Jazz Einen Grammy für Sonny?
Der Saxofonist Sonny Rollins gründete mit 75 Jahren ein eigenes Plattenlabel. Jetzt erscheint seine viel gelobte CD „Sonny, Please“ in Deutschland. Christian Broecking traf ihn in New York. Lesen Sie seinen Text, und hören Sie den Musiker im Audio-Interview
"Mal wieder verändern sich die Dinge", sagt Sonny Rollins und schaut aus dem Fenster des Four Seasons Hotels in New York.
Der Blick des Tenorsaxofonisten schweift
über den Central Park in Richtung Harlem und Sugar Hill, wo der heute 76-Jährige aufgewachsen ist. Auf seinem Label Doxy Records hat er gerade die
CD
Sonny, Please
veröffentlicht – am 26. Januar erscheint sie auf dem deutschen Markt, in den USA ist sie bereits als bestes Instrumental-Jazz-Album für einen Grammy nominiert.
Sonny Rollins im New Yorker Four Seasons Hotel.
Ja, es tut sich was. "Heute kommen die Leute nicht mehr über Platten in Kontakt mit Musik, sie lernen sie über das Internet kennen. Ich habe junge Leute getroffen, die meine Musik lieben, aber keine einzige CD zu Hause haben. Mir geht es jedenfalls nicht darum, Platten in die Läden zu stellen, meine Musik kann man downloaden und auf dem iPod hören", sagt Rollins, der keinen Computer benutzt.
Er hat sich für einen weltweit operierenden Vertrieb entschieden, um die mediale Aufmerksamkeit auch über die erste Aufregung hinaus wach zu halten.
Vor zwei Jahren starb seine Frau und Managerin Lucille. Sie hatte sich jahrzehntelang um seine Auftritte und Interviews gekümmert und seinen langsamen Rückzug aus dem Musik-Geschäft so erfolgreich gesteuert, dass seine Konzerte besonders hohe Gagen einbrachten. Nach einer Trauerzeit meldet sich Sonny Rollins dieser Tage in den Jazzmagazinen zurück. Jetzt kann er sich vor Anfragen kaum retten und weiß nicht, wie er das alles bewältigen soll. "Meine Frau und ich hatten eine perfekte Beziehung", berichtet Rollins, "wir wollten beide nicht die Hektik des großen Geschäfts und fanden Wege, uns davor zu schützen. Wir lebten weit entfernt vom Stadtleben, in Germantown. Sie hatte Lust, sich um die Geschäfte zu kümmern, und ich hatte Zeit, mich mit meinem Instrument zu beschäftigen und Bücher zu lesen. Das war eine schöne Zeit über viele Jahre. Nach ihrem Tod musste ich mich selbst um die Geschäfte kümmern, doch ich habe Hilfe von jüngeren Leuten, die sich auskennen und denen ich vertrauen kann."
Über 30 Jahre lang hat er für die kalifornische Plattenfirma Fantasy aufgenommen. Seine letzte dort erschienene CD heißt
Without a Song (The 9/11 Concert)
und ist ein Mitschnitt eines Konzertes, das Rollins nur wenige Tage nach dem 11. September 2001 in Boston gab. Den 11. September musste er in seinem Apartment nahe dem World Trade Center ausharren, am 12. September wurde dann das Wohnhaus evakuiert.
In den letzten Jahren wurde der Rollins-Klassiker
The Freedom Suite
, den er selbst einmal als "den ersten ausführlichen sozialen Kommentar im Jazz" bezeichnet hat, neu interpretiert: Die Einspielungen von David S. Ware und Branford Marsalis geben der legendären Aufnahme von 1958 eine aktuelle Färbung.
- Datum 26.01.2007 - 03:43 Uhr
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