George W. Bush geht einen schweren Gang: Alljährlich Ende Januar erläutert der amerikanische Präsident vor beiden Häusern des Parlaments die Grundzüge seiner Politik. Traditionell steht dabei die Einheit der Nation im Vordergrund. Auch die Senatoren und Abgeordnete der Opposition denken bei der von der US-Verfassung aufgetragen Rede in der Regel nicht an Parteienhader und Tagespolitik; die Volksvertreter beschwören üblicherweise mit rauschendem Applaus für das Staatsoberhaupt die Stärke und Größe der amerikanischen Demokratie.

Diesmal aber ist vieles anders. Ein politisch zunehmend vereinsamter Präsident tritt in dem ehrwürdigen Plenarsaal des Repräsentantenhauses zu Washington vor die Volksvertreter und Millionen seiner Landsleute, die live am Fernsehen die Rede verfolgen werden. Bush droht ein bitterer Abend - seine Popularität befindet sich auf einem Rekordtief. Nur noch 29 Prozent der Amerikaner glauben einer repräsentativen Umfrage des Zogby-Instituts zufolge, dass die USA auf dem "richtigen Kurs" sind. Und im neugewählten Kongress haben zum ersten Mal in seiner Amtszeit die gegnerischen Demokraten die Mehrheit in beiden Kammern.

Der Präsident werde "diesmal eine kürzere Rede halten", hieß es schon vorsorglich aus dem Weißen Haus - wohlwissend, dass Bush wenig Chancen hat, selbst mit einer rhetorischen Glanzleistung eine kritische und skeptische Öffentlichkeit zu begeistern. "Die Themen Umweltpolitik und Gesundheitswesen werden eine zentrale Rolle spielen", kündigte Bush-Sprecher Tony Snow an.

Aber Bush selbst hat dafür gesorgt, dass die Amerikaner, geht es um die Lage ihres Landes, heute in erster Linie an den Irak denken, an das anhaltende Blutvergießen und den Mangel einer Perspektive für Frieden und Stabilität. Fast vier Jahre nach Beginn eines Krieges, mit dem Bush die Demokratisierung des Nahen Osten verknüpfte, hat der Republikaner viel Vertrauen verloren. Selbst in seiner Partei wächst die Zahl der Kritiker bedrohlich.