Edel-Fan "Fußball ist Schadenfreude"

Hamburg, Clubheim des FC St. Pauli: Dirk Felsenheimer alias Bela B. hat sich extra diesen Ort für das Interview ausgesucht. Obwohl es beim Drittligisten lausig kalt ist, kommt der 44-Jährige in Fahrt, als er erzählt, wie er Fan des FC wurde

Herr Felsenheimer, finden Sie es nicht auch ein bisschen frisch hier?
Bela B.: Ja, es zieht.

Der Verein will wohl Heizkosten sparen.
Gut möglich.

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Wie oft sind Die Ärzte angesprochen worden, dem FC St. Pauli etwas zu spenden?
Oft. Und es werden auch ständig noch diese Vergleiche gezogen, ob ich oder Die Ärzte nicht was Ähnliches machen könnten wie Die Toten Hosen bei Fortuna Düsseldorf. Die haben damals eine Mark pro verkaufter Eintrittskarte für einen neuen Stürmer gespendet. 100.000 Mark kamen damals zusammen. Wir haben so etwas nicht gemacht. Es gibt ja auch nur einen St.-Pauli-Fan bei den Ärzten. Doch vor allem in den 90ern sind wir immer wieder gebeten worden, den Verein zu unterstützen. Wir haben dann ein Klohäuschen fürs Stadion spendiert.

Sie alleine engagieren sich häufiger.
Mit kleineren Spenden oder mit irgendwelchen Aktionen, wenn ich zum Beispiel helfe, Dauerkarten zu verkaufen. Ich will aber gar nicht, dass meine Karriere oder die Karriere meiner Band in irgendeiner Form in Verbindung mit dem FC St. Pauli gebracht wird.

Gibt es zwischen den Ärzten und den Toten Hosen immer noch diesen Konkurrenzgedanken?
Als Bommerlunder Sponsor des FC St. Pauli war, wurde vor den Spielen "Eisgekühlter Bommerlunder" von den Hosen gespielt. Und wenn Fortuna Düsseldorf zu uns ins Stadion kam, lief "Bommerlunder" gleich zweimal, was mich echt genervt hat. Bis auf die Tatsache, dass es die Bands etwa gleich lange gibt, sehe ich aber keine Parallelen und keine Konkurrenz mehr.

Wie sind Sie als Berliner an den FC St. Pauli geraten?
Das war 1993. Bis dahin war ich gar kein Fußballfan, wuchs auf und lebte in Berlin. Als Punkrocker hatte ich einige schlechte Erfahrungen mit Fans von Hertha BSC gemacht. Auch heute gibt es dort noch ein rechtes Hooliganpotenzial. Für mich war Fußball ätzende Prollscheiße. Dann erzählte mir aber Jan (Anm. der Red.: Jan Vetter alias Farin Urlaub, Sänger der Ärzte), dass er in Hamburg im Stadion gewesen war, da ihm Leute von der geilen Stimmung erzählt hätten. Ich hatte auch schon gehört, dass es beim FC St. Pauli eine Affinität zu Punkrock und zur Hafenstraße gab und dass der Torwart Volker Ippig Hausbesetzer war. Jan erzählte mir, dass in der Halbzeitpause "Westerland" lief und viele Leute mitgesungen hätten. Er habe eine Gänsehaut bekommen und den Wunsch gespürt, Die Ärzte wieder zusammenzubringen.

Der FC St. Pauli als Auslöser für die Wiedervereinigung der Ärzte?
Ja, das war die Initialzündung. Der FC St. Pauli ist einer der Gründe, dass es Die Ärzte wieder gibt. Heute wird "Westerland" am Millerntor aber nicht mehr so oft gespielt.

Warum das nicht?
Weil einer der Stadionsprecher Die Ärzte hasst. Er steht auf Die Böhsen Onkelz, da sind wir Feindbild. Das hat er mir selbst so erzählt.

