Das Spannendste in dem Gerichtsprozess gegen Peter Hartz wird nicht das Urteil sein. Im schlimmsten Fall drohen dem früheren VW-Personalvorstand eine zweijährige Bewährungsstrafe und 300.000 Euro Geldstrafe, das steht schon fest. Vieles steht schon fest, seitdem sich die Braunschweiger Staatsanwälte mit dem Angeschuldigten und seinem Saarbrücker Verteidiger Egon Müller im Vorfeld der Gerichtsverhandlung auf einen Deal geeinigt hatten, den Müller beim Auftakt des Prozesses totzureden versuchte. Das war, kurz bevor er mit der dunklen Stimme des erprobten Seriositätserzeugers zu einer hörenswerten Vorlesung über Schuld und Mitbestimmung anhob. „ Es gab keinerlei Druck von irgendeiner Seite“, sagte der Verteidiger vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Braunschweig und zielte damit auf Äußerungen der Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff, die in der ZEIT überraschend offenherzig die genauen Umstände ihres Deals mit Hartz geschildert hatte. "Wir lassen keine Prostituierten
aufmarschieren"
, hatte die Anklägerin vor der Verhandlung der ZEIT gesagt, „und im Gegenzug“ werde Hartz sein Geständnis über Sonderbonuszahlungen an den früheren Duzfreund, den ehemaligen VW-Betriebsratschef Klaus Volkert, genau ausführen. Dass Hartz sich tatsächlich an diese Abmachung hielt und ein umfassendes Geständnis ablegte, konnte niemanden mehr erstaunen. Peter Hartz im Gericht

Das Spannendste in dem Prozess wird deshalb sein, ob bei Hartz noch einmal das rote Lämpchen angeht. Vor ihm auf dem Tisch ist ein hilfreiches Gerät installiert, mit dem Hartz sich offenbar nicht genau auskennt. Jedenfalls sah er sich dieses komische Ding zunächst sehr hilflos an, nachdem die Fotografen verschwunden waren und Hartz sich gesetzt hatte. Der Apparat besteht aus einer langen, biegsamen Stange, die einen kleinen Kopf hat, in den man hineinsprechen kann. Will man das, drückt man auf einen Knopf, und es geht ein rotes Lämpchen an. Alle im Gerichtssaal können dann hören, was da gesagt wird. Das Gerät nennt sich Mikrofon. Es müsste Hartz von seinen vielen Auftritten vergangener Tage vertraut sein, aber sein Verteidiger fingerte an dem Mikrofon des Peter Hartz herum, als zeigte er einem Kleinkind, wie man einen Löffel zum Mund führt. Das war aber nur eines dieser rituellen Vorspiele für Insider, und die allgemeinverständliche Übersetzung könnte lauten: Wer sich für ein Mikrofon interessiert, will öffentlich Auskunft geben.

Übersetzungen sind in diesem und in den noch zu erwartenden VW-Verfahren deshalb sinnvoll, weil es von redegewandten Beschuldigten nur so wimmelt. Die verzichten aber vielsagend auf die eigene Sprachgewalt und lassen ihre renommierten Anwälte dozieren. So ist es auch bei Hartz. Zur Sache äußerte er sich am Mittwoch, dem ersten Verhandlungstag, nicht. Verteidiger Müller fragte das Gericht noch, ob man das Mikrofon überhaupt einschalten müsse. Aber nachdem die Rentner auf der Zuschauerbank im Saal erschrocken aufgejault hatten, blieb das Mikrofon an, als Peter Hartz über sich selbst zu sprechen begann. Geboren im Saarland, aufgewachsen im Saarland, jetzt VW-Rentner und freier Unternehmensberater im Saarland, so viel brachte er persönlich vor. Lange hatte man diese Stimme mit dem weichen Dialekt nicht gehört, und nach wenigen Minuten hörte man sie auch nicht mehr. Nur noch beim Verteidiger ging das rote Lämpchen an. Erst 50 Minuten später war es wieder aus.

Es wurde eine schweifende Rede, die schön anzuhören war, weil Müller es verstand, in der getragenen Tonlage eines Pfarrers diese kuschelige Adventsstimmung zu verbreiten, die man seit dem Abschmücken des Weihnachtsbaums schon fast wieder vergessen hatte. Gedehnte Worte, lange Atempausen. Man merkte sofort, dass es hier um etwas Höheres gehen sollte. Mitverantwortung, Partnerschaft, Mitbestimmung, Schulterschluss, Vertrauen, wechselseitiges Vertrauen, Verzicht auf gegenseitige Kontrolle, ja, leider Gottes, auch das. Mit einem Wort: Volkswagen. „Vertrauensseligkeit, die ihre Nachteile hatte“, erklärte Müller, überall drohten Hartz „Gefahren- und Versuchungselemente“, und wenn in diesem Moment jemand im Gerichtssaal eine Kerze angezündet hätte wegen all der fehlgeleiteten Vertrauensseligkeit auf dieser Welt – man hätte es für den passenden Augenblick halten mögen. Peter Hartz, der sich Zeit seines VW-Lebens mit überdrehten Sätzen zu tarnen versucht hatte, muss den Verteidiger tief beeindruckt haben. So sehr, dass man immer mal wieder den tonlos gestellten Hartz herauszuhören glaubte, als Müller sprach. Die Entzauberung des vornehmen Spektakels war dann die Sache einer Frau.

Sehr konzentriert trug die Oberstaatsanwältin Wolff vor, was Hartz zu verantworten hat. Fast zwei Millionen Euro Sonderbonus für den früheren Chef des Betriebsrates, weitere 400.000 Euro Honorar für dessen ehemalige Freundin aus Brasilien. Alles aus der Firmenkasse. Viele teure Ausflüge ehemaliger VW-Leute hat Hartz genehmigt. Dubai, Rio, Prag, Bratislava, Paris, Lissabon, Jamaika, Casablanca, Havanna, Rom, Bombay, Delhi. Die Aufzählung könnte noch lange weitergehen. Als die Anklägerin das alles aneinanderreihte, konnte man glauben, sie lese gerade das Inhaltsverzeichnis des neuen TUI-Katalogs vor.

Später wurden einige Zeugenaussagen zitiert, ein paar Ausschnitte aus früheren Vernehmungen. Kostproben gewissermaßen. Wäre das alles nicht so ernst, und wäre da nicht bei allen Prozessbeteiligten eine unabweisbare Konzentration auf das rechtlich Relevante, dann hätte man sich stundenlang amüsieren können. Wie diese VW-Männer damals ihr Treiben benannten – ein ganzes Wörterbuch könnte man füllen mit Synonymen. Ein Wörterbuch der VW-Sprache. Außerordentliche Leistungen, das konnte dort bedeuten: Sonderbonus (tagsüber), oder Sex mit Huren (nachts). Hielt ein Betriebsrat Ausschau nach einer Prostituierten, sagte er: „Ich suche nach einer Begleitung.“ War diese gefunden, wurde sie rasch von einem Mittelsmann „zugeführt“. Ließ sich eine brasilianische Geliebte mit VW-Aufträgen verwöhnen, lautete die richtige Bezeichnung für diese „nicht nur dienstlich veranlasste“ Beziehung: „Soziales und Interkulturelles“. Gab man für das Interkulturelle sehr viel Geld aus, hoffte man bei VW, das ganze sei „revisionsfest“. Dass es nicht ganz so revisionsfest war, beweist der Prozess gegen Hartz, der vermutlich schon am nächsten Verhandlungstag, am Donnerstag kommender Woche, zu Ende gehen wird.

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