Geschichte Dresden im Feuer
Großbritannien debattiert über Jörg Friedrichs Buch "Der Brand", das nun ins Englische übersetzt wurde.
Das Buch von Jörg Friedrich Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945 ist nun in einer englischen Übersetzung erschienen. The Fire entfacht aufs Neue eine jener Debatten, die mittlerweile zum festen Bestandteil des deutschbritischen Diskurses gehören. Es hat freilich nicht erst der englischen Ausgabe des Buches bedurft, um das Schicksal Dresdens und die Folgen des Bombenkrieges der Alliierten gegen deutsche Städte den Briten ins Bewusstsein zu rufen. Anders als wir Deutschen haben die Briten die kontroversen Ereignisse ihrer Geschichte eben nicht verdrängt.
Es darf außerdem nicht unerwähnt bleiben, dass im britischen Establishment schon während des Krieges Zweifel an der Bombenstrategie von Bomber Harris laut geworden waren. Lange Zeit danach wurde Arthur Harris bei Ehrungen übergangen und erst Jahrzehnte nach Ende des Krieges zum Ritter geschlagen. Erst in den 90er Jahren, aus Anlass seines hundertsten Geburtstages, setzten Veteranen der Royal Air Force und die Königinmutter die Errichtung einer Statue am Rande des Hyde Parks in London durch, ein Ereignis, das erneut eine scharfe, erbitterte Debatte auslöste.
Friedrichs Vorwurf, Churchill und Harris hätten sich eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht, stößt in der Mehrheit der britischen Historiker auf wenig Gegenliebe und irritiert selbst jene, die das Bombardement für einen schweren Fehler halten. Der Kriegshistoriker und Journalist Max Hastings konzediert zwar, dass alle Details der verheerenden Wirkung der Flächenbombardements von Jörg Friedrich korrekt beschrieben seien. Aber er werde misstrauisch, wenn der Autor von Kriegsverbrechen spreche. Auch andere wittern Unrat. Die Geschichtsforscher Corelli Barnett und Anthony Beevor fürchten, Friedrich beabsichtige, die Verbrechen Hitlerdeutschlands mit dem Bombenkrieg der Alliierten gleichzusetzen. Der Schriftsteller Ian Buruma wiederum hatte vor ein paar Jahren noch Deutschlands Umgang mit der eigenen Schuld als vorbildlich bezeichnet, insbesondere im Vergleich zu Japan. Bereits nach Erscheinen der deutschen Ausgabe von Friedrichs Buch stellte Buruma indes die Frage, warum die Linke in Deutschland auf einmal so wild darauf sei, das Thema zu wechseln; jahrzehntelang hätte sie doch und er meinte damit auch Günther Grass das Leiden der Deutschen ignoriert oder verdrängt.
Deutsches Leid aufzuarbeiten sei überfällig gewesen, sagte David Cesarani, einer der führenden Holocaustforscher des Landes, bereits vor fünf Jahren. Er forderte deutsche Geschichtswissenschaftler auf, die Gräueltaten der Roten Armee und die Verbrechen während der Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten zu ihrem Thema zu machen. Nun, spätestens mit dem Buch von Jörg Friedrich, der sich bis dahin der Aufarbeitung deutscher Verbrechen während der Nazizeit gewidmet hatte, sind diese Sujets enttabuisiert worden.
Zugleich hat sich die englische Debatte verschoben. Eine direkte Zurückweisung der These von Friedrich, die Bombardierung Dresdens sei ein Kriegsverbrechen gewesen, bot Frederik Taylor in seinem Buch Dresden: Tuesday 13. Februar 1945 . Darin versucht er den Nachweis zu führen, Dresden sei wegen seiner Waffenfabriken auch in den letzten Monaten des Krieges noch ein militärisch wichtiges Ziel gewesen. Friedrich weist dies als absurd zurück. Ihm zur Seite sprang AC Grayling mit seinem Buch Among the dead Cities , in dem er viele der Bombenangriffe auf deutsche Städte als unnötig und unverhältnismäßig bezeichnet und die nächtlichen Angriffe auf Hamburg gar als unmoralisch. Graylings Schlussfolgerungen stoßen bei den meisten britischen Historikern jedoch auf Widerspruch.
Friedrich bediene sich des Argumentes du auch, schreibt Michael Burleigh in der Sunday Times . Diese Denkfigur habe Admiral Dönitz während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse benutzt, als er darauf hinwies, auch Amerika und Großbritannien hätten den rücksichtslosen U-Boot-Krieg propagiert, der ihm als Verbrechen angelastet werde. Burleigh kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Friedrichs Buch sei Teil einer schleichenden kulturellen Verschiebung in Deutschland, weg von demonstrativer Selbstkasteiung für die Sünden der Vergangenheit, hin zu einer weinerlichen Opferrolle. Burleigh glaubt, Friedrich liefere nicht nur der neuerlichen Tendenz in Deutschland Vorschub, die deutsche Schuld am Ausbruch des 2. Weltkrieges zu relativieren. Zugleich hätten seine Thesen indirekt dazu beigetragen, Deutschlands wacklige geopolitische Position mit der emotional engeren Anlehnung an Putins Russland als an Bushs Amerika zu rechtfertigen. Die selbstmitleidige Enzyklopädie des Schmerzes von Friedrich habe ihn deshalb kalt gelassen, wenn auch nicht ohne Mitleid für die Opfer in dieser Bilanz des Schreckens.
- Datum 30.01.2007 - 08:32 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




