Innere Sicherheit

Fortschritt der Angst

Millionen Forschungs-Euro gegen Schrecken und Katastrophen? Annette Schavan zeigt, wie man dem Terror zu viel Respekt zollt. Ein Kommentar von

Überwachungskamera in Camden, London

Überwachungskamera in Camden, London

Es war nur eine Frage der Zeit, bis es auch Annette Schavan mit der Angst zu tun bekommt. Heute stellte die Bundesforschungsministerin in Berlin das erste ressortübergreifende „Programm zur zivilen Sicherheitsforschung“ vor: 123 Millionen Euro sollen deutsche Wissenschaftler bekommen, um „intelligente Sicherheitslösungen“ zu entwickeln - für den Kampf nicht nur gegen Naturkatastrophen, sondern vor allem gegen Kriminalität und Terrorismus.

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Dessen Gefahren scheinen in Deutschland immens zu sein, zumindest nach den Vorstellungen des Forschungsministeriums: Nicht nur Strom- und Wasserversorgung könnten im Fall des Falles zusammenbrechen, auch Verkehrs- und Kommunikationssysteme könnten ins Chaos stürzen. Mit schlimmen Folgen: in kürzester Zeit würden Unternehmen zahlungsunfähig, Warenketten unterbrochen - und schon herrschte Versorgungsnotstand. Ein Narr, bei dem da nicht sofort alle Alarmglocken läuten.

Die Bundesrepublik ist einer der sichersten Staaten der Welt, aber wen interessiert das. Technische Innovationen für den Standort Deutschland sind angesagt, und der Kampf gegen den Terror ist en vogue. Doch brauchen wir wirklich Sensoren, die blitzschnell vermeintlich jeden Sprengstoff im Reisegepäck erschnüffeln, brauchen wir hocheffiziente Durchleuchtungstechnik, um Flughafen- und anderen Passagieren bis auf die nackte Haut schauen zu können und vielleicht noch tiefer? Muss der Staat technisch in der Lage sein, nicht nur meinen Finger- und Irisabdruck zu speichern, sondern auch noch die exakte 3D-Form meines Gesichts, um etwas gegen den Terror ausrichten zu können?

Echte Terroristen wird das alles wenig stören. Wer skrupellos für fragwürdige Ideale Menschen töten will, der wird immer neue Wege finden. Technologisch allein rückt man dem Terror nie zu Leibe. Höchstens psychologisch. Doch genau dies missachtet der Geist des neuen Forschungsprogramms völlig: Terrorismus funktioniert nicht wegen der technischen Schlagkraft seiner Zerstörungswut. Er nährt sich aus der Furcht davor. Wie groß diese Furcht in Deutschland ist, hat die Forschungsministerin gerade mit einer eindrucksvollen Zahl beziffert: 123 Millionen Euro.

Was wirklich Angst macht, ist, dass die Regierung mit ihrem neuen Programm ein völlig falsches Signal setzt. Wenn die Illusion, mit Technologieforschung ließe sich Frieden schaffen, als politische Leitlinie hoffähig wird, dann ist die wahre Friedensforschung so gut wie gescheitert. Sie fragt, wie sich die Ursachen von Krieg und Terror bekämpfen lassen: Allem voran Armut, Hunger und Umweltzerstörung. Die Erkenntnisse solcher oftmals sozial- und geisteswissenschaftlichen, kaum aber technologischen Forschung sind freilich unangenehm: Friede entsteht durch Umverteilung. Indem wir etwas abgeben von Reichtum, kultureller Hegemonie und dem Anspruch, für westliche Werte die ökologischen Ressourcen der ganzen Welt zu verprassen.

Die Wissenschaft aber wird kaum Kritik am neuen Programm der Regierung üben. Hochschulen, Bundesforschungsanstalten und die großen Wissenschaftsgesellschaften sitzen gerne mit im nationalen Rettungsboot von Frau Schavan - und freuen sich über die 123 Millionen Euro. Die Innovationen, die sie daraus machen, können die Wissenschaft tatsächlich voranbringen, weil sie technologisches Wissen schaffen. Dafür Geld auszugeben, ist ja ohne Frage Aufgabe des Forschungsministeriums. Aber die Politik sollte Mittel bereitstellen, ohne dass eine Ministerin mit Chaos und Schrecken droht. Das Geld ließe sich mit einer friedlicheren – oder gar keiner - Forschungsvorgabe effizienter im Sinne einer gesellschaftsrelevanten Wissenschaft einsetzen. Insofern hat der Terror gesiegt: Zumindest einen Teil der Forschung hat er jetzt im Griff.

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Leser-Kommentare

  1. Lieber Herr Schwentker,

    Sie sind mit Ihrem Kommentar ein paar Jahre zu spät. 9/11 hat einen Trend gesetzt, und all die, die mit der Freiheit in unserer Gesellschaft schon immer ein wenig überfordert waren, können seitdem ihrer irrationalen Angst und Xenophobie freien Lauf lassen. Sie und Ihre Zeitung hätten sich lautstark gegen biometrische Ausweise und Vorratsdatenspeicherung stark machen können, sie sind aber wie die meisten anderen Meinungsmacher still geblieben oder haben sich aktiv an der Panikmache beteiligt.

    Der Stein rollt, die Zeiten stehen schlecht für die Freiheit. Das wird sich, wenn überhaupt, erst ändern, wenn im Zuge von 'Antiterrormaßnahmen' unschuldige Deutsche zu Tode kommen. Ein von Schäuble abgeschossenes Flugzeug, in dem, wie sich nachträglich herausstellt, keine Terroristen saßen, fällt mir spontan dazu ein. Sollen wir uns das wünschen? Eher nicht, ich bleibe lieber politik(er)verdrossen.

    v.

  2. Es hilft zu lesen, dass es auch noch andere gibt, die den Verlust der Freiheit nach 9/11 bemerkt haben.
    Leider wird Datenschutz heute immer mehr als eine Sache begriffen, die nur derjenige braucht der etwas zu verbergen hat.

  3. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Eine Gesellschaft, die angstgesteuert ihre Freiheit opfert, um dafür 'Sicherheit' zu bekommen, hat schon verloren.

    Anstatt sich Horrorszenarien auszumalen, sollten sich die Deutschen auf die positiven Werte wie Freiheit oder Selbstbestimmung konzentrieren. Leben mit einer Grundstuktur positiver Energien schützt vor Angst und davor, Opfer zu werden. Aber das könnte vielen Politikern nicht geheuer sein.

    • 28.01.2007 um 15:06 Uhr
    • keox

    terror ist herrschaft durch verbreitung von angst und schrecken.

    diese sicherheitstechnik muß uns alle schrecken - wie opponiert man gegen eine herrschende klasse, die solche instrumente zur verfügung hat?

    maut für lkw und pkw,
    RFID,
    überprüfung des bargeldlosen zahlungsverkehrs,
    kameraüberwachung allerorten,
    quasi abschaffung des bankgeheimnisses - natürlich nicht für die bosse,

    diese liste ist längst nicht vollständig - beängstigend ist sie allemal.

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  • Von Björn Schwentker
  • Datum 24.1.2007 - 09:11 Uhr
  • Quelle ZEIT online
  • Kommentare 4
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