Davos - Vielleicht gibt es zwei Angela Merkel. Die eine, Angela I, arbeitet als Vorsitzende einer Großen Koalition in Berlin, wo sie finassiert und austariert, und ihren reformerischen Instinkten die Zügel des Machterhalts auflegt. Die andere, Angela II, war wieder einmal in Davos zu beobachten, wo sie mit - für deutsche Verhältnisse - kühnen programmatischen Worten das diesjährige Weltwirtschaftsforum eröffnete. Kühner als daheim: Merkel bei der Eröffnung des Weltwirtschaftsformums in Davos© Joel Saget/AFP/Getty Images

Dort hat sie, erstens, an der Stabilitäts- und Berechenbarkeits-Denke gerüttelt, die so typisch deutsch ist wie die Currywurst. Gerade, dozierte sie, „hat das schweizerische Prognos Institut eine Studie veröffentlicht. Danach wird China in zwei Jahren die Exportweltmeister des letzten halben Jahrhunderts, Deutschland und USA, an der Spitze ablösen.“

Übersetzt: Liebe Deutsche, wir müssen uns jetzt wirklich sputen. Es reicht nicht, sich warm anzuziehen, was ja rein defensiv wäre. Die Dinge bewegen sich viel zu schnell, wenn selbst chinesische Firmen, wie sie berichtete, Produktion nach Botswana verlegen, weil dort die Löhne noch niedriger sind. Ergo: Nur „wenn wir es richtig anpacken“, so Angela II, könne Deutschland Vorteile aus der Globalisierung ziehen.

Die war ihr zweites Thema. Selbstverständlich hat sie, wie es sich gehört, die „Kehrseite“ und die „Ängste“ betont, um dann die probaten Antworten abzuschmettern, die solchen Korrektheiten normalerweise folgen. „Abgrenzen“ gelte ebenso wenig wie am „Altbewährten festzuhalten“.
Für deutsche Verhältnisse folgte geradezu eine Lobeshymne auf die Globalisierung. Diese sei „Liberalisierung“. Dazu ein hübscher Satz von Benjamin Franklin: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ Ob sie das dem SPD-Koalitionspartner im Kabinettssaal auch sagen würde?

Weiter in der Hymne. „Die unabdingbare Voraussetzung für globales Wachstum ist die Offenheit der Weltmärkte.“ Wer daran teilnimmt, wächst; wer sich abschottet, wird mit „sinkendem Wachstum“ bestraft. Ergo wieder ihre Lieblingsidee: eine transatlantische Freihandelszone.

Einen Tag lang war Angela II die Königin von Davos. „Sie war heute beim Frühstück richtig gut – to the point und sogar witzig“ sagt ein Londoner Investmentbanker. Und am Abend davor verließen die Größen der deutschen Wirtschaft das beste Dinner von Davos – Austern und Hummer, gespendet von Jürgen Grossmann und der Georgsmarienhütte - , um am Hofe von Angela zu erscheinen. Selbst ein bekannter CSU-Politiker ließ Austern Austern sein, um Angela II die Honneurs zu erweisen.

In Berlin muss Merkel wieder Angela I geben. Warum eigentlich? Warum nicht mehr Angela II? Etwas Davos täte auch an der Spree gut.

Zum Thema
Zu viele Antworten - Die Redner in Davos lassen kaum einmal Zweifel zu. Eindrücke vom Weltwirtschaftsforum von Uwe Jean Heuser »

Halbstarker Staat - Die Politik will der Wirtschaft Grenzen setzen »