Halle/Westfalen. Er hatte immer bereit gestanden. "Im Notfall kann Heiner Brand auf mich zurückgreifen", hatte der 37-jährige Kreisläufer Christian Schwarzer stets erklärt, und deshalb gehörte der Lemgoer auch zum 28er-Kader, den der Handball-Bundestrainer im November melden musste. Nun ist dieser Notfall schon nach dem zweiten Vorrundenspieltag der XX. Handball-Weltmeisterschaft eingetreten: Vor dem 32:20-Sieg gegen die zweitklassigen Argentinier, der die Qualifikation für die Hauptrunde vorzeitig klarmachte, war mit Andrej Klimovets einer der beiden gelernten Kreisläufer ausgefallen; der Kronauer hatte sich beim Aufwärmen einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen. Noch am Abend nominierte Brand den 302-fachen Nationalspieler nach, der die WM bis dato als ZDF-Experte verfolgte. Theoretisch kann er schon im letzten Vorrundenspiel gegen Polen (Montag, 17 Uhr) eingesetzt werden.

Spektakulär ist das Comeback allemal. Mit "Blacky", wie er in der Handballszene heißt, kehrt schließlich ein prominenter Vertreter jener "Goldenen Generation" ins Team zurück, deren Kern nach dem olympischen Finale von Athen 2004 abgetreten war - nachdem sie viermal in Folge das Endspiel eines großen Turniers erreicht hatte. Mit ihm sagten damals auch Stefan Kretzschmar, Volker Zerbe, Mark Dragunski und Klaus-Dieter Petersen adieu. Schwarzer spielte in Brands Konzept nicht nur als bulliger Kreisläufer eine wichtige Rolle, sondern auch als "heimlicher Kapitän", als emotionales Zentrum dieser Mannschaft, die bereits ein Mythos ist im deutschen Handball. Denn Schwarzer besitzt ein sensationelles Gespür dafür, jüngere Spieler in krisenhaften Situationen gezielt zu motivieren. Mit seiner unglaublichen Präsenz und Leidenschaft reißt er seine Mannschaftskameraden mit.

Zum Beispiel Pascal Hens. Der Hamburger Rückraumschütze befand sich bei der EM 2004 in Slowenien in einem sportlichen Tief, nach einer Verletzung fehlte ihm das Selbstvertrauen. Dann warf er im zweiten Gruppenspiel gegen Polen, das längst entschieden war, ein eigentlich unbedeutendes Tor. Daraufhin stand der bereits ausgewechselte Schwarzer auf, trottete die ganze Bank entlang, stellte sich vor Hens auf, schüttelte den Schlaks und schrie ihm ins Gesicht: "Siehst du, es geht doch." Danach explodierte Hens förmlich, spielte sich in einen Rausch. Gut eine Woche später war Deutschland Europameister geworden. Solche Aktionen abseits des rein Sportlichen sind es, weshalb der Bundestrainer in Schwarzer einen Prototyp eines Mannschaftsspielers sieht.

Helfen wird Schwarzer also allemal, und eben nicht nur auf der Position des Kreisläufers. Wer spekuliert, dass Schwarzer zu alt oder zu langsam sei für den modernen Handball, der befindet sich auf dem Holzweg. "Ich bin so fit wie sonst auch immer vor den Turnieren", sagt Schwarzer. Die Gegner werden es als Drohung verstehen.

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