Der Mann, der zu den besten und produktivsten Journalisten unserer Zeit gehörte, war ein langsamer Schreiber. An einem guten Tag schaffte er eine Manuskriptseite, an einem schlechten viel weniger. Denn er hasste Sätze, die so klangen, als habe er sie schon einmal irgendwo gelesen, Phrasen, die das eigene Erleben in fremde Schablonen stanzten. Und es liegt wohl auch an seiner direkten, zupackenden Sprache, dass seine Reportagen ihre Anlässe um Jahrzehnte überlebten und heute wie große Literatur gelesen werden müssen. Ryszard Kapuscinski© STR/AFP/Getty Images

Ryszard Kapuscinski, der Chronist der Entkolonialisierung Afrikas und Lateinamerikas, der Autor, der China schon bereiste, als sich dort nur maoistische Spinner und andere Claqueure hinwagten, begann seine Karriere 1956 als Reporter bei der polnischen Jugendzeitung Sztandar Mlodych , wechselte später zur Wochenzeitung Polytika und arbeitete viele Jahre als Korrespondent der staatlichen polnischen Nachrichtenagentur PAP. Auch wenn das heutige Polen es anders sehen will, war der Sohn eines Volksschullehrers aus dem seit 1945 weißrussischen Pinsk nie ein Dissident. Er fand seine persönliche Freiheit im Reisen und in einer Form, für die die Zensurbehörden in seiner Heimat offenbar keine Kriterien hatten: in der literarischen oder, wie er selbst sagte, "essayisierten" Reportage, die Erlebnisse verdichtet, interpretiert, und natürlich auch inszeniert.

Wie sein großes Vorbild, der griechische Geschichtserzähler Herodot, fahndete Kapuscinski auf seinen Reisen, die ihn immer wieder zu denselben Schauplätzen führten, nach historischen Gesetzmäßigkeiten und Parallelen. Die Fremde war bei ihm, der sich nie explizit zu Europa geäußert hat, immer auch der Spiegel des Eigenen. Dabei konnte er, gerade in seiner Heimat Polen, mit aufmerksamen Lesern rechnen. Sein wohl bestes Buch König der Könige (1978) über den Fall des äthiopischen Kaisers Haile Selassie wurde als Parabel der Macht des von den Gewerkschaften bekämpften sozialistischen Politbüros gelesen. In Schah-in-Schah (1982) erforschte er das Ineinandergreifen von sozialer Revolution und Fundamentalismus in Iran. Nach seiner Reise durch die späte Sowjetunion verfasste er mit Imperium (1993) eine traurige, leise, mitfühlende Arbeit, aber auch eine großartige Innenansicht eines grundmaroden Landes, das seine Bewohner noch schlechter behandelt als seine osteuropäischen Vasallen.

Doch Kapuscinskis ganz große Liebe galt Afrika. Eine Mischung aus scharfem politischem Verstand und unbändigem Fernweh trieb ihn dort hin, wo Machtkonstellationen, die andere für ewig hielten, ins Wanken gerieten, Kolonialherren stürzten, Staaten langsam zerfielen. In Afrika erlebte er als junger Mann die Zeit der großen Euphorie und später die Zeit der noch größeren Enttäuschung. Von seinem ganzen Wesen her ein gutmütiger Skeptiker, registrierte er mit immer größerer Sorge die haarsträubenden politischen, ökonomischen und kulturellen Asymmetrien zwischen Erster und Dritter Welt, in denen bis heute die Kolonialzeit fortlebt. Warum, fragte er noch 2004, werden im Irak eigentlich nur die westlichen Toten gezählt? Wann, sollte das heißen, hört der Westen endlich auf, sich für das Maß aller Dinge zu halten. Kapuscinski selbst tat das nie.

Auch in späteren Jahren, als seine Texte immer persönlicher wurden, ironischer und wie sein 2006 auf Deutsch erschienenes autobiografisches Buch Meine Reisen mit Herodot sogar verplauderter, weigerte er sich, aus dem Stegreif Statements oder schnelle Kommentare zu aktuellen Fragen abzuliefern. Wenn man ihn, den Vielgereisten, einen Experten nannte, begriff er das als Beleidigung. Seine Rolle blieb die des Anderen, seine Texte handelten immer auch von ihm und seinem Nicht-Verstehen. Er wollte die Fremde nicht nur darstellen und erklären, er wollte sich ihren Paradoxien, ihrer ganzen Tragik, ihren Gerüchen und Geschmäckern aussetzen. "Ich muss reisen, sonst habe ich keine Vorstellung von der Welt."

Bis ins hohe Alter, mit sechs Bypässen und einer künstlichen Hüfte, kehrte Kapuscinski immer wieder an die Orte zurück, an denen in den 1970er und achtziger Jahren seine bedeutendsten Texte entstanden: nach Afrika und Lateinamerika. In den letzten Jahren war er meist ohne Aufnahmegerät und häufig sogar ohne Notizbuch unterwegs, weil er der Meinung war, dass die wichtigsten Begegnungen einem ohnehin im Gedächtnis blieben und der Rest es nicht Wert sei, erinnert zu werden. Und: Er fuhr immer allein.