Sie sind dem Verein dennoch treu geblieben.
1997 bin ich nach Hamburg gezogen, und irgendwann gehörte dieses Ritual, alle zwei Wochen ins Stadion zu gehen, einfach dazu. Irgendwann gehörte ich einer Szene an, die Punkrock hört, ins Stadion geht und in Kiezclubs rumhängt. Im gleichen Jahr habe ich mir meine erste Dauerkarte geholt, die Nähe zum Verein wuchs. Es stellte sich in einem Interview heraus, dass ich und Sven Brux (Anm. der Red.: bei St. Pauli verantwortlich für die Stadionsicherheit), als er noch Nieten-Punkrocker war, uns auf einem Konzert mal geprügelt hatten.

Was war passiert?
Er hatte mich angespuckt, als ich auf der Bühne stand. Ich spuckte zurück. Da er größer ist als ich, dachte er wohl: "Okay, da habe ich leichtes Spiel." Er ist auf die Bühne geklettert, wir haben uns gegenübergestanden und ein bisschen rumgehauen, bis sich die Ordner eingemischt haben. Wir waren keine Schläger, wollten uns das vom anderen aber nicht gefallen lassen.

Vor Jahren haben Sie für den Verein gesungen: die Hymne "You’ll never walk alone".
Eine doofe Sache damals. Seitdem ist mir das Lied nie wieder über die Lippen gekommen.

Weil Ihre Version nicht mehr am Millerntor gespielt wird?
Nein, weil sich gewisse Leute mir gegenüber echt scheiße verhalten haben. Das hat jetzt nichts mit beleidigter Leberwurst zu tun. Der Verein hatte mich gefragt, ob ich "You’ll never walk alone" neu interpretieren würde. Ich habe zugesagt und den Song aufgenommen. Keine Gage, keine Verträge, einfach mal gemacht. Dann wurde seitens der Fans und der Medien viel Dreck auf mich geschüttet, was mir überhaupt einfiele, einfach so die Stadionhymne zu covern. Das ging schon los, bevor ein Mensch den Song gehört hatte. Als dann während der Spiele auch noch vom Sprecher hämische Sprüche über die Stadionlautsprecher kamen, dachte ich bloß: "Okay Leute, macht euren Scheiß alleine. Der Song ist seitdem für mich gestorben."

Gerade in den letzten vier Jahren hatten Sie es als Fan des FC St. Pauli nicht ganz leicht.
Dafür gebührt uns Fans wirklich Bewunderung: Dass wir jetzt im vierten Jahr in der Regionalliga trotzdem das Stadion noch alle zwei Wochen voll machen und die Hoffnung nicht aufgeben. Als mir das mal jemand prophezeite, sagte ich: "Zwei Jahre noch, dann bin ich nicht mehr dabei." Dass wir jetzt immer noch hingehen, obwohl wir in jeder Saison mehr enttäuscht als überrascht werden, wundert mich wirklich. Wir haben alle diesen unerschütterlichen Glauben, dass die Tortur, dass diese Marter bald vorbei ist. Und dann sitzt oder stehst du da, guckst aufs Spielfeld und denkst: "Das kann doch nicht wahr sein, warum sind hier 20.000 Leute? Ich habe Kreisligisten oder Frauenfußballteams gesehen, die besser waren."

Haben Sie Rituale, die Ihnen helfen, die Rückschläge zu verarbeiten?
Auf jeden Fall wird immer viel Bier getrunken, klar. Ich halte mich mit einem Misserfolg aber auch gar nicht so lange auf, meine Enttäuschung verfliegt meist relativ schnell.

Wird in den letzten Jahren im Stadion mehr getrunken als noch zu Bundesligazeiten?
Glaube ich nicht, obwohl wir mehr Bierstände und jetzt auch Halbliterbecher vom Fass haben – kann also schon sein, dass etwas mehr getrunken wird. Bei mir ist es allerdings nicht mehr oder weniger geworden.

Wie viel schaffen Sie denn so pro Spiel?
Unterschiedlich, fünf oder sechs, wenn es gut läuft.

Große?
Teils, teils. Ich bin aber gar nicht so der Riesenbiertrinker. Ich kann das nicht mehr massenweise in mich reinschütten – habe ich früher vielleicht zu oft gemacht. Mein Motorrad musste ich trotzdem schon am Stadion stehen lassen.

