Der junge Mann ist mittelgroß und untersetzt. Er trägt einen schwarzen Anzug und silberne Ringe an den Fingern. Das Auffälligste an ihm aber ist zweifellos sein langer Bart, der ihm mittlerweile bis zum Bauch reicht. Murat Kurnaz, der in Bremen aufgewachsene Türke, der fünf Jahre in amerikanischen Terrorgefängnissen verbrachte, trägt ihn wie ein Protestschild vor sich her, eine dauernd sichtbare Erinnerung an die lange Zeit des Leidens, die er hinter sich hat.

Bereits am Mittwoch hatte der mittlerweile 24-Jährige den Verteidigungsausschuss mit seinen Schilderungen erschüttert. Im afghanischen Kandahar sei er in einem US-Gefängnis an Ketten aufgehängt worden, berichtete er. Zuvor sei er auf seine „Folterfähigkeit“ überprüft worden. Während der Verteidigungsausschuss – der nicht öffentlich tagt – vor allem klären soll, ob sich auch deutsche KSK-Soldaten, die dort als Wachpersonal eingesetzt waren, an Misshandlungen beteiligt haben, ging es im am Donnerstag tagenden Untersuchungsausschuss um die politische Verantwortung für die Leiden des damals 19-Jährigen.

Auch vor dem Untersuchungsausschuss schilderte Kurnaz erneut die Rechtlosigkeit in amerikanischen Anti-Terrorlagern. Hunger, Kälte, Schläge – so lassen sich seine Ausführungen zusammenfassen. Als Kurnaz wieder nach Hause kam, so berichtete sein Anwalt vor dem Ausschuss, habe er es besonders genossen, zu telefonieren. Kein Wunder. Denn seit seiner Verhaftung bei einer Zufallskontrolle in Pakistan im Herbst 2001 hatte er dazu keine Gelegenheit mehr. Seine wiederholte Bitte, seine Verwandten zu informieren, wurde abgelehnt, ein Brief, den er vom afghanischen Kandahar über das Rote Kreuz schicken wollte, kam niemals an. Kurnaz hatte darin die Folter, die er erdulden musste, geschildert. Später, schon von Guantánamo aus, schrieb er eine Postkarte. Diesmal hatte er die Regeln begriffen. Es gehe ihm gut, schrieb er, die Karte schaffte es bis nach Bremen.

Was er erlebte, war die ganz normale Hölle von Guantánamo. Das Leben im Einzelkäfig aus Maschendraht, ständige Unterbrechung des Schlafs, zu wenig Wasser zum Waschen, Verhöre, die in der Isolierzelle endeten, wenn die Antwort nicht die gewünschte war. Dort wurde die Temperatur entweder extrem hoch oder extrem niedrig eingestellt, oder die Belüftung auch mal ganz abgeschaltet. Mehrfach sei er bei dieser Behandlung ohnmächtig geworden, sagte Kurnaz. Auch von Elektroschocks berichtete der junge Mann in seiner langsamen, etwas stockenden Redeweise und davon, mit dem Gewehr bedroht worden zu sein.

Im September 2002 tauchten in dem Lager plötzlich deutsche Beamte auf, dies ist auch durch Akten belegt. Zwei waren vom BND, einer vom Verfassungsschutz. Ihnen schilderte Kurnaz sein ganzes Leben. Er willigte auch in eine „Zusammenarbeit“ als Spitzel in der deutsch-islamischen Szene ein. Doch dann passierte erneut lange nichts. Erst im Frühjahr 2004 erhielt Kurnaz erneut Besuch: Einer der drei Deutschen war zurückgekommen, zu einem erneuten Verhör. Auf Fotos erkannte Kurnaz am Freitag einen der Beamten sicher, die ihn beim ersten Mal besucht hatten. Den Männern schilderte Kurnaz auch, unter welchen Bedingungen er leben musste. Davon hätten die Beamten aber nichts wissen wollen, sagte Kurnaz. Auf seine Frage, wann er denn wieder nach Hause könne, erhielt er die Antwort: „Entspannen Sie sich, Sie sind auf einer Karibikinsel“.