Es war ein bemerkenswerter Schachzug des serbischen Präsidenten Tadic, Bozidar Djelic als Spitzen-Kandidaten der Demokratischen Partei (DS) bei den Parlamentswahlen aufzustellen. Das Kalkül war dabei zweierlei: Unter der Führung des westlich orientierten Finanzfachmanns, der lange Zeit als Chef einer großen französischen Bank in Belgrad diente, sollten die Demokraten die stärkste Partei des demokratischen Blocks werden. Und in Folge für Serbien den Weg nach Europa aufzeigen.

Dieser Plan ist wohl nicht ganz aufgegangen. Zwar konnte die DS ihren Stimmenanteil fast verdoppeln und das Lager der Demokraten mit 65 Abgeordneten anführen. Sie muss aber mit den anderen demokratischen Parteien eine Koalition bilden. Die jedoch zeigen sich zum Teil tief zerstritten. Sowohl die DSS-Partei des amtierenden Regierungschefs Vojislav Kostunica als auch die Demokraten von Präsident Tadic beanspruchten das Amt des Ministerpräsidenten für sich. Dagegen verlangte der bisherige Finanzminister und Parteichef der kleinen Regierungspartei G17, Mladjan Dinkic, eine "Regierung der demokratischen Einheit". Tadic und Kostunica sollten "alle Streitigkeiten aus der Vergangenheit beiseite lassen". Ein Zusammengehen von Tadic und Kostunica, das von der EU und den USA gewünscht wird, um Serbien an Europa heranzuführen, scheint kaum möglich.

Ministerpräsident Kostunica denkt bislang nicht daran, seine Niederlage einzugestehen. Er ließ ausdrücklich jede Option für eine Regierungsbildung offen, die über eine parlamentarische Mehrheit verfügt – selbst mit den Ultranationalisten der Radikalen Partei, die mit 81 Abgeordneten erneut die stärkste Partei stellen. Schon bisher hatte Kostunica seine Minderheitsregierung von den Milošević-Sozialisten stützen lassen. Eine solche Regierung würde jedoch von Brüssel und Washington abgelehnt. Mladjan Dinkic machte seinerseits keinen Hehl daraus, dass er unter Djelic nie an einem Kabinettstisch sitzen wird.

Das Problem in Serbien ist nicht, dass der demokratische Block die Wahlen gewinnt. Sie vereinigen fast 2/3 aller Stimmen auf sich. Das Problem ist das Zerwürfnis der demokratischen Kräfte untereinander. Es hat sich deutlich gezeigt, dass Djelic mit seinen europäischen Werten zwar eine Mobilisierung der Wähler erreichte, aber keine Koalitionspartner findet, mit denen er regieren könnte.

Man könnte die heutige Situation in Serbien mit der in der Weimarer Republik vergleichen. Auch damals gab es keinen Konsens unter den demokratischen Parteien, und als der Konservatismus sein Bündnis mit den Nationalsozialisten einging, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Heute könnte Kostunica mit den extremnationalisten Radikalen von Vojislav Selselj zusammengehen, sollte der UN-Vermittler für den Kosovo bis zum Ende des Monats einen für die Serben ungünstigen Vorschlag für die Lösung des Kosovo unterbreiten. Er könnte aber auch eine Regierungsbildung hinauszögern. Nach der neuen serbischen Verfassung soll die Regierung bis April stehen, sonst wird es Neuwahlen geben.

Ob dann die demokratischen Kräfte erneut ihre Wähler mobilisieren könnten, muss bezweifelt werden. Deshalb sollte die internationale Gemeinschaft die Lösung des Kosovo-Problems aussetzen, solange es in Belgrad keine tragfähige Regierung gibt. Denn der Kosovo ist nicht das Ende, sondern der Anfang aller Probleme in Serbien.

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