Lehrer Ein Ort für Schlangenwege
Ein Schulleiter berichtet vom Wert einer modernen Hauptschule, über Rappen im Chor und flache Hierarchien
Volker Schneider ist Leiter der Karrillonschule Weinheim, einer Hauptschule an der Bergstraße, und in seiner Freizeit Dirigent mehrerer Chöre. Wir treffen uns am Abend in Großsachsen, wo er mit seiner Familie lebt.
„Lehrer war mein Wunschberuf,“ erzählt der 60-Jährige, „er entstand schon, als ich die Grundschule besuchte. Mein Klassenlehrer war der Auslöser. Ein Idol für mich. Faszinierend, wie es ihm gelang, schwierige Sachverhalte klar und einfach darzustellen, und das in leisem, entspanntem Ton. Ich wurde sein erster und einziger Geigenschüler und fand dadurch meinen Weg zur Musik und zum Beruf. Als Lehrer habe ich zunächst an Sonderschulen für Lernbehinderte im ländlichen Raum unterrichtet, später in Mannheim/Schönau, dort gab es schon keine Woche ohne Polizeibesuch. An diesen Schulen konnte ich mich formen. Es wurde mein Maßstab, Komplexes einfach zu vermitteln, und ich strebe noch heute danach, die Lebensqualität der Schüler zu erhöhen. Dasselbe gilt, wenn ich mit einem Chor arbeite. Ich habe täglich mit Menschen vom Kindes- bis zum Seniorenalter zu tun. Das Alter macht beim Lernen keinen Unterschied. Möchten Sie ein Glas Wasser?“
Im Gespräch bemerke ich eine erstaunlich entspannte Ruhe, die von diesem Menschen ausgeht, an seinen Bewegungen gibt es nichts Überflüssiges, und man könnte ihn beinahe für schläfrig halten, wäre nicht die Stimme voll tönend und seine Augen mir so aufmerksam zugewandt.
„Sie kommen gerade von der Schule und haben gleich Chorprobe, wie schaffen Sie das?“ frage ich ihn. „Ich stehe täglich um 4 Uhr auf. Von halb sechs bis halb acht bin ich in der Schule am Schreibtisch, das ist meine Schaffensperiode, ich habe Zeit zu lesen, die Post ist bearbeitet, wenn die ersten Lehrer kommen. Dann sind meine Ohren offen für Probleme und Alltag. Am Abend nach der Schule habe ich Chorprobe bis 22 Uhr. Das ist mein Biorhythmus.“ Herr Schneider lacht. „Ich brauche nur 4 oder 5 Stunden Schlaf.“
Singen Sie mit ihren Schülern? „Ja, am Anfang erschrecken sie über ihre Stimmen, sie sind ja eher das Hören von Singstimmen gewöhnt. Über Computer und Fernseher. Natürlich komme ich ihrem Geschmack entgegen. Und allmählich entwickeln sie sich zu singenden Klassen. Ich bin nicht der geborene Rapper. Das zeige ich auch. Ich spreche den Rap, sie singen ihn. Es ist gut, wenn sie merken, dass sie mir in gewissen Dingen überlegen sind. Auch in Ethik muss ich nur die Zusammenhänge bringen. Wie sollte man Ansichten bewerten? Insofern ist das ein fantastischer Beruf.“
Herr Schneider war Abteilungsleiter für den Hauptschulzweig der Dietrich- Bonhoeffer-Schule in Weinheim, wurde Schulleiter der Grund und Hauptschule in Eppelheim, und wechselte 1991 zur Karrillonschule.
War es Ihr Wunsch, die Karrillonschule zu übernehmen? „Ja. Es ist mein Wunsch, mich ganz den Schülern einer reinen Hauptschule zu widmen. Auch wenn mein Gehalt heruntergestuft wurde. Die Anforderungen sind zu hoch, um zusätzliche eine angeschlossene Grundschule zu betreuen.
Und ich übernehme gern Problemfälle, weil ich einen Sinn darin sehe, etwas zu verändern. Mein Vorgänger war noch vom alten Schlag. Er hatte die Schule vor der Öffentlichkeit abgekapselt. Keiner sollte sehen, was da läuft. Er arbeitete in alten hierarchischen Strukturen. Der stellvertretende Leiter durfte nur einspringen, wenn der Kopf oben fehlte, sonst hatte er nichts zu sagen. Ich arbeite anders. Zusammen mit der Co-Rektorin und zwei Lehrkräften bilden wir eine Team-Schulleitung. Die Schule ist mittlerweile eine so genannte „teilgebundene Ganztagsschule“. Wir haben sie nach Außen geöffnet und mit außerschulischen Partnern vernetzt. Es gibt Lehrbeauftragte, die mit Schülern Projekte machen, wir sind Modellschule für das Jugendbegleiterprogramm in Baden-Württemberg. Es kommen beispielsweise Musikschullehrer zu uns, die einmal in der Woche Schlagzeug, E-Gitarre und Keyboard- Unterricht geben. Wir bieten Hausaufgabenbetreuung, Mittagessen und bis zu 25 Stunden in der Woche Deutschunterricht, der individuell auf Kinder abgestimmt wird, die kaum Deutsch sprechen oder ohne Deutschkenntnisse zu uns kommen. Diese Kinder, ungefähr 10 Prozent von 170 Schülern, werden einzeln oder in Kleingruppen betreut und nicht aus ihrem Klassenverband gerissen. Ein Mädchen aus Russland beispielsweise hat es so innerhalb von 2 Jahren zu einem der besten Hauptschulabschlüsse geschafft.
