Wie echt sind Sie eigentlich noch? Wenn Sie sich die Homepage von ZEIT online anschauen, diesen Artikel hier lesen, leben Sie dann in der wirklichen Welt oder in der virtuellen? Ist nur die Zeitung aus Papier echt? Oder auch die im Netz? Die Nachrichten sind im Zweifel die gleichen, bei uns sogar - ganz ehrlich - noch von wirklichen Menschen verfasst. Szene aus dem Spiel "Second Life"

Aber Sie sind vielleicht ein anderer Mensch, der da liest. Sie könnten nämlich gerade in diesem Moment ein neues Fenster ihres Browsers öffnen und sich beim Online-Portal Second Life “ anmelden, wo Sie nicht in ihrem wirklichen Körper vor einem Bildschirm sitzen, sondern sich im Pool räkeln - ausgestattet mit glänzenden Muskeln an den richtigen Stellen, Sonnenbräune und blonden Locken. Und mit diesem herrlichen Körpergefühl springen sie zurück ins erste Fenster und lesen ZEIT online . Wissen Sie noch, wer Sie wirklich sind? Kontrollieren Sie doch mal eben die Röllchen an Ihrem Bauch!

Nehmen Sie mal an, im wirklich Leben sind Sie so etwas, was man euphemistisch einen Lebenskünstler nennt, jemand, der gut gelaunt mit wenig Geld zurechtkommt. Im Spiel „ Second Life“ sind sie jedoch einer, der mit dem wichtigsten Gut handelt - mit Land. Sie sind reich und berauscht von Ihrer Macht. Vielleicht lesen Sie den Artikel über Herrn Piëch ganz anders - je nachdem, wer sie gerade sind.

Eine hübsche Satire empfiehlt: "Hol dir ein erstes Leben“. Das echte Leben wird angepriesen, weil es in 3D stattfindet, analog und kostenfrei ist. Besonderer Vorteil: Es gibt keine serverbedingten Ladeschwierigkeiten. Arbeite, pflanze dich fort und stirb. So einfach funktioniert die analoge Welt. Konsequenterweise kann man keinen der vielversprechenden Links auf dieser „"One Page Satire Site"“ von The Lazy Moaf anklicken. Denn all das kriegt man ja nur im „ersten Leben“. Klingt überzeugend, oder?

Doch so einfach ist die echte Welt eben längst nicht mehr. Getafirstlife.com empfiehlt beispielsweise, doch einfach mal wieder die eigenen Geschlechtsteile beim Sex einzusetzen. Doch wie sieht das aus, wenn Sie Ihrem Liebhaber, mit dem Sie am Abend verabredet sind, am Morgen schlüpfrige E-Mails schreiben? Ist das schon das Vorspiel zur besseren Verführung in der Nacht oder noch virtueller Sex? Wo beginnt eigentlich"first life" und wo "second life"? Wir jedenfalls empfehlen Ihnen nicht, auf das „zweite Leben“ zu verzichten. Abonnieren Sie die ZEIT , gehen Sie auf ZEIT online , diskutieren Sie von Angesicht zu Angesicht und auf den Seiten dieser Website... ...wie hieß es einmal in einer Werbung? Leben Sie, wir besorgen den Rest.

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