Waren Sie nach dem 2:1-Sieg gegen den FC Bayern vor fünf Jahren lange euphorisiert?
Einige Wochen. Dieses Glücksgefühl kommt auch heute noch wieder. Aber auch nach der Pokalniederlage gegen die Bayern letztes Jahr war ich noch drei Tage euphorisiert, da wir die bessere Elf waren. Als vor dem Spiel der Mannschaftsbus der Bayern ankam und durch die Menschenmenge musste, war das schon geil, diese zukünftigen Weltmeisterhelden da sitzen zu sehen. Dann zeigte uns Pizarro, glaube ich, auch noch den Mittelfinger. Ich habe ein Foto gemacht, leider sind diese Handykameras zu langsam, sein Arm war schon wieder unten.

Was hat ihn so wütend gemacht?
Es wurden halt so Lieder gesungen, und es wurde rumgeschrien: "Scheiß Millionäre" und so was – auch wenn ich mich dabei etwas zurückhalten musste.

Ob Sie wollen oder nicht: Sie zählen zu den Edelfans des FC St. Pauli?
Gemessen an den Hochglanzpromis in Deutschland sehe ich mich da schon etwas anders. Beim FC St. Pauli kommen viele ideelle Sachen dazu, das Gefühl im Stadion, die Fanpolitik des Vereins. Ich kann mich damit immer noch voll identifizieren, auch wenn ich jetzt in meinem eigenen Haus wohne und zwei Autos habe – aber das ist doch völlig egal. Der FC St. Pauli ist der Verein für mich, der Verein, zu dem ich passe. Das hat mit Identifikation zu tun, und mit dem verzweifelten Ankämpfen gegen das Unvermeidliche. In meinen Songtexten interessiert mich das auch mehr als die Erfolgsgeschichten.

Das glorreiche Scheitern.
Ja, dieses Sich-nicht-unterkriegen-Lassen, um dann doch alle paar Jahre so eine Überraschung aus dem Hut zu zaubern wie im DFB-Pokal. Dann laufen hier Champions-League-Helden mit angeekelten Gesichtern auf dem Platz rum und sehen gegen uns richtig alt aus.

Sie spüren Schadenfreude.
Na klar, pure Schadenfreude, aber auch dieses David-gegen-Goliath-Phänomen. Wenn Miroslav Klose dann fassungslos unseren Torwart anguckt, weil der ein Tor vereitelt hat, ist das einfach ein unbezahlbarer Moment.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Sie Schnorrern nichts mehr geben würden. Nerven Sie die vielen "Retter"-Kampagnen, mit denen der FC St. Pauli versucht, sich am Leben zu erhalten?
Nein, diese Aktionen haben dem Verein ja tatsächlich geholfen. Ich habe den Ball vom 2:1-Sieg gegen die Bayern ersteigert. Ich habe also etwas gekriegt für meine Spende.

Wie teuer war der Ball?
5555 Euro.

Spielen Sie ab und zu mit ihm?
Natürlich nicht! Den habe ich zu Hause in einer Vitrine.

Ihr privater St.-Pauli-Schrein.
Genau. In der Vitrine steht auch eine Plastikfigur von Olli Kahn, wie er die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Und die Eintrittskarte vom Spiel liegt natürlich auch drin, und das Weltpokalsiegerbesieger-T-Shirt mit der Mannschaftsaufstellung und dem Endstand drauf, alle meine Dauerkarten et cetera.

In "Wiehr thind sssuper" auf Ihrer Soloplatte singen Sie: "All die tolle Du-bist-Deutschland-Euphorie. Deutschland wäre doch lieber die USA." Die Platte kam knapp vier Wochen vor der WM raus. Wo haben Sie in den WM-Monaten für sich Grenzen gezogen?
Zunächst dachte ich nur: "Drei Wochen nachdem ich das Lied rausgebracht habe, fahren die überall mit Deutschlandfahnen rum. Die werden mich jetzt in der Luft zerreißen." Und tatsächlich hat es auch von Freunden einiges an Kritik gegeben: "Was soll denn das? Jetzt hat man mal positive Gefühle, ohne dass man sich als Nazi fühlt. Das kannst du doch nicht kaputt machen. Du gehörst doch nicht zu diesen Alt-68ern. Du bist doch kein Hippie."