Wir arbeiten eng mit dem Netzwerk 'Jugendagentur Job Central' zusammen. Die Schüler werden ab der 8. Klasse darin unterstützt, ihren Berufswunsch zu finden und geschult, sich zu bewerben. Betreuer begleiten sie im Betrieb während des Praktikums. Selbst wenn sie eine Lehrstelle haben, werden sie nicht allein gelassen bis zum Ende ihrer Ausbildung. Das heißt, wenn ein Kind zu Hause keine guten Bedingungen hat, kann es bei uns seine Defizite aufarbeiten. Ob alle Kinder die Angebote annehmen, ist ein anderes Kapitel. Meist ist es so, dass sie von denjenigen, die sie am Dringendsten bräuchten, nicht angenommen werden, weil sich die Eltern nicht mit sorgen, nicht hinter ihren Kindern stehen. Das ist noch ein Schwachpunkt.“
Herr Schneider seufzt. „Wir haben es oft mit arbeitslosen Eltern zu tun, die ohne Perspektive leben und wahrscheinlich selbst schlechte Erfahrungen mit der Schule gemacht haben, nichts Positives über sich gesagt bekommen haben. Und das ist unser oberstes Gesetz: Wir wollen die positiven Seiten unserer Schüler erkennen und stärken. Und das braucht Zeit, einen langen Atem. Da hat es keinen Sinn, gewissen Lehr- und Bildungsplänen hinterher zu rennen, man muss auch den Mut haben, Pläne auszudünnen. Unser Motto heißt: 'Miteinander leben, voneinander lernen. Leben lernen'.“
„Sie arbeiten auch mit der Polizei zusammen?“
„Es ist üblich, dass ein Sachbearbeiter der Polizei einer Schule zugeordnet ist. Das kann man papiermäßig betrachten. Im Notfall ruft man an. Wir haben den Herrn Haust. Der hat sein Fach im Lehrerzimmer, bekommt Einladungen zu Konferenzen und Feiern. Er ist jeden Montag in der großen Pause auf dem Schulhof. Die Kinder können sich an ihn wenden, wie an einen Bekannten. Danach ist er eine Stunde für die Schulleitung da. Gibt es Vorfälle, bildet die Co-Direktorin Gesprächskreise mit ihm und einer Person vom Jugendamt. Er ist also kein Fremdkörper. Zu Gewalttätigkeiten kommt es bei uns selten.“
Wie ist der Ruf der Karrillonschule?
„Hauptschule ist in unserer Gesellschaft ein vernichtendes Urteil. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich eine Klasse wiederholen müssen, Musik und Pfadfinder waren mir wichtiger als Schule. Das ist für mich keine Schande, sondern ein Stück Lebensweg. Die Hauptschule ist auch ein Ort für Kinder, die Schlangenwege gehen. Noch ist es möglich, dass sich Kinder in der Hauptschule stabilisieren, und mit Zusatzunterricht auf die Realschule vorbereiten.
In Weinheim haben wir zwei Hauptschulen. Kinder sind beim Schulbesuch der ersten neun Jahre an ihren Stadtteil gebunden. Ich wäre ja für eine freie Wahl. Die einen sagen, ohne sich zu schämen: Mein Kind geht auf die Bonhoeffer-Schule. Bonhoeffer-Schule kann nämlich auch Realschule oder Gymnasium heißen. Die Karrillonschule liegt in der Nordstadt. Dort leben Menschen in ärmeren Verhältnissen und überdurchschnittlich viele Migranten. Da wird gesagt: Mein Kind muss auf die Karrillonschule. Muss! Warum? Weil die Vorurteile immer noch da sind, die Schule leide unter hohem Ausländeranteil und extremem Gewaltpotenzial. Insider wissen die Schule inzwischen sehr zu schätzen.“ Herr Schneider zieht lächelnd die Augenbrauen hoch. „Mit dem Ruf ist es wie mit der Zahnpasta. Wenn sie einmal aus der Tube ist, kriegt man sie nicht mehr hinein.“
Zum Thema
Lehrerleben
-
Lehrer erzählen aus ihrem Alltag.
Alle Folgen der Serie finden Sie hier »
- Das Weblog aus dem Alltag einer Lehrerin »
- Datum 26.01.2007 - 13:00 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Es ist schön, dass sich die Zeit um die Schule kümmert. Was bringt uns dieser Artikel für neue Erkenntnisse?
- dass es engagierte Lehrer und Schulleiter gibt?
- dass Hauptschüler auch nur Schüler sind?
- dass sich manche Eltern nicht um ihre Kinder kümmern?
Alles schrecklich neu!
Mit dem Artikel wird transportiert:
Wenn der Lehrer oder Schulleiter mit 4 Stunden Schlaf auskommt bis 22 Uhr seinen Chor leitet und dann noch mit ruhiger Stimme seinem Gegenüber begegnet, dann hat auch der Hauptschüler eine Chance.
Hört doch endlich auf schlecht über die Hauptschule zu sprechen! Der fast übermenschliche Schulleiter führt und leitet euch!
Die Kultusminister und ihre Bürokratie wird es mächtig freuen das zu lesen: Wir lassen alles beim Alten und pferchen all unsere benachteiligten Kinder in die Hauptschule zusammen! Die Elite übergeben wir den 'normalen' Lehrern.
Danke liebe Zeit im Namen aller Gestrigen!
Das ist kein Artikel, an dem man die 'Auswüchse' einer grossen 'Bildungskatastrophe' festmachen könnte, und ganz folgerichtig sind auch die emotional verkümmerten, hysterischen Schreier vom Platz.
Ist denen zu langweilig:
Ein Lehrer, der seine Nerven schont, der seine Schüler liebt, und ihnen hilft, gute Menschen zu werden.
Dabei ist das das Allerwichtigste.
Solche Artikel sind wichtig, weil sie in die richtige Richtung weisen, und unser Unterbewusstsein positiv prägen.
Gerne mehr davon!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren