mit 94 an einer Lungenentzündung: der französische Armen-Priester Abbé Pierre

Starb mit 94 an einer Lungenentzündung: der französische Armen-Priester Abbé Pierre

Er lebte zuletzt im grauen Pariser Vorort Alfortville in einem winzigen Reihenhaus. Sein Zimmer war eine Mönchszelle, in der nur ein Tisch, drei Stühle und ein übervolles Bücherregal standen. Eine Ecke des Raumes war mit einem Vorhang abgetrennt. Dahinter stand sein Bett.

Bekannt wurde der ehemalige Kapuziner-Pater und Vikar 1954, als er in einem Radio-Appell sein Land aufschreckte: „Zu Hilfe, meine Freunde. Heute Nacht um drei Uhr ist eine Frau auf dem Boulevard Sébastopol erfroren, weil sie aus ihrer Wohnung herausgeworfen wurde.“ Danach baute der 1912 in Lyon mit dem bürgerlichen Namen Henri Grouès geborene Pater die Obachlosenorganisation Emmaus auf, die in Frankreich und international zu einem der bedeutendsten Hilfswerke für Menschen in Not geworden ist.

Ich hatte Abbé Pierre im April 2005 besucht, zwei Tage nach dem Tod von Papst Johannes Paul II., um mit ihm ein Interview über Karol Wojtyla und die Zukunft der katholischen Kirche zu führen. Klein und zerbrechlich saß der damals 92 Jahre alte Abbé an diesem kalten Montagmorgen am Tisch in der Mitte des Zimmers, das nur von einem kleinen Fenster zum Hof erhellt war. Sein Kopf war fast kahl, aber sein Bart immer noch voll. Er sprach so leise, dass ich das Tonbandgerät ganz nah an seinen Mund halten musste. Doch er sprach völlig klar und nahezu druckreif.

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Das Erstaunliche war, dass er bei aller Trauer über den verstorbenen Papst nichts von seiner lebenslangen Kritik am Vatikan zurücknahm und völlig unverstellt über die außerordentlichen Verdienste, aber auch die Irrtümer des verstorbenen Papstes sprach: dass der an der Ehelosigkeit der Priester festgehalten hatte, dass er die Gläubigen mit extremen Idealansprüchen überfordert, dass er trotz der Aids-Epidemie Kondome verboten und dass er zu wenig dagegen getan hatte, das überbordende Kirchenzeremoniell auf eine schlichtere Gottesverehrung zurückzuführen.

Doch als Abbé Pierre auf die größten Leistungen des Papstes zu sprechen kam, war seine Bewunderung grenzenlos. Denn der Abbé selber war ein außerordentlich politischer Mensch und sprach von der „ungeheuren politischen Wirksamkeit des Papstes“. Johannes Paul werde als Koloss der Geschichte in Erinnerung bleiben, lobte Abbé Pierre, „als jemand, der durch Beharrlichkeit und Kalkül auch in seinen winzigsten Akten den Kommunismus zu Fall brachte – erst durch die Ermutigung Polens, dann durch die Unterstützung Gorbatschows“. Und der Papst habe zuletzt auch gegen den Irak-Krieg wie David gegen Goliath gekämpft. „Doch gegen die gigantische militärische Mobilisierung der USA konnte er nichts erreichen – außer dass er einen Großteil der Menschheit auf seiner Seite hatte.“

Nach einer Dreiviertelstunde bat er, das Gespräch zu beenden, weil er erschöpft war. Zum Abschied sprach er über den Tod: „Mein ganzes Leben hatte ich dafür gebetet, jung zu sterben, weil das Alter ein fortwährender Schiffbruch ist. Als ich Johnnes Paul II. einmal in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo traf, fragte er mich, wie alt ich sei. Ich war damals 80 geworden und lebte bereits seit zehn Jahren zurückgezogen bei den Benediktinern. Ich erzählte ihm davon, dass für mich der Tod der Höhepunkt des Lebens ist, die lang erwartete Begegnung mit einem Freund. Jetzt bin ich traurig darüber, dass der Papst mir zuvorgekommen ist.“

Abends erfuhr ich im französischen Fernsehen, dass Abbé Pierre am gleichen Tag von den Zuschauern neben Charles de Gaulle und Louis Pasteur  zu einem der drei größten Franzosen aller Zeiten gewählt worden war. Und ich darf ohne Peinlichkeit gestehen, dass ich beim Abschied von Abbé Pierre etwas Ungewöhnliches tat: Er war der erste Interviewpartner meines Lebens, dem ich beim Hinausgehen die Hand geküsst habe.

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Leser-Kommentare
  1. ... im Gedenken an Abbé Pierre.

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