Warum haben Sie das Lied geschrieben?
Weil ich eine dezidierte Meinung und Angst vor einem Rechtsruck habe. Ich beobachte mit Besorgnis, wie Politiker von rechts-konservativ-christlichen Parteien mit der Ausländerangst auf Stimmenfang gehen. Das sind Sachen, die sollten wir nicht aus unserem Bewusstsein rücken, nur weil wir ein Superfußballturnier im Land haben. Wir sollten nicht vergessen, was in diesem Land vor 60, 70 Jahren passiert ist. Ein größerer Nationalstolz ist ganz sicher nicht die Lösung unserer Probleme. Stolz auf unser Fußballteam zu sein, dass die für uns, für unser Land da was erkämpfen und dass man gerne in diesem Land lebt, ist alles kein Problem für mich. Die Leute allerdings, die jetzt immer noch mit Deutschlandfahnen herumfahren, finde ich, ehrlich gesagt, total bescheuert.

Seit der WM hat sich für Fußballfans vieles verändert. Auch Anhänger des FC St. Pauli mussten zum Beispiel persönliche Daten abliefern oder wurden mit Stadionverboten bestraft.
Und das, obwohl gar keine Hinweise auf irgendwelche Straftaten vorlagen. Es ist ein Unding, wie schon wieder auf wirklich hanebüchene Art und Weise versucht wird, den Widerstand gegen rechte Strukturen zu kriminalisieren. Das Verbot von durchgestrichenen Hakenkreuzen zum Beispiel. Wir haben ein Neonazi-Problem in diesem Land. Es gibt inzwischen diese neue, intelligente Rechte in diesem Land, diese Otto-Normal-Nazis, die von der Öffentlichkeit einfach so hingenommen werden. Aber erst mal werden wieder St.-Pauli-Fans kriminalisiert.

Links und rechts werden in einen Topf geschmissen.
Es wird immer schnell von Gewalt von links und rechts gesprochen, und immer genau in dieser Reihenfolge. Wenn über rechte Straftaten gesprochen wird, machen einige Leute öffentlich immer gleich klar, dass sie auch gegen Gewalt von links sind. Gewalt gegen rechts heißt aber mehr als tausend neue Gewaltdelikte im Jahr mit Schwerverletzten und sogar Toten. Gewalt von links heißt fast ausschließlich Gewalt gegen Sachen. Und es gibt sowieso nur einen verschwindend geringen Teil von gewaltbereiten St.-Pauli-Fans, weil sie sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen wollen. Gegen diese staatliche Macht, gegen diese Diskriminierung kannst du aber nur mithilfe der Öffentlichkeit etwas machen. Dafür möchte ich meine Prominenz auch nutzen.

BELA B.: bürgerlich Dirk Felsenheimer wurde am 14. Dezember 1962 in Berlin-Spandau geboren. Zum Jahreswechsel stand er im Kölner Fußballstadion nach einigen Jahren erstmals wieder mit den Ärzten auf der Bühne. Gemeinsam mit Farin Urlaub und Rodrigo Gonzalez sangen sie Klassiker wie "Westerland". Für Herbst dieses Jahres ist ein neues Album der Punkrocker geplant, Anfang 2008 soll es wieder auf Tour gehen. Zuletzt veröffentlichte Bela das erfolgreiche Soloalbum "Bingo", auf dem auch ein Gastauftritt von Lee Hazlewood zu hören ist. Als Schauspieler ist Felsenheimer ebenfalls gefragt: bei der letzten Berlinale lief "Bye Bye Harry" von Regisseur Robert Young. Bei den Dreharbeiten in der Slowakei nutzte Bela die Abende, um gemeinsam mit Til Schweiger Fußball zu gucken. Der Starttermin des Films ist noch offen.

Dieses Interview erscheint am kommenden Mittwoch im Fußball-Magazin RUND »

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Leser-Kommentare
  1. Matthias Greulich und Oliver Lück : Zum Jahreswechsel stand er im Kölner Fußballstadion nach einigen Jahren erstmals wieder mit den Ärzten auf der Bühne.
    Von 1993 bis 2005 standen die Ärzte jedes Jahr gemeisam auf der Bühne !!! Die Recherche zum Thema hätte also besser sein können !!! Interview ist aber gut gelungen.

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