Edel-Fan "Fußball ist Schadenfreude"Seite 3/3

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Sie Schnorrern nichts mehr geben würden. Nerven Sie die vielen "Retter"-Kampagnen, mit denen der FC St. Pauli versucht, sich am Leben zu erhalten?
Nein, diese Aktionen haben dem Verein ja tatsächlich geholfen. Ich habe den Ball vom 2:1-Sieg gegen die Bayern ersteigert. Ich habe also etwas gekriegt für meine Spende.

Wie teuer war der Ball?
5555 Euro.

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Spielen Sie ab und zu mit ihm?
Natürlich nicht! Den habe ich zu Hause in einer Vitrine.

Ihr privater St.-Pauli-Schrein.
Genau. In der Vitrine steht auch eine Plastikfigur von Olli Kahn, wie er die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Und die Eintrittskarte vom Spiel liegt natürlich auch drin, und das Weltpokalsiegerbesieger-T-Shirt mit der Mannschaftsaufstellung und dem Endstand drauf, alle meine Dauerkarten et cetera.

In "Wiehr thind sssuper" auf Ihrer Soloplatte singen Sie: "All die tolle Du-bist-Deutschland-Euphorie. Deutschland wäre doch lieber die USA." Die Platte kam knapp vier Wochen vor der WM raus. Wo haben Sie in den WM-Monaten für sich Grenzen gezogen?
Zunächst dachte ich nur: "Drei Wochen nachdem ich das Lied rausgebracht habe, fahren die überall mit Deutschlandfahnen rum. Die werden mich jetzt in der Luft zerreißen." Und tatsächlich hat es auch von Freunden einiges an Kritik gegeben: "Was soll denn das? Jetzt hat man mal positive Gefühle, ohne dass man sich als Nazi fühlt. Das kannst du doch nicht kaputt machen. Du gehörst doch nicht zu diesen Alt-68ern. Du bist doch kein Hippie."

Warum haben Sie das Lied geschrieben?
Weil ich eine dezidierte Meinung und Angst vor einem Rechtsruck habe. Ich beobachte mit Besorgnis, wie Politiker von rechts-konservativ-christlichen Parteien mit der Ausländerangst auf Stimmenfang gehen. Das sind Sachen, die sollten wir nicht aus unserem Bewusstsein rücken, nur weil wir ein Superfußballturnier im Land haben. Wir sollten nicht vergessen, was in diesem Land vor 60, 70 Jahren passiert ist. Ein größerer Nationalstolz ist ganz sicher nicht die Lösung unserer Probleme. Stolz auf unser Fußballteam zu sein, dass die für uns, für unser Land da was erkämpfen und dass man gerne in diesem Land lebt, ist alles kein Problem für mich. Die Leute allerdings, die jetzt immer noch mit Deutschlandfahnen herumfahren, finde ich, ehrlich gesagt, total bescheuert.

Seit der WM hat sich für Fußballfans vieles verändert. Auch Anhänger des FC St. Pauli mussten zum Beispiel persönliche Daten abliefern oder wurden mit Stadionverboten bestraft.
Und das, obwohl gar keine Hinweise auf irgendwelche Straftaten vorlagen. Es ist ein Unding, wie schon wieder auf wirklich hanebüchene Art und Weise versucht wird, den Widerstand gegen rechte Strukturen zu kriminalisieren. Das Verbot von durchgestrichenen Hakenkreuzen zum Beispiel. Wir haben ein Neonazi-Problem in diesem Land. Es gibt inzwischen diese neue, intelligente Rechte in diesem Land, diese Otto-Normal-Nazis, die von der Öffentlichkeit einfach so hingenommen werden. Aber erst mal werden wieder St.-Pauli-Fans kriminalisiert.

Links und rechts werden in einen Topf geschmissen.
Es wird immer schnell von Gewalt von links und rechts gesprochen, und immer genau in dieser Reihenfolge. Wenn über rechte Straftaten gesprochen wird, machen einige Leute öffentlich immer gleich klar, dass sie auch gegen Gewalt von links sind. Gewalt gegen rechts heißt aber mehr als tausend neue Gewaltdelikte im Jahr mit Schwerverletzten und sogar Toten. Gewalt von links heißt fast ausschließlich Gewalt gegen Sachen. Und es gibt sowieso nur einen verschwindend geringen Teil von gewaltbereiten St.-Pauli-Fans, weil sie sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen wollen. Gegen diese staatliche Macht, gegen diese Diskriminierung kannst du aber nur mithilfe der Öffentlichkeit etwas machen. Dafür möchte ich meine Prominenz auch nutzen.

BELA B.: bürgerlich Dirk Felsenheimer wurde am 14. Dezember 1962 in Berlin-Spandau geboren. Zum Jahreswechsel stand er im Kölner Fußballstadion nach einigen Jahren erstmals wieder mit den Ärzten auf der Bühne. Gemeinsam mit Farin Urlaub und Rodrigo Gonzalez sangen sie Klassiker wie "Westerland". Für Herbst dieses Jahres ist ein neues Album der Punkrocker geplant, Anfang 2008 soll es wieder auf Tour gehen. Zuletzt veröffentlichte Bela das erfolgreiche Soloalbum "Bingo", auf dem auch ein Gastauftritt von Lee Hazlewood zu hören ist. Als Schauspieler ist Felsenheimer ebenfalls gefragt: bei der letzten Berlinale lief "Bye Bye Harry" von Regisseur Robert Young. Bei den Dreharbeiten in der Slowakei nutzte Bela die Abende, um gemeinsam mit Til Schweiger Fußball zu gucken. Der Starttermin des Films ist noch offen.

Dieses Interview erscheint am kommenden Mittwoch im Fußball-Magazin RUND »

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Leser-Kommentare
  1. Matthias Greulich und Oliver Lück : Zum Jahreswechsel stand er im Kölner Fußballstadion nach einigen Jahren erstmals wieder mit den Ärzten auf der Bühne.
    Von 1993 bis 2005 standen die Ärzte jedes Jahr gemeisam auf der Bühne !!! Die Recherche zum Thema hätte also besser sein können !!! Interview ist aber gut gelungen